Markus Hinterhäuser

© Wolfgang Paterno

Kultur
07/16/2022

Festspiele-Intendant Markus Hinterhäuser im Interview

Markus Hinterhäuser ist eine der bedeutendsten Gestalten des europäischen Kulturbetriebs – von Cancel Culture hält er nichts. [E-Paper]

von Stefan Grissemann, Christian Rainer

Etwas entkräftet nimmt Markus Hinterhäuser im patinierten Wiener Café am Heumarkt Platz, wo man jenseits der Zeit zu existieren scheint, wie in einem der verlebten Bühnenbilder der Marthaler-Komplizin Anna Viebrock. Er sei leider „gar nicht in Form“, teilt er mit, um die in ihn gesetzten Erwartungen unmittelbar vom Tisch zu fegen, aber wer ihn ein bisschen kennt, weiß, dass jede Begegnung erst vorsorglich mit Understatement und Selbstironie ausgestattet werden muss, ehe es zur Sache gehen kann. Zu diskutieren gibt es vieles, auch Unliebsames, diese Aussicht ermüdet ihn gleich noch mehr, aber es dauert wie stets nur ein paar Augenblicke, bis sich Hinterhäuser mit klassischem Widerspruchsgeist in Hochform geredet hat.

Er kommt gerade von einem Termin mit Kunststaatssekretärin Andrea Mayer, bei dem vermutlich auch nicht nur Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht wurden, denn in wenigen Tagen wird man die Salzburger Festspiele 2022 eröffnen – problematisiert von vernehmlichen Nebengeräuschen, in denen es um „toxisches Sponsoring“ geht und um die Legitimität der Verpflichtung russischer Stars wie Teodor Currentzis, an dem Hinterhäuser eisern festhält, obwohl er weiß, dass dessen MusicAeterna-Ensemble von der kremlnahen VTB-Bank finanziert wird, die auf westlichen Sanktionslisten steht. Die Salzburger Festspiele ließen sich, hieß es in einem „Standard“-Kommentar gar, „vor Putins Karren spannen“. So überzogen dies formuliert ist: Auch die Festspiele werden von russischen Förderern beglückt, von der V-A-C-Stiftung etwa des Oligarchen Leonid Michelson, eines der reichsten Menschen Russlands, der zudem Hauptaktionär des größten russischen Petrochemie-Konzerns Sibur ist – und beste Kontakte ins unmittelbare Umfeld Putins unterhält. Die V-A-C-Stiftung findet sich auf der Sanktionsliste der EU jedoch nicht, also halten die Festspiele an diesem Sponsor fest. Einen anderen, das von schweren Vorwürfen belastete Bergbauunternehmen Solway, mussten sie unlängst hinter sich lassen,

Seit den 1920er-Jahren existiert das Salzburger Edelfestival und bespielt das Bürgertum der Stadt mit Mythentheater, ausgesuchten Konzerten und großer Oper. Ästhetizismus oder gar Eskapismus kann der auch als Pianist hochgeschätzte Hinterhäuser darin nicht erkennen: „Die Kunst ist die größte Hinwendung zum Leben.“ Schon ab 1993 machte er in Salzburg Programm, steuerte als Leiter der „Zeitfluss“-Schiene den Festspielen unter Gerard Mortier innovative Musikimpulse bei. Zwischen den Wiener Festwochen und den Salzburger Festspielen pendelte Hinterhäuser in den Jahren 2002 bis 2016 – zunächst als Kurator des Festivals in Wien, ab 2007 fünf Jahre lang als Konzertchef der Festspiele, die er 2011 interimistisch auch leitete. Zwischen 2014 und 2016 arbeitete Hinterhäuser als Intendant der Festwochen, als Luc Bondys Nachfolger. Seit 2017 lenkt der Schöngeist die Geschicke der Festspiele, sein Vertrag läuft bis 2026. Danach wird er der längstdienende Salzburger Intendant der vergangenen 30 Jahre sein, und mit einiger Eleganz stellt er sich dort weiterhin dem nicht lösbaren Grundsatzproblem, zugleich traditionalistisch und progressistisch arbeiten zu müssen, um der globalen Bedeutung dieses Festivals gerecht werden zu können.

Die Salzburger Festspiele stehen, trotz ihres Weltmarken-Status, nicht konkurrenzlos da. Der europäische Hochkultur- und Festspielbetrieb von Bayreuth bis Aix und Bregenz zwingt zu ständiger Selbstreflexion: Wie positioniert, profiliert und aktualisiert man die Festspiele unter dem Druck dieser Mitbewerber?

 

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