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Nachruf
02/01/2021

Der Singerl: Autorin Helene Maimann über das Leben des großen Arik Brauer

Kurz nach seinem 92. Geburtstag starb der Maler, Musiker und Geschichtenerzähler Arik Brauer in seiner Wiener Heimatstadt. Die Filmemacherin und Autorin Helene Maimann erinnert sich an einen charismatischen, unersetzlichen Künstler.

Wir saßen beim Abendessen, es muss Mitte der 1960er-Jahre gewesen sein, als mein Vater sagte: "Übrigens, der Singerl ist wieder in Wien." Wer? "Der Singerl. Erich Brauer. Er scheint ein großer Maler geworden zu sein. Jetzt nennt er sich Arik, aber für uns war er immer der Singerl, weil er so eine hohe Stimme hatte und wie ein Vogerl sang."

Das war das Stichwort, das ich Brauer ein halbes Leben später per Telefon zuwarf, als ich zum zweiten Mal versuchte, ihn für einen Film über seine Jugend zu begeistern. Der erste Versuch war gescheitert. Es sollte um sein Überleben als U-Boot mitten im nationalsozialistischen Wien gehen. Er hatte kurzerhand abgelehnt. "So viele Leut' sind jahrelang in einem Kasten gesessen oder in einem Kellerloch. Da werd ich mich nicht wichtig machen." Und erneut hatte ich Pech. Singerl? "Also, ich habe gehört, dass Sie in der kommunistischen Jugend ein großer Star waren, gleich nach dem Krieg", sagte ich zu ihm. "Der Singerl, erzählt man, war berühmt dafür, dass er überall mit seinen Herrgottsschlapfen und seiner Gitarre auftauchte und politische Singstücke schrieb, eins hieß die Schmieroper." Falscher Einstieg.

Das dritte Mal sprach ich ihn auf einer Vernissage an. "Schau'n S'", meinte er, "das ist ja schon so oft gemacht worden. Brauer geht durch sein Haus, durch die Wüste, springt ins Meer, feiert mit der Familie den Schabbat, das ist mir schon sehr fad." Aber ich habe ja was ganz anderes vor, sagte ich matt. "Ich möchte nicht einen Film über Sie machen, sondern mit Ihnen. Ihre Kinderjahre! Und sind Sie wirklich mit dem Radl nach Afrika..." Er klopfte mir sanft die Wange und schüttelte lächelnd den Kopf.

Dreimal hat er mich also weggeschickt. 2011 aber, nach der Premiere meines Films über Bruno Kreisky im Gartenbaukino, fiel er mir um den Hals und rief: "Und wann machen wir unseren Film?" Jetzt hatte ich ihn!

 

Zwei Wochen später war er bereit, mit Doron Rabinovici, Paul Chaim Eisenberg und Ruth Werdigier bei einer Matinee für die ORF-Religion über den jüdischen Witz mitzumachen. Es war nicht unbedingt seine Favoritenrolle, mit drei Routiniers zu wetteifern, statt allein aufzutreten. Aber er nahm es als Probeaufnahme für unseren Film (damit hatte er recht), und er war brillant. Holte sich die Bälle, warf eigene, erzählte, besser: spielte herrliche Geschichten und sang zum Schluss noch zur Gitarre. Auch wenn er immer wieder betonte, dass er zuvorderst Maler war - ohne Bühne, Publikum und Applaus und ohne seine Lust zu erzählen war der Singerl kein ganzer Mensch.

In all den Jahren seither besuchte ich Brauer immer wieder in seinem großartigen Haus, in und an dem sich seine rastlose Hand zeigte, an der Fassade, in der Küche, im Badezimmer. Wann immer ich kam, saß er vor der Staffelei, im Wohnsalon, der zugleich sein Atelier war, manchmal im zauberischen Garten, gemeinsam mit Naomi, seiner so schönen wie klugen und machtvollen Frau. Ohne sie ging gar nichts. Sie regierte das Management, den Haushalt und seinen Kalender. Um ihn zu erreichen, rief man am besten sie an. "Der Arik ist im Wald", sagte sie oft, "ruf ein bissel später an." Der Wienerwald nahm einen großen Raum in seinem streng geregelten Tagesablauf ein: um sechs Uhr aufstehen, eine halbe Stunde im Pool schwimmen, Frühstück, Staffelei. Mittagspause, Wald, Staffelei. Herumsitzen und Zeit vertun, das war ihm grässlich, da konnte er sehr grantig werden. Er war ein unermüdlicher Arbeiter. Woher er seine Energien nahm, ist mir schleierhaft. Eines Abends bat ich ihn, ein Porträt des "Kistenschani" zu machen, das war eine seiner Kindheitsfiguren: ein Strotter, der in einer Kiste lebte und in ihr langsam verrottete. Als wir am nächsten Drehtag aufkreuzten, war der "Kistenschani" schon fast fertig, farbenprächtig gemalt, in den feinsten Details liebevoll ausgeführt.

Keine Frage, dass die wunderlichen, verrückten, heruntergekommenen und angsteinflößenden Figuren seiner Kindheit zum sprudelnden Quell seiner Kreativität geworden waren. Ein Jahr lang bin ich zu ihm gepilgert, auch um herauszufinden, was es mit den Herrschaften auf sich hatte, die seine Songs und seine Erinnerungen bevölkerten. "Der Surmi Sui", sein ekelhafter Volksschullehrer. "Der Rostige" oder, wie man in Wien sagt, der Rotschädlerte mit seinen Gugerschecken (Sommersprossen), der noch dazu Brillen trug, der arme Wicht, und bis aufs Blut sekkiert wurde, Brauer-Burli vorneweg. "Der Spiritus" in der Kellerwohnung, der sturzbetrunken in lautstarken Tiraden die Welt verfluchte. "Die Spinnerin", die im dritten Stock ein fensterloses Loch bewohnte und ihre vier Meerschweinchen bei Schönwetter im Kinderwagen spazieren führte. "Der Huat-Onkel", der mit einem meterhohen Hut-Turm, einer über dem anderen, herumspazierte. Und "das Froschermandl", über das er eines seiner schönsten und zärtlichsten Lieder gesungen hat.

Seine innige Beziehung zum Wienerischen faszinierte mich. Er sprach makelloses Ottakringerisch, dem ich, in Meidling sozialisiert, ohne Weiteres folgen konnte. Wir unterhielten uns stundenlang über die Poesie des Wiener Dialekts. Er sang mir das alte Spottlied über den Pfarrer vom "Penzinger Kircherl" vor, ich ihm die jiddische Version von "Mein Vatern sei Häusl is mit Haberstroh deckt". Wir hatten es leicht miteinander, weil wir aus derselben Ecke kamen, zwei Juden mit kommunistischem Hintergrundrauschen, aufgewachsen in der Vorstadt. Seine gelassene Souveränität gegenüber der Nazivergangenheit kannte ich gut, und auch die Abwesenheit jedes Ressentiments gegenüber den Menschen hier. So dachten alle Kommunisten, auch als sie schon lange keine mehr waren. Wien war von der Roten Armee befreit worden, Brauer verdankte ihr sein Überleben, und wenn ihm was zuwider war, dann die blanke Russenfeindlichkeit der Nachkriegszeit.

Für den Kommunismus hatte er nur mehr Verachtung. "Ich bin dem Stalin auf den Leim gegangen", sagte er wütend und dichtete: "Der Kommuschist der Faschonist, das kann man leicht vermischen/Das liegt gemeinsam auf dem Mist, kein Hund will darauf pischen." Das Thema beschäftigte uns lang und ausufernd. "Mir haben die Jahre gefehlt, die ich mit dem Kommunismus verbracht habe", sagte er. "Was habe ich dafür Zeit verplempert!" "Dann wärst du aber nicht der Singerl geworden", entgegnete ich. "Glaubst du, du hättest einen so scharfen politischen Verstand entwickelt, wenn du ein braver Sozi geworden wärst? Also brav sowieso nicht. Aber es waren doch glückliche Jahre?" "Ja", sagte er, "diese Jugendgemeinschaft war natürlich das Beste, was mir passieren konnte, und die Mädeln waren sowieso wunderbar."

Über das Filmprojekt verloren wir kein Wort. Wir verbrachten viele heitere Stunden miteinander, und dann wurde der Film an einem Wintervormittag und sieben Sommertagen gedreht. Gleich am ersten Drehtag auf der Rax blieb mir fast das Herz stehen, als Brauer die Direttissima unter der Seilbahn wie ein Hirsch hinuntersprang und dazwischen jodelte. "Du hättest dir das Kreuz brechen können!", schimpfte ich. "Und was wär dann aus unserem Film geworden?" Er lachte. "Davon hätte ich nix mehr mitbekommen", sagte er gemütlich. Als ich seine letzten Worte las -"Es gibt eine Zeit, da lebt man, und es gibt zwei Ewigkeiten, da existiert man nicht "- ,dachte ich: Da spricht der Agnostiker aus dir, Arik. Was dahinter ist, werden wir nie wissen. Er hat es aber besungen: "Ois a Toter, ois a Toter/bin i wia a toter Hund/Brauch ka Wossa, brauch ka Brot/Und bin net krank und bin net gsund/Spüüns dann oba auf der Trompet'n/Steh i auf und wasch ma's G'sicht/Hör die oide Klarinett'n/Und i siech des oide Licht."

Tod und Auferstehung, darüber spricht die Bibel nur in Andeutungen. "Gelobt seist du Ewiger, der die Toten wieder belebt", heißt es im Schmone Esre, dem Achtzehnbittengebet. Arik Brauer war kein religiöser Jude, aber diese Vorstellung hat ihn beschäftigt, beflügelt und inspiriert. Er hat sie gemalt und besungen, wie alles in seinem Leben.

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