Alltagsgeschichten

Schreibt eigentlich noch irgendwer Tagebuch?

Eine Wiener Ausstellung zeigt die Aktualität der Ich-Journale.

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Die Tage hätten besser sein können. „Habe ziemliche Kopfschmerzen. Letzte Woche zum ersten Mal Periode“, notiert die Tagebuchschreiberin am 12. Februar 1965. Wenig später der Eintrag: „Ich will mich bemühen, meine Gedanken öfter niederzuschreiben (wie geschwollen!!).“

Selina Traun blättert an einem Dienstagnachmittag in einem fahlfarbenen Büchlein mit floralem Muster und kleinem Vorhängeschloss. Bald liest sie sich fest. Als Kuratorin der Ausstellung „Bibliothek der Tagebücher“ in der Wiener Alpenmilchzentrale, die an den kommenden beiden Donnerstagen jeweils ab 18 Uhr geöffnet sein wird, hat Traun 20 Diarien zusammengetragen – von Freunden, Bekannten und Unbekannten, darunter ein Gefängnis-, Queer-Life-, Sex-, Menstruations-, Still- sowie das Hörtagebuch eines Musikers, das früheste aus dem Dezember 1962 bis in die unmittelbare Gegenwart. Was auf das erste Hinsehen nach thematischer Ordnung klingt, wird in den einzelnen Tages- und Nachtmitschriften fröhlich unterlaufen. „Es werden Sinnfragen gestellt, Depressionen und innere Zustände beschrieben, Chroniken angefertigt, Menüabfolgen wiedergegeben“, sagt Traun: „Immer wieder schwankend zwischen Poesie und Alltag.“

Wolfgang   Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.