Autor Ferdinand von Schirach: "Keller, in denen das Blut stand"

Ferdinand von Schirach

Ferdinand von Schirach

Der deutsche Bestsellerautor Ferdinand von Schirach über Schreiben als Routine, abgeschnittene Köpfe, den Sinn des Lebens und seinen neuen Erzählband "Strafe".

INTERVIEW: WOLFGANG PATERNO

profil: Kafka, Heine, Kurt Tucholsky, Alexander Kluge oder Louis Begley: Weshalb neigen gerade Juristen oft zum literarischen Schreiben?
Von Schirach: Vieles ähnelt sich. Anwälte hießen früher "Fürsprecher". Sie sprechen für ihren Mandanten, weil sie selbst es oft nicht können. Der Anwalt - wie der Schriftsteller - erzählt also eine Geschichte. Diese Geschichten sind wichtig, denn je mehr wir über einen Menschen wissen, desto schwerer fällt es uns, ihn zu verdammen. Jeder Polizist weiß das: Wenn ein Mädchen entführt wird, ist es entscheidend, dass der Täter schnell ihren Namen erfährt. Schon wenn er weiß, dass sie Luisa oder Sabine heißt, kann ihn das hemmen, ihr Gewalt anzutun. Vor Gericht ist es nicht anders. Ein Richter wird einen Menschen, von dem er nichts außer seinem Verbrechen kennt, leichter zu hohen Strafen verurteilen. Es ist also die Aufgabe des Anwalts, den Richtern den Menschen näherzubringen. Wer ist er? Wie hat er gelebt? Was waren seine Hoffnungen, seine Träume, wie strebte er nach Glück? Es geht darum, den Richter zu berühren. Und der Leser ist der Richter des Schriftstellers.

profil: Weshalb schreiben Wirtschaftstreuhänderinnen oder Notare in der Regel keine Romane?
Von Schirach: Jede mögliche Antwort wäre ein Klischee.

profil: In "Strafe" entfalten Sie zwölf Geschichten um Lüge und Wahrheit, Schuld und Sühne. Ihr Stofffundus scheint seit Ihrem Debüt "Verbrechen" unerschöpflich. Sie arbeiten nicht mehr als Rechtsanwalt. Ist Ihr Archiv auf Jahre hinaus mit Fallgeschichten bestückt, die zu Literatur werden können?
Von Schirach: Ich habe in etwa 700 Strafverfahren verteidigt - das reicht für ein Leben als Schriftsteller.

profil: Wie lebt es sich als Geheimnisträger, der die wahren Hintergründe vieler seiner Erzählungen nicht enthüllen darf?
Von Schirach: Im Mittelalter soll es einen Kartografen gegeben haben, der die beste Karte der Welt herstellen wollte. Er dachte sehr lange darüber nach - und wählte dann den Maßstab 1:1. Das Projekt scheiterte natürlich. Wahrheit entsteht nicht durch vollständige Abbildung der Wirklichkeit. Sie ist etwas völlig anderes. Tatsächlich entsteht sie im Kopf des Lesers, das ist die eigentliche Enthüllung.


Schreiben ist zum großen Teil Routine und nur zu einem sehr kleinen Teil der 'geniale Einfall'.

profil: Karl Valentin sagte: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit." Können Sie das seit Ihrem Berufswechsel bestätigen?
Von Schirach: Ich kann überhaupt alles bestätigen, was Valentin jemals gesagt hat.

profil: Sind Sie ein Arbeitstier?
Von Schirach: Überhaupt nicht. Aber ich versuche, einigermaßen diszipliniert zu sein.

profil: Kann Schreiben zu bloßer Routine werden?
Von Schirach: Schreiben ist zum großen Teil Routine und nur zu einem sehr kleinen Teil der "geniale Einfall". Thomas Mann schrieb auf der Flucht, im Zug, auf dem Schiff, auf Lesereisen. Vor allem aber: jeden Tag. Diese Disziplin erscheint mir notwendig. Wenn ich ein paar Tage lang nichts schreibe, wird es anstrengend, wieder anzufangen. Eine andere Regel ist, immer dann aufzuhören, wenn ich weiß, wie es weitergeht.

profil: Sie sind Bestsellerautor und gefragter Essayist. Dabei wirken Sie öffentlich stets entspannt. Kennen Sie das Gefühl der Überforderung?
Von Schirach: Natürlich. Aber ich versuche, es zu ignorieren.

profil: Was erschüttert, was bewegt Sie im Bereich der Kunst?
Von Schirach: Güte.


Wir wissen heute, dass die sozialen Medien abhängig machen und zur Vereinsamung führen. Das ist das Gegenteil ihrer ursprünglichen Idee.

profil: Sie zweifeln an der Schwarmintelligenz des Internets. Gibt es bestimmte Bereiche der Online-Welt, denen Sie vertrauen?
Von Schirach: Ich bin vom Internet begeistert. Sie können abends auf dem Sofa eine Vorlesung eines Nobelpreisträgers aus Harvard hören. Sie können jederzeit die Nachrichten des "heute journal" ansehen. Sie können den "Spiegel", den "Guardian" oder die "New York Times" lesen. Den sozialen Medien vertraue ich allerdings nicht.

profil: Viele Erfindungen des Menschen wurden früher oder später zu Waffen. Wie ist es in dieser Hinsicht um Facebook, Instagram, Google bestellt?
Von Schirach: Wir wissen heute, dass die sozialen Medien abhängig machen und zur Vereinsamung führen. Das ist das Gegenteil ihrer ursprünglichen Idee. Es haben sich Blasen gebildet, in denen sich Weltverschwörungstheorien ausbreiten. Und wir stehen erst am Anfang der Entwicklung. "Deepfakes", also Pornos, die von künstlicher Intelligenz mit den Gesichtern von Prominenten versehen werden, können heute von Privatleuten hergestellt werden. Das ist unangenehm, aber eigentlich nur albern. Nun stellen Sie sich jedoch vor, dass jemand Donald Trump in den Mund legt, dass er dem Sudan den Krieg erklärt. Das ist heute mit künstlicher Intelligenz sehr einfach zu machen. Bevor man diese Meldung wieder einholen könnte, wäre ein furchtbarer, kaum wiedergutzumachender Schaden entstanden.

profil: Die Demokratien werden nicht nur in Polen und Ungarn vom Autoritarismus erfasst. Eine Gefahr für Europa?
Von Schirach: Im Jahr 1748 erschien in Genf ein Buch des Barons Montesquieu: "Über den Geist der Gesetze". Zum ersten Mal wurde darin, ohne dass das Wort selbst schon vorkommt, die Gewaltenteilung formuliert. Die gesetzgebende, die rechtsprechende und die ausführende Gewalt sollen voneinander getrennt werden. Das Buch, stark beeinflusst von John Locke, löste heftige Reaktionen aus, die Kirche setzte es sofort auf den Index verbotener Bücher. Aber der Gedanke ließ sich nicht mehr aufhalten. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die französische Erklärung der Menschenrechte, letztlich alle modernen Rechtsstaaten beruhen auf dieser Idee. Wenn wir das einreißen, sind wir verloren.

profil: Bertolt Brecht konstatierte, das Schicksal des Menschen sei der Mensch. Ist es um unsere Zukunft schlecht bestellt?
Von Schirach: Nein, wir müssen nur aufpassen.


Ich habe Menschen am Abgrund verteidigt, die nackt waren, zerstört und verwirrt.

profil: Warum stehen Menschen überhaupt füreinander ein?
Von Schirach: "Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd." Der Satz stammt aus einer Komödie, deren Ursprünge auf Menander zurückgehen. Menander beschrieb das Leben der kleinen Leute seiner Stadt, Nachbarschaftsstreitigkeiten und Ähnliches. Obwohl komisch gemeint, liegt in diesem Satz der tiefste Grund: Wir sind Menschen. Cicero hat es später ganz ähnlich formuliert: Ein Mensch dürfe einem anderen Menschen schon allein deshalb nicht als Fremder gelten, weil er ein Mensch ist. Er hat recht. In unserer Milchstraße gibt es 100 Milliarden Sonnensysteme und im Weltall 100 Milliarden solcher Galaxien. Das alles zusammen sind etwa zehn Prozent des Universums, der Rest ist leer und 270 Minusgrade kalt. Wir sind vergänglich, wir haben keine Gewalt über unser Leben. Es bleibt uns nichts übrig, wir müssen zusammenhalten.

profil: Und warum stehen Menschen dann viel öfter nicht füreinander ein?
Von Schirach: Weil ein Mensch immer alles ist. Ich habe in meinen 25 Jahren als Anwalt nie einen nur guten oder nur bösen Menschen kennengelernt. Ich habe Mörder, Drogendealer, Zuhälter, Betrüger und andere Straftäter verteidigt. Ich war bei Obduktionen, habe Tatorte in Kellern gesehen, in denen das Blut stand, abgeschnittene Köpfe, herausgerissene Geschlechtsteile, verfaulte Körper, die wochenlang im Wasser lagen. Ich habe Menschen am Abgrund verteidigt, die nackt waren, zerstört und verwirrt. Ich habe in Brasilien und in Bratislava Mandanten in Gefängnissen besucht. Sie saßen in Löchern, in denen es nach Kot und Abfall stank. Der Mensch kann alles sein, er kann "Figaros Hochzeit" komponieren, "Mönch und Meer" malen und Penicillin erfinden. Oder er kann Kriege führen, vergewaltigen und morden. Es ist immer der gleiche Mensch.

profil: Sie unternehmen gern allein Spaziergänge und sind passionierter Raucher. Wie weit würden Sie beim Aufdecken Ihres Privatlebens noch gehen?
Von Schirach: Keinen Schritt weiter.

profil: Wäre die Menschheit glücklicher, wenn sie die Antwort auf den Sinn des Lebens fände?
Von Schirach: Sie kennt ihn ja längst. Der Poet Walt Whitman fragte in einem Gedicht nach dem Sinn des Lebens. Er beschrieb, wie kompliziert alles ist, die immer wiederkehrenden Fragen, der endlose Zug der Ungläubigen, die Städte voller Narren. Er fragte: "Wozu bin ich da? Wozu nützt dieses Leben?" Und dann gab er sich selbst die Antwort: "Damit Du hier bist. Damit das Leben nicht zu Ende geht. Damit das Spiel der Mächte weiterbesteht und Du deinen Vers dazu beitragen kannst." Und der von mir verehrte Montaigne sagte: "Es ist unsere vornehmste Pflicht, zu leben." Das ist alles.

Zur Person

Ferdinand von Schirach, 1964 in München geboren, zählt zu den gegenwärtig erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Die Bücher des ehemaligen Rechtsanwalts wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Die Erzählbände "Verbrechen" (2009) und "Schuld" (2010) standen monatelang auf den Bestsellerlisten; sein Theaterstück "Terror" erreichte in der TV-Adaption 2016 ein Millionenpublikum. Schirach lebt und arbeitet in Berlin.