Die Wiederentdeckung des Außenseiters Hans Henny Jahnn

Hans Henny Jahnn

Hans Henny Jahnn

Hans Henny Jahnn war Schriftsteller, Orgelbauer und Sektengründer. Zum 120. Geburtstag des Autors wird sein Hauptwerk "Fluss ohne Ufer“ neu aufgelegt. Es bleibt bis heute ein monumentales Rätsel.

Hans Henny Jahnn (1894-1959) war ein umtriebiger Mythologe seiner selbst. In Tagebucheinträgen und Interviews, poetischen Skizzen und Alltagsnotizen entwarf der nahe Hamburg geborene Autor die Geschichte eines wilden Dichterlebens.

Er verbreitete das Gerücht, sein Vater habe den Verdacht gehegt, dass der kleine Hans nicht "normal“ sei und weggesperrt gehöre. Über den Großvater lancierte der Autor die Fama vom Tod durch Trinken: Eines Sommertags, so Jahnn, sei der Großvater erhitzt nach Hause gekommen und habe sich einen Eimer Wasser geholt - beim Austrinken sei er tot umgefallen. "Hans lügt die Wahrheit“, lautete ein Stehsatz in der Familie. Wunderlich mutet ein 1914 im Tagebuch geäußerter Wunsch an: "Ich habe einen seltnen Leib und eine seltne Seele bekommen. In ihnen ist tief eine Sehnsucht gepflanzt: Immer wieder Mutter zu werden. Ich will nicht aufhören, Mutter zu sein, will immer wieder bei meinem Manne schlafen, immer wieder Schmerzen haben und dann Kinder und Küsse und wunderherrliche Nächte.“

Das "verabscheuungswürdigste aller Geschöpfe“
Das fünffache N in seinem Namen verlieh sich Jahnn mit 18; die eigenwillige Schreibweise führte er auf einen fiktiven Baumeister aus dem 14. Jahrhundert zurück. In "Revolution“, seinem ersten erhalten gebliebenen Drama, dessen Anfänge bis 1911 zurückreichen, stilisierte sich Jahnn zum Misanthropen. Der Mensch, so der Jungautor, sei das "verabscheuungswürdigste aller Geschöpfe“. In den 1920er-Jahren gründete Jahnn die obskur-elitäre Sekte Ugrino, die das Diesseits durch musikalische und architektonische Werke feierte. Die Jahre des Zweiten Weltkriegs verbrachte er als Bauer auf der dänischen Insel Bornholm.

Die zwei voluminösen Biografien, die in den vergangenen Jahren erschienen, konnten die kursierenden Jahnn-Legenden nicht gänzlich klären. Auch die jüngst erfolgte Veröffentlichung bislang unbekannter Briefe aus dem Nachlass bringt nicht mehr Licht in dieses Lebensdunkel. Ein Rest von Rätsel bleibt. Der Band "Liebe ist Quatsch“ versammelt die Briefe des Autors an seine Frau Ellinor, mit der Jahnn, der sich selbst als "omnisexuell“ beschrieb und seine Bisexualität offen lebte, knapp drei Jahrzehnte lang eine Art offener Ehe führte. "Ich erkenne, dass meine Stellung am Rande der Existenz ist“, so Jahnn im Oktober 1938 an Ellinor: "Aber ich weiß auch, für mich ist kein anderer Platz frei.“ Der Schriftsteller Hubert Fichte, ein früher Jünger Jahnns, der den Meister im Roman "Versuch über die Pubertät“ als maliziös-genialen Päderasten Pozzi porträtierte, schrieb: "Er leitet nicht mehr aus der Wirklichkeit Romane ab, sondern er versucht, seine Romanideen in Wirklichkeit umzusetzen.“

Unter seinen Freunden galt Jahnn als rechthaberisch, stur und manipulativ, als ein auf Maßlosigkeit pochender Virtuose des Obsessiven, mit einer Passion für Holzschiffe, Pferde und Zahlen. Auf seine körperliche Konstitution bildete er sich viel ein: Er könne, so behauptete er, mit seinen kräftigen Fingernägeln Schrauben in die Wand drehen.

Mit "Jahnn, Schriftsteller“ pflegte er sich vorzustellen. Kunst, davon war er überzeugt, sei der einzige Lebenszweck. Hubert Fichte notierte: "Die Spargelsuppe mit dem Senator - die Mayonnaise, die so und nicht anders gemacht sein durfte - dieses trägt man - das liest man - das kann man doch nicht machen - und das ist doch unmöglich - und eine Weinflasche öffnet man so und nicht anders - waren doch durchaus Kennzeichen seiner Lebensart.“ Der Schriftsteller Jahnn, der seinen ersten großen Roman - "Perrudja“ - 1929 veröffentlichte, war zugleich Bürger und Bürgerschreck. Bis zur Machtübernahme der Nazis arbeitete Jahnn als amtlicher Orgelberater der Stadt Hamburg, rund 100 Kircheninstrumente wurden nach seinen Plänen renoviert oder gebaut.

Kein Mann des Geldes
Bei Jahnn gebe es "etwas Eruptives, das innere Gebrödel“ eines "vulkanischen Temperaments“, schrieb der Schriftsteller Peter Rühmkorf durchaus fasziniert. Jahnns Außenwirkung dagegen: "Ordnung, Gesetz, Regeln, sogar fast bürgerliche Anständigkeit.“ In seinen Briefen und Beziehungen pflegte Jahnn das Förmlich-Steife. Mit Geld konnte er nicht umgehen. Zeitgenossen erinnern sich an einen Nagel in seiner Küche, auf dem unbezahlte Rechnungen aufgespießt wurden.

Auch Jahnns Opus magnum "Fluss ohne Ufer“ ist ein Kunstwerk, in dem aus poetischem Kalkül die Maßstäbe verrutscht sind. Jahnn lesen heißt auch, sich auf das Abenteuer des Erzählens neu einzulassen - und sich einem Prosastrom auszuliefern, dessen Bilder selbst Jahrzehnte nach ihrer Entstehung wenig Patina angesetzt haben. Die Themen und Erzählstränge in "Fluss ohne Ufer“ mögen vor dem Hintergrund wilhelminischer Ex-Cathedra-Gelehrtheit plausibel erscheinen - im frühen 21. Jahrhundert dagegen wirken Plot und Handlungsverlauf des 2000 Seiten starken Zyklus wie aus der Zeit gefallen.

"Fluss ohne Ufer“ erschien zwischen 1949 und 1961 als Roman in drei Teilen. Auf die verhältnismäßig kompakte Exposition "Das Holzschiff“ (1949) folgte in zwei Teilbänden "Die Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war“; der dritte Teil, "Epilog“, wurde 1961 postum als Fragment veröffentlicht. Neben Robert Musils Parallelaktion-Fabel "Der Mann ohne Eigenschaften“ ist Jahnns "Fluss ohne Ufer“ der zweite große Ideen- und Sprachsteinbruch in deutscher Sprache.

"Fluss ohne Ufer“ ist im Grunde ein einziges langes Paradoxon. Jahnn bemüht sich darin um die Abschaffung der Gattung Roman in Form eines Romans; er munitioniert seine Prosa, in deren Zentrum das Erzählen per se, die versuchsweise Verschmelzung von Leben und Literatur stehen, mit konventioneller Handlung geradezu auf. Jede Nacherzählung des Inhalts führt mitten in das von Jahnn listig entworfene Poesie-Durcheinander: Als blinder Passagier will der spätere "Niederschrift“-Verfasser Gustav Anias Horn auf einem Schiff seiner heimlichen Geliebten nahe sein; die Mannschaft ist über Fracht und Ziel der Fahrt nicht unterrichtet. Eine Meuterei bricht los, das Schiff sinkt, die Freundin verschwindet spurlos.

28 Jahre später versucht Horn, als Komponist zu Weltruhm gelangt, die Ereignisse von damals zu rekonstruieren. Man muss sich den angejahrten Musiker als schrulligen Herrn vorstellen: Horn verwahrt in einer geteerten Holzkiste die Mumie seines einbalsamierten Freundes Alfred Tutein - jenes Matrosen, der den Schiffsuntergang einst überlebt und sich als Mörder von Horns Jugendliebe zu erkennen gegeben hatte. Die Motive des Täters bleiben ebenso im Dunkeln wie die Gründe des Schiffaufstands.

In einem der zahllosen Zeitensprünge entfaltet Jahnn die Geschichte der homoerotischen Blutsfreundschaft von Horn und Tutein, die dem Mordgeständnis folgt. Horn-Tutein versuchen sich buchstäblich zu vereinen: Ihre Zwillingsbruderschaft besiegeln sie durch Blutaustausch, sie dringen in die Wunden des jeweils anderen ein, wollen das Innere ihrer Körper erkunden; von einem Arzt lassen sie eine Transfusion vornehmen. Später taucht ein junger Mann auf, Ajax von Uchri, der die Rolle des verstorbenen Tuteins einzunehmen trachtet - und zu Horns Mörder wird: Der Komponist wird in einer Felsspalte zusammen mit seinem Hund und seinem Pferd bestattet.

Was wie Kolportage klingt (und doch halbe Bibliotheken an Sekundärliteratur evoziert hat), entfaltet seine wahre Wirkung auf anderer Ebene. Alltägliche Wetterkapriolen verwandelt der Schriftsteller in einen Bilder- und Sprachsturm, in einen flackernden Triumph literarischer Darstellungskunst: "Wie lauter feine Nadeln sickerte der Sturm durch das Gewebe meines Mantels und kam leckend bis an meine Haut. Er war mir im Rücken. Er trieb mich die Straße hinauf. Wie schwarze Hunde jagte es an meinen Füßen vorbei, mir vorauf. Aber der Atem der nächtlichen Geschöpfe war kalt. Ich schritt aus. Meine Schritte wurden länger und länger. Mir war, als hätte der Novembersturm mich unter die Arme genommen.“

Um die Faktizität des Erzählten kümmerte sich Jahnn nur am Rande. In "Fluss ohne Ufer“ streifen Horn und Tutein auch über die Kontinente, bis nach Südamerika, Kapstadt und auf die Kanarischen Inseln. Jahnn hatte keinen dieser Orte besucht. Er besaß ein Brockhaus-Lexikon, aus dem er seine kontinentalen Milieuschilderungen bezog. In Jahnns Buchregal standen wegen Geldmangels aber nur die Brockhaus-Bände A bis H. Für den Lexikonverlag hatte Jahnn zuvor Beiträge zum Orgelbau verfasst. Die Arbeitsmethode wurde beanstandet, Jahnns Mitarbeit aufgekündigt.

Bilder- und Sprachsturm
Es ist kein Zufall, dass in "Fluss ohne Ufer“ eine Figur auftritt, die an Urämie leidet, Blutvergiftung durch Harnsubstanzen. Die Krankheit bewirkt, dass Welt und Natur wie von Drogen berauscht in ekstatischen Visionen wahrgenommen werden. Befremdet berichtet Peter Rühmkorf von einem Besuch bei Jahnn in den 1950er-Jahren, bei dem Stutenurin als Erfrischung gereicht wurde. Von der hormonell wertvollen Wirkung des Drinks war Jahnn, der zahllose weitere, äußerst fragwürdige biochemische Versuche trieb, überzeugt. "Ich spüre, dass ich in der Erfindung der Farbe noch Meister bin“, schreibt Jahnn 1941 in einem Brief: "Aber gerade das finde ich so erschreckend, dass ich mit grotesken Wirklichkeiten vollgestopft bin. Das Ungewöhnliche bereitet mir keine Schwierigkeiten, aber die alltäglichen Dinge voller Einsichten langweilen mich.“ Den Genuss von Stutenurin erspart Jahnn auch seinen Figuren nicht. Im "Epilog“ von "Fluss ohne Ufer“ versuchen sich Ajax-Tutein durch den Umtrunk zu verjüngen.

Jahnn spielt in "Fluss ohne Ufer“ mit den Möglichkeiten literarischen Erzählens: innerer Monolog, Gedankensprünge, Assoziationen, Bewusstseinsströme; Rückblenden, Wiederholungen, Anspielungen, Zitate, essayistische Einschübe, Tagebuchpassagen, anekdotenhafte Familienskizzen. Handlungen und Herkunft der Personen sind weder psychologisch noch soziologisch begründet. Im Zentrum steht das ausgelieferte Ich: "Eine Frage hat sich mir oft gestellt - ich habe sie niemals befriedigend beantworten können: ob ich mich jemals in meinem Leben entscheidend gewandelt hätte. Ob das Spiegelbild, das ich mit meinen inneren und äußeren Augen betrachte, wirklich das unveränderte und unveränderbare Ich ist, über das sich nur der Schleier oder Staub der Jahre gehängt hat - dem die Furchen der Erfahrung sich eingegraben und die Angst des Daseins.“ Sein Geheimnis gibt der Roman, der kaum in einem Zug zu lesen ist, bis heute nicht preis. "Fluss ohne Ufer“ bleibt die Literaturwunderkammer, die das Betreten auch Jahrzehnte nach ihrem Entstehen lohnt.

Auf dem Friedhof in Hamburg-Nienstedten liegt Hans Henny Jahnn, der 1959 an den Folgen eines Herzinfarkts starb, neben seinem frühen Geliebten Gottlieb Harms. 1970 wurde Ellinor Jahnn in der aufwendig nach Ugrino-Vorschriften gebauten Begräbnisstätte beigesetzt. Nur die Grabplatte von Harms trägt eine Inschrift: "Allmählich ist die Liebe unser Eigentum geworden.“ Es darf weiter gerätselt werden.

Infobox

Über die Ufer
Hans Henny Jahnns episches Hauptwerk in Neuausgabe.

In "Fluss ohne Ufer“ finden sich keine relevanten Zeitangaben. Es darf jedoch davon ausgegangen werden, dass die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts den Hintergrund der Handlung abgibt: Nicht nur deshalb zählt der Roman zu den ambitioniertesten Prosaversuchen der literarischen Gegenwart. "Fluss ohne Ufer“ war lange Zeit vergriffen. Pünktlich zu Jahnns Geburtstag, der sich am Mittwoch dieser Woche zum 120. Mal jährt, erscheint der Zyklus nun in drei schmucken Bänden.

Hans Henny Jahnn: Liebe ist Quatsch. Briefe an Ellinor.
Hoffmann und Campe, 288 S., EUR 24,70

Hans Henny Jahnn: Fluss ohne Ufer.
Hoffmann und Campe, 2144 S., EUR 103,-