Wien-Tour

Eine abenteuerliche Reise über den Schwedenplatz, einer der sonderbarsten Orte Wiens

Ein unübertrefflicher Platz für seltsame Begegnungen, Ereignisse und Menschen.

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Vier Telefonzellen stehen verlassen auf dem Schwedenplatz. Ihre Glasscheiben sind verätzt, das Innere dreckstarrend, verwittert die Außenhaut. Die Fernsprecher sind wie der Schwedenplatz selbst: hässlich und antiquiert, unnütz wie eine leere Klopapierrolle.

Telefonzellen und Schwedenplatz teilen sich allerdings auch dies: Beide funktionieren. Man kann, wenn man denn will, Kleingeld in die Schlitze der silberschmutzigen Apparate stecken, zum Hörer greifen, eine Nummer wählen – und telefonieren. Auf dem Schwedenplatz wiederum, diesem urbanen Niemandsland im Herzen Wiens, ist Tag und Nacht ganz schön viel los. Eine Stadtteilfabrik wie diese macht keine Pause. Weiter entfernt von Metropolenromantik kann ein Ort nicht sein. Von Architektur- und Stadtraumgestaltung sträflich vernachlässigt, genügt sich der Schwedenplatz als erstaunlich intakter Lebensraum seit Jahrzehnten selbst.

Nur die vier Telefonzellen werden an diesem Vorsommertag unter blauem Himmel wie immer ignoriert.

Der Schwedenplatz liegt, ganz buchstäblich, in Randlage von Österreichs historischem, religiösem, kommerziellem und politischem Zentrum, dem 1. Wiener Gemeindebezirk, eingezwängt zwischen Franz-Josefs-Kai am Donaukanal und, in einigem Respektabstand, dem Stephansdom. Der mehrspurige Kai und der Kanal, der sich über Kilometer durch das Stadtgebiet schlängelt, verleihen dem Schwedenplatz als Verkehrsknotenpunkt Form und Funktion: Straßen- und U-Bahnen, Lokal- und Flughafenbusse, Bikesharing-Station sowie Taxistandplätze, Autos und Fußgänger rangeln um jeden Quadratmeter. Für viele Menschen in Wien ist der Schwedenplatz tägliche Umsteige- und Wartestation. Für Touristen ist er Eingang und erster Eindruck von Wien. Es gibt hier keine touristische Endlosspirale, die Stadt gehört am Schweden-platz den Städtern. Die Urlauber sind rasch durchgeschleust, schon warten die Busse am Franz-Josefs-Kai und die Schiffe am Donaukanal. In der Nacht ist der Schwedenplatz Tor zum Bermudadreieck, dem Ausgehviertel in der Altstadt. Welten, die einander kaum berühren, geraten auf dem Schwedenplatz aufs Schönste durcheinander. Das Bunte, Laute, Chaotische, Lärm und Schmutz, kaum Highlife und Hochglanz: Schwedenplatz-Synonyme.

Grenze und Leerstelle

Der Grazer Schriftsteller Lucas Cejpek und die Salzburger Autorin Margret Kreidl wollten dem Schwedenplatz auf den Grund gehen. Cejpek, 66, und Kreidl, 59, leben und arbeiten weit entfernt der Innenstadt. Der Schwedenplatz ist für die beiden wie ein Bekannter, den man alle paar Jahre trifft, von dem man weiß, dass man mit ihm eine gute Zeit verbringen wird. Deshalb luden Cejpek und Kreidl gezählte 106 österreichische Autorinnen und Autoren zum Mit- und Nachdenken, Recherchieren, Träumen und Alpträumen über den Schwedenplatz ein. Ergebnis ist das Buch „Wien, Schwedenplatz – polyphon“, das bekannte und noch nicht so bekannte Namen versammelt, ein irisierendes Textwimmelbild eines bizarren Nicht-Orts entwirft. „Der Schwedenplatz ist nichts, ein Niemandsland, eine Grenze und Leerstelle“, notiert Thomas Stangl. Die Anfang Juni 2021 verstorbene Friederike Mayröcker erinnert sich in einem ihrer letzten Texte überhaupt an eine Bootsfahrt vom Schwedenplatz nach Bratislava.

„Fast alles, was sich Schwedenplatz nennt, ist es nicht“, schreibt Ruth Beckermann. „Dreisilbig, aus dem Stadtplan gerutscht: Schwe-den-platz“, beobachtet Birgit Schwaner. „Am Schwedenplatz wohnen kaum Menschen, der Schwedenplatz ist ein Fressen“, frohlockt Markus Köhle. Der Schwedenplatz, berichtet Daniel Wisser, sei eigentlich kein Platz, genauso wenig wie die angrenzende Adresse Laurenzerberg ein Berg sei. „Das kann nicht das Herz der Stadt sein“, befindet schließlich Tarek Eltayeb: „Eher eine ihrer Fußsohlen.“ Dem stimmt Herausgeberin Kreidl beim Treffen am Schwedenplatz zu: „Wer hier zum ersten Mal ist, für den ist der Platz überhaupt nichts Besonderes. Aber schon beim zweiten Besuch begegnen einem seltsame Dinge und Menschen.“ Co-Herausgeber Cejpek nickt und sagt: „Auf dem Schwedenplatz merkt man nicht unbedingt, dass man noch in Wien ist.“

Es zahlt sich aus, auf Erkundungstour „Wien, Schwedenplatz – polyphon“ als Reiseführer durch unwegsames Gelände ins Gepäck zu geben. Mit einzelnen Besuchen und Beobachtungen lässt sich schwer definieren, was der Schwedenplatz ist. Von den Unterströmungen und vom Unergründlichen berichtet „Wien, Schwedenplatz“. Das Buch also eingepackt. Ab ins Getümmel.

Lärminsel und Geruchsareal

Die Sonne frisst sich an flirrend heißen Sommertagen langsam über den Platz mit den raren Schatteninseln. Der Boden ist ein Mosaik in Grautönen, ein ausgerollter, von zahllosen Flicken und Nähten notdürftig zusammengehaltener Asphaltteppich, eine Stolperund Holpermeile. Die Handy-Hypnotisierten straucheln über die Unebenheiten im Boden, die Rollator-Lenkerinnen kommen nur langsam voran. „Der Fuß findet keinen Halt, denn dies ist kein Platz, keine Piazza, wo Menschen promenieren, sich zeigen, einander begegnen“, schreibt Wolfgang Hermann in „Wien, Schwedenplatz“: „Dies hier ist eine Durchzugsrampe.“ Man setze am Schwedenplatz seine Schritte auf „windzermürbtem Beton“, registriert Hannah Oppolzer, was die Sache ebenfalls trifft: „Feuchtwarme Lärminseln und Geruchsareale.“ Keine ruhige Minute. Tatütata von rasenden Blaulichtern, Bim-Bimmeln, Unterhaltungsgejohle, Herumgebrülle, angereichert von Schwaden mit Bratfett, Öl und „bieriger Männerpisse“ (Julius Deutschbauer), aufgewirbelt von Wiens windigem Wesen, das sich hier besonders wichtigmacht.

Die Ungetüme der U-Bahn-Eingänge, die Lüftungsschächte, die verhüttelten Verkaufsstände mit ihrem gastronomischen Vierergestirn von Asianudeln, Bosna, Pizza und Käsekrainer wirken so, als habe ein Riese achtlos seine Bauklötze fallengelassen. Da liegen sie nun in der prallen Sonne, als seien sie schon immer da gewesen. Verlassen von allen Riesen und anderen guten Geistern.

Die Begegnung mit Peter Payer vor dem Eissalon, dem heimlichen Zentrum des Schwedenplatzes, ist aufschlussreich für die Frage, wie dieses Land mit Erinnerung umgeht. Die Frage führt einerseits weit zurück, fast 80 Jahre, in die nationalsozialistische Geschichte Österreichs. Es geht um einen zerbombten Bau, der nach allen Maßstäben als Ort von Gesetzlosigkeit und Folter gelten muss. Andererseits umkreist die Frage das Datum des 2. November 2020.

Payer, 61, ist Historiker und Stadtforscher. „Der Schwedenplatz wurde als Überbleibsel bewahrt“, sagt er und richtet seinen Blick nach links, dorthin, wo einst das Luxushotel Métropole stand, in dem die Gestapo ab 1938 in einer der größten Dienststellen im Großdeutschen Reich Tausende verhörte und folterte, Widerstandskämpfer, Sozialdemokraten, Katholiken, Opfer von Denunziationen. Mitte März 1945 wurde das Métropole bei schweren Luftangriffen zerstört. „Das ist der Phantomschatten, durch den der Schwedenplatz wie der Rest dieses Landes bis heute konturiert werden“, sagt Payer, der um die Ecke wohnt und arbeitet, meist aber nur auf ein Haselnusseis auf den Schwedenplatz kommt. „Wie gehen wir mit dieser Nachkriegsstarre um? Wie mit dem Abend vom 2. November 2020?“ Aufgerissene Wunden, noch immer. Anfang November vor drei Jahren ermordete ein Terrorist vier Menschen in den Gassen beim Schwedenplatz. „Leere Stellen“, bemerkt Angelika Reitzer in „Wien, Schwedenplatz“, „deren abgeschlossenes, unabgeschlossenes Leben eine weitere leere Stelle dieses Platzes und unserer Stadt ist.“

Am Morzinplatz nahe beim Schwedenplatz steht das Denkmal für die Gefolterten und Ermordeten in den Kellern der Gestapozentrale. „Das Denkmal ist eingehüllt in Abgase, Autolärm, übersehbar im Schatten einer Tankstelle“, notiert Elisabeth Reichart: „Beschämt wartet es immer noch auf die Namen, die niemand in den Stein meißelte.“ Birgit Schwaner schreibt: „So viele Zimmer wie Tage im Jahr, an keinem einzigen Tag ein Entkommen. Hier ist die Stelle, hier schwankt der Platz, der kein Platz ist, schlingert und stampft, unsichtbar, unhörbar fast, wie die Toten, die hier nachts um ihren Gedenkstein irrlichtern, flirren, auf ewig befugt, Lebenden, die vorüber treiben, jede Ruhe zu nehmen und mehr.“ An die vier Opfer des November-Anschlags erinnert ein schlichter Granitstein auf dem Desider-Friedmann-Platz. Womöglich wartet auch er beschämt auf die Namen.

Erlebnis- und Erinnerungsfetzen

Stunden auf dem Schwedenplatz, das heißt auch: eine Ansammlung von Erlebnis- und Erinnerungsfetzen, vergleichbar einem vollgekritzelten Notizbuch, das später niemand mehr so genau zu entziffern weiß. Die abenteuerlichsten Gestalten sind hier in einem unaufhörlichen Hin und Her, in einem ständigen Kreuz und Quer unterwegs. Der Schwedenplatz lädt nicht zum Verweilen ein. Er ist Durchgangszone und Transitbereich. Männer wie Walrossbullen defilieren entlang. Frauen in knappem Textil. Tattoo-und Haartoupierwunder auf zwei Beinen. Grantgesichter und solche, die ins Leere starren. Sonniges Lächeln eher selten. Vorbeihetzer, Vermummte, Verkleidete, Verirrte, Halb-, Dreiviertel- und Ganz-verlorene, Quartalssäufer am helllichten Tag, Clochards, Straßenprediger, Berufsarbeitslose, Handwerker, Banker. Versprengte Einzelne, vereinzelt größere Gruppen. Es ist gerade so, als schöben sich viele Wirklichkeiten in-und durcheinander, banale, dramatische, traurige, profane. Auf dem Schwedenplatz hält sich alles in der Waage – das Alltägliche und das Kuriose, das Schöne und das Grobschlächtige. Kaum Pittoreskes, dafür viel Kantiges und Raues. „Der Schwedenplatz ist der Ort, an dem die Schönheit der inneren Stadt ausfranst“, schreibt Teresa Präauer in „Wien, Schweden-platz“: „Ich mag seine Hässlichkeit, die wie ein Ausatmen ist vom Luftanhalten im ersten Bezirk.“ Wunschlos unglücklich, das sei der Schwedenplatz, registriert Tex Rubinowitz. Hundertmal vermaledeiter Schwedenplatz, beschwört Gerhard Rühm den Ort. „Fast-Food-Tauben mit ihren Verdauungsproblemen“, warnt Nadine Kegele. „Endlich wieder Eis löffelnde Müßiggänger mit unter Polohemden herausquellenden Bauchspeckwülsten und Gruppen kettenrauchender Freundinnen! Endlich wieder Schweden-platz!“, jubelt Gustav Ernst.

Für den Ökonomen und Verleger Rudi Gradnitzer, 45, ist der Schwedenplatz seit vielen Jahren Studienobjekt. Er hat seine Dissertation über die Anarchie der Stadtfläche am Donaukanal geschrieben, in der er, grob vereinfacht, den Schwedenplatz zum vielleicht beliebtesten Wohnzimmer Wiens erklärt, den kollektiven Lebensraum mithilfe der Architektur als verbaute Ideenverwirklichung untersucht. „Gigantische Banane“, so nennt Gradnitzer den Schwedenplatz. Ein Spaziergang mit ihm durch das erweiterte Grätzel öffnet die Augen dafür, wie Stadt- zu Lebensraum werden kann. Wie das ewige Provisorium am Kanal die hochgezüchteten Bürotürme auf der gegenüberliegenden Seite als sterile Kolosse enttarnt. Wie der Schwedenplatz die Stadt im Gesamten abbildet. „Riesenbanane gegen XXL-Ugly-Frucht“, lacht er.

Gradnitzer hat einen Stadtplan aus den 1950er-Jahren mitgebracht, auf dem der Schwedenplatz „Autoparkplatz“ heißt. „Am Schwedenplatz sind die Menschen vermutlich selten Schweden“, echot Hanne Römer in „Wien, Schwedenplatz“. Benannt sei der Platz, ergänzt Gerhard Jaschke, in Erinnerung an die Hilfeleistungen Schwedens nach dem Ersten Weltkrieg, die insbesondere den Kindern Wiens zugutegekommen seien. Gradnitzer verbindet analytischen Scharfsinn mit lakonischem Witz. „Ein Beserlpark ohne Besen“, sagt er auf Höhe des Manes-Sperber-Parks, der schon bessere Zeiten gesehen hat. So wie der Schwedenplatz, obwohl das mit den besseren Zeiten sehr lange her sein muss. „Ein krankes Organ in der inneren Stadt“, schreibt Ursula Mihelič in „Wien, Schwedenplatz“: „Eine Innerei sozusagen. Zubetoniert und ausgegrenzt.“ Mittendrin: vier einsame Telefonzellen.

Wolfgang   Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.