Christine Nöstlinger, 1936–2018

Christine Nöstlinger, 1936-2018

Christine Nöstlinger, 1936-2018

Ein Nachruf auf die große Kinderbuch-Autorin.

Tage, die so beginnen, können nur gut enden: „Ehrliche Freunde, aufrichtige Kollegen, wahrheitsliebende Wischer, leiht mir eure Flatterohren!“ Bereits in den 1970er-Jahren, noch von den heutigen Bücherbergen mit Kinderratgebern gänzlich unverstellt, wagte die Autorin Christine Nöstlinger Außerordentliches. Während viele Eltern ihren Nachwuchs mit der Herzenswärme von Kühlerfiguren großzogen, wandte sich Nöstlinger – wie in ihren berühmten, via Radio und Buch massenhaft verbreiteten „Wischer-Briefen“ – mit unverfrorenem Witz und sehr viel Herz an ihr juveniles Publikum: „Ich sitze da in meiner Stube und mache mir so meine Gedanken über das Verhalten von Altwischern ohne Nachwuchs zu Jungwischern.“

Nöstlingers Heldengeschichten, ausbuchstabiert in mehr als 150 Büchern, waren stets Kinderheldengeschichten, in denen Erwachsene allenfalls Nebenrollen übernehmen und sich dabei jede erdenkliche Blöße geben durften. Ein Glücksfall bereits „Die feuerrote Friederike“ (1970), Nöstlingers Debüt als Schriftstellerin. Man darf sich von der gegenwärtigen Vielfalt und Vitalität der Jungleser-Prosa in den Buchhandlungen nicht täuschen lassen: Lange Zeit wirkte die Literatur für Kinder und Jugendliche neben Nöstlingers Schreibwerkstatt wie saurer Kitsch.

Herbe Grazie

Nöstlinger, die sich bis ins hohe Alter im Umgang mit ihren Mitmenschen eine herbe Grazie und einen wachen politischen Instinkt bewahrte, hat früh verstanden, dass man als Kinderbuchautorin zuweilen auch sanfte Kinderschreckerin sein darf. „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“, „Pfui Spinne!“, „Anna und die Wut“ oder „Der liebe Herr Teufel“ – so übertitelte sie ab Mitte der 1970er-Jahre ihre in rascher Folge und in unverwechselbar eigenwilligem Stil entstandenen Bücher. Welche Kinder sie denn nicht möge, wurde Nöstlinger vor zwei Jahren von profil in einer ihrer letzten großen Interviews gefragt: „Schiache Kinder oder solche Streber-Kinder, die in der Schule immer so eifrig aufzeigen.“

In den „Wischer-Briefen“ griff die Autorin übrigens nie zu traurigen Abschiedsworten: „Auf morgen, Kollegen! Grüß Gott und habe die Ehre gehabt! Ich pflücke mich in den Schlaf hinein. Eure Dschi Dsche-i Dschunior.“ Am 28. Juni ist Christine Nöstlinger, wie jetzt erst bekannt wurde, nach kurzer, schwerer Krankheit im Wiener Wilhelminenspital 81-jährig gestorben.