B. Obermayer und F. Obermeier im Gespräch mit Edward Snowden

 B. Obermayer und F. Obermeier im Gespräch mit Edward Snowden

© Film: Hinter den Schlagzeilen / Filmdelights

Kultur
09/08/2021

Film über Ibiza-Affäre: Marathon für die Wahrheit

Als der „Süddeutschen Zeitung“ das Ibiza-Video zugespielt wurde: Ein neuer Dokumentarfilm begleitet Bastian Obermayer und Frederik Obermaier durch ihre Recherchen – und feiert die Sprengkraft des investigativen Journalismus.

von Stefan Grissemann

Man stößt, wenn man einen Dokumentarfilm über die Praxis des investigativen Journalismus drehen will, an natürliche Grenzen. Denn entweder sind die verhandelten Informationen geheim oder die Quellen zu schützen. Der Berliner Regisseur Daniel Andreas Sager, 36, hat es dennoch versucht: Zwei Jahre lang begleitete er die beiden renommierten Aufdecker der „Süddeutschen Zeitung“, Bastian Obermayer, 43, und Frederik Obermaier, 37, um deren Forschungsarbeit und Handwerk zu dokumentieren. Als Sager seinen Film 2017 vorbereitete, waren die „Panama Papers“ – mit tatkräftigem Zutun jenes Recherche-Duos – bereits veröffentlicht, die Auswertung der „Paradise Papers“ lief. Im Oktober 2017 wurde die furchtlose Investigativ-Bloggerin Daphne Caruana Galizia in Malta ermordet, was dem Film, der „Hinter den Schlagzeilen“ heißen sollte, zusätzliche Dringlichkeit verlieh.

Und dann geschah,  gleichsam vor laufenden Kameras, noch etwas Ungeahntes. 2018 wurde den „SZ“-Journalisten ein mit versteckten Kameras aufgezeichnetes Video zugespielt, das politisch hochbrisant erschien, aber erst in allen Details überprüft werden musste: War es tatsächlich echt? Wie weit war es geschnitten oder manipuliert? Konnte es eine Falle sein, die vorführen sollte, wie überambitionierte Investigativreporter stets nur das wahrnehmen, was sie sehen und hören wollen?

„Hinter den Schlagzeilen“ zeigt die vielfältigen Abläufe und Debatten, die ein Fundstück wie das Ibiza-Video auslöst: Neben der rechtlichen Überprüfung und chefredaktionellen Konferenzen musste etwa auch ein Digitalforensiker verpflichtet und die Frage erörtert werden, in welcher Reihenfolge man den Betroffenen vor Veröffentlichung Gelegenheit geben sollte, Stellung zu nehmen. Die Gefahr der Instrumentalisierung wird diskutiert, akribische Faktenchecks finden statt. Der Druck wächst, die Fallhöhe ist gewaltig, der Ruf der Zeitung steht auf dem Spiel, insbesondere in Zeiten bedrohter Pressefreiheit und der gezielten Diskreditierung journalistischer Arbeit.

Premiere: DO 9.9. um 20.15 Uhr im Filmcasino

Q&A mit Regisseur Daniel Sager und den investigativen Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermeier von der "Süddeutschen Zeitung".

In Österreich ließ die Veröffentlichung des Videos im Mai 2019 politisch bekanntlich keinen Stein auf dem anderen. Der Dokumentarfilm vermittelt einen Sinn dafür, wie hart im Team in den Monaten davor an der wasserdichten Präsentation des geheimen Materials gearbeitet wurde. Über ein Jahr, bevor das Video schließlich online ging, hatte Bastian Obermayer Sager angerufen, um ihm mitzuteilen, dass ihm gerade etwas Ungewöhnliches passiert sei, das sich, wie er sagte, zu einer "ziemlich guten" Geschichte auswachsen könnte. "Einzelheiten erzählte er mir zwar noch nicht, aber im Groben vermittelte er mir, worum es ging", erinnert sich Sager im profil-Gespräch. "Ab je nem Zeitpunkt war mir klar, dass das eine besondere Sache sein würde. Also begann ich, auch für kleine redaktionelle Unterredungen immer wieder nach München zu reisen, denn ich wollte, wenn das am Ende veröffentlicht werden würde, so früh wie möglich dabei gewesen sein."

"Hinter den Schlagzeilen" wird ab Ende dieser Woche in österreichischen Kinos zu sehen sein, ein kleiner Premierenreigen steht in den Tagen davor noch an: Am 6.9. wird der Film im Salzburger Das Kino gezeigt werden, am 7. September im Linzer Moviemento , am 8.9, im Kremser Kesselhaus, am 10.9. im Grazer KIZ Royal. Die Wiener Premiere im Filmcasino wird profil gemeinsam mit der "Süddeutschen Zeitung" am 9. September veranstalten, in Anwesenheit von Obermayer & Obermaier sowie des Regisseurs.

Erst im zweiten Teil des Films übernehmen die Vorbereitungen des Ibiza-Eklats die Handlung. Davor geht es um Geheimdienstquellen und Waffenhändler. Ein berühmter Whistleblower aber steht wie eine Ikone am Beginn dieser Erzählung: Die "SZ" trifft Edward Snowden 2018 für ein Interview in Moskau. Sager filmt mit, obwohl es die anwaltliche Anweisung gibt, dass "nur bis zum Begrüßungshandschlag" gedreht werden dürfe. "Als Snowden auftauchte, verflogen die Probleme glücklicherweise - und wir drehten nach dem Shakehands einfach weiter." Zwischendurch schaltete Sager die Kamera trotzdem ab. Das Gespräch streifte dann doch vertrauliche Informationen - und dauerte rund vier Stunden lang.

Investigativjournalisten sind Marathonläufer, die mit großen persönlichen und beruflichen Risiken arbeiten. Sie brauchen Konsequenz, Ruhe und Geduld: Die kühle Form des Films entspricht dieser Idee. Er betreibt keine Heldenverehrung, seine Protagonisten arbeiten sachlich, konzentriert und ruhig, anders als das Hollywood-Klischee es will. "Wenn der Presse von bestimmten Seiten unentwegt vorgeworfen wird, nicht sauber oder sogar tendenziös zu arbeiten, 'gelenkt' zu werden, dann musste ich zeigen, nach welch strengen Spielregeln exzellente Journalisten arbeiten. Wie wird worum redaktionsintern gerungen?" Aufdeckungsjournalismus sei "so wichtig wie schon lange nicht mehr",meint Sager, "und seine Rolle wird absehbar noch sehr viel wichtiger werden im Zeitalter sich intensivierender Informationskriege. Der 'normale' Journalismus ist ja fast nur noch mit der Welt vor unseren Augen beschäftigt. Investigativer Journalismus blickt dagegen tiefer, beleuchtet Hintergründe und verdeckte Zusammenhänge."

War es denn einfach, sich Zugang zu den Interna der "SZ" zu verschaffen? "Es gab keinen Vertrag, keine festgelegten Regeln", erklärt Sager. "In heiklen Momenten, wenn Dinge besprochen wurden, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren, wurde die Hand gehoben, und wir hörten eben auf zu drehen. Es gab auf den Bildschirmen oder in den Räumen, die wir filmten, da und dort Dinge, die wir nicht zeigen durften. In einer Szene etwa konnte man im Hintergrund Straches Handynummer lesen! Und natürlich gab es in Sachen Quellenschutz ein Vetorecht der Protagonisten. Wir haben den Film nach der Schnittphase gemeinsam begutachtet, um alle geheimen Informationen zu eliminieren."

Daniel Sager begreift die dokumentarische Arbeit auch als sozialpolitische Verpflichtung. Neben seinen Kinoprojekten ist Sager selbst Journalist, berichtet fürs Fernsehen vom Kampf gegen den IS im Irak, vom Schleppergewerbe in Mexiko und von Medienzensur im Iran. "Es gibt Länder, in denen man extrem mutig sein muss, wenn man investigativ arbeiten will: in Weißrussland etwa, im Iran, selbst in Russland. Da riskiert man im Zweifelsfall sogar das eigene Leben." Als weltreisender Dokumentarist wurde auch Sager von der Viruskrise getroffen. "Ich musste einiges absagen, ja. Aber ich habe mich dann auf Länder konzentriert, in die man noch reisen kann - und mir dort Geschichten gesucht, Beiträge etwa aus Kenia, Mauretanien oder dem Irak geliefert. Diese Lust in mir, blinde Flecken zu entdecken und dort hinter die Kulissen zu blicken, ist absolut intakt."

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