© Chris DELMAS / AFP

Kultur
02/26/2021

Golden Globes: Festhalten an Awardshows trotz Kinoruin

Glitter, Gold und gute Laune täuschen: Die Golden Globes, die in wenigen Tagen verliehen werden, sind ein Depressionssymptom. Und wie die Oscar-Show in Zeiten des Kinoruins noch ernsthaft zelebriert werden soll, steht in den Sternen.

von Stefan Grissemann

Für die grauen Monate, die von November bis tief in den Februar reichen, hat man in Hollywood einen typisch glitzernden Begriff erfunden. Man nennt sie die film awards season - als gäbe es zwischen Winter und Frühling noch eine fünfte Jahreszeit: die Saison der goldenen Statuetten. In einer weniger angeschlagenen Zeit würde sich die Phase der großen Filmpreise diese Woche, nach den Auszeichnungen durch die Kritikerzirkel in Los Angeles und New York, nach Golden Globes und Goldenen Himbeeren ihrem programmierten Höhepunkt entgegenneigen: den bombastisch in Szene gesetzten Academy Awards, der alljährlichen Oscar-Gala, in der vor den Augen einer Weltöffentlichkeit (darunter immer noch gut 23 Millionen Menschen allein an US-Fernsehschirmen) eine Branche ihren eigenen Glanz, Witz und Magnetismus feiert. Oder eben: was sie dafür hält. Doch die Pandemie hat alles durcheinandergewirbelt: Die Golden Globes besetzen nun, statt wie üblich bereits Anfang Jänner vergeben worden zu sein, den Platz, den eigentlich die Oscars für sich reserviert hatten: den 28. Februar.

Die anhaltende Virus-Krise hat in Hollywood zu Verschiebungen geführt, aber interessanterweise nicht zu Absagen: Man hält verzweifelt an den alten Formaten und dem Reiz des ewigen Staraufgebots fest, um eine Art der Beständigkeit wenigstens noch simulieren (und um sich die stattlichen Zuwendungen der Werbekunden erhalten) zu können. Während die Filmbranche in weniger als einem Jahr zu einer virtuellen On-Demand-Welt umgebaut worden ist, sollen die alten Rituale, auch wenn sie nur noch Schatten ihrer selbst sind, so etwas wie Unerschütterlichkeit demonstrieren. Die Golden Globes sind seit 1944 als Filmpreisveranstaltung der Arts-&Entertainment-Auslandspresse in Hollywood institutionalisiert (es handelt sich dabei um etwa 90 wahlberechtigte Menschen, lediglich ein Hundertstel dessen, was die Oscar-Academy an Jury aufbietet), seit 1962 ist diese auch mit Fernsehauszeichnungen garniert; sie werden also heuer (nach mitteleuropäischer Zeit) in den frühen Morgenstunden des 1. März verliehen werden. Die Moderatorinnen sind zwei gestandene "Saturday Night Live"-Komödiantinnen: Tina Fey wird von New York aus mit Kollegin Amy Poehler in Los Angeles polemisieren und die Show gleichsam parallel führen. Die eingeladene Film- und Fernsehprominenz soll ihre Laudationes, so wenigstens der Plan, live im Studio halten, die Ausgezeichneten werden wohl eher per Video zugeschaltet.

42 Nominierungen in 25 Kategorien für Netflix

Um das Kino in seinem engeren Sinn wird es an diesem Abend nur am Rande gehen. Denn der Krisengewinnler Netflix hat das vergangene Jahr dazu genutzt, seine globale Macht auszubauen: Der Streaming-Dienst hat nicht nur die beiden Favoriten des Abends, David Finchers "Citizen Kane"-Hommage "Mank" und die Serie "The Crown", produziert, die je sechs Mal nominiert wurden, sondern auch Aaron Sorkins "The Trial of the Chicago 7" (fünf Nominierungen) zur Uraufführung gebracht, zudem mit mehrfach nominierten Serien wie "Ozark", "Ratched" und "The Queen's Gambit" beeindruckt. Auf ungeahnte 42 Nominierungen in 25 Kategorien bringt es Netflix nun, die Streaming-Konkurrenten Amazon und Hulu kommen auf nur je zehn Nennungen. Hollywoodstudios wie Sony, Warner Bros und Universal mussten 2020/21 noch einmal dramatisch Federn lassen. Sogar das mit seinen unzähligen Medienzweigen und Subunternehmungen vor Kurzem noch praktisch hegemonial regierende Disney-Imperium kommt angesichts von 25 Nominierungen nicht einmal in die Nähe der Netflix-Zahlen.

Auch das lineare Fernsehen hat den Streamern nichts von Bedeutung mehr entgegenzusetzen. Der Konzern mit dem signalroten N herrscht inzwischen dermaßen unumschränkt, dass selbst das Lockdown- und Quarantänejahr nicht mehr als einzige Erklärung herhalten kann. Wenige der heurigen Globe- und Oscar-Favoriten hatten klassische Festival- und Kinokarrieren: Christopher Nolans Action-Zeitriss "Tenet" entspricht noch dem alten Modell, dazu kommen ein paar erstklassige Kinostarts wie "The Father", "Nomadland" und "Promising Young Woman". Doch sie alle sind Ausläufer einer sterbenden Industrie, denn die Bewegtbilder sind längst auf neuen Vertriebsbahnen unterwegs.

Konsequente Unterschätzung afroamerikanischer Filmproduktionen

Aber wenn man von Hollywoods großen Filmpreisverleihungen erwartet, dass sie nicht bloß dem Geld folgen, sondern zuallererst dafür sorgen sollten, gesellschaftliche und künstlerische Relevanz zu betonen, notfalls auch lautstark einzufordern, dann genügt die diesjährige Nominierungsliste den Anforderungen in zumindest einer wesentlichen Hinsicht nicht: #GlobesSoWhite? In einem Jahr mit besonders auffälligen afroamerikanischen Filmproduktionen stimmt deren konsequente Unterschätzung nachdenklich: Weder Spike Lees "Da 5 Bloods" noch Regina Kings Bürgerrechts-Kammerspiel "One Night in Miami", weder das historische Blues-Melo "Ma Rainey's Black Bottom" noch die radikale Black-Panther-Studie "Judas and the Black Messiah" wurden in der Best-Drama-Kategorie genannt, Spike Lees Kriegstrauma-Spektakel wurde mit null Nominierungen auch in den restlichen Sektionen sogar komplett ignoriert. Im black cinema ist eine Rückwendung - besser: eine Ausweichbewegung - ins Historische festzustellen; aber während das weiße Edutainment sich in die vergleichsweise heile Welt eines intakten Filmstudiosystems ("Mank"), ins Fantasyland des seifenopernhaft Monarchischen ("The Crown") und in den Feelgood-Justizthriller der "Chicago 7" zurückzieht (die drastisch-absurde Abrechnung mit der Ära Trump im "Borat"-Sequel ist die Ausnahme), sind die erwähnten afroamerikanischen Geschichtsstunden in einem Klima des anhaltenden Rassismus bitter nötig. Einziger Pluspunkt in den Globes-Nominierungen: In der alten Männerbastion Regie treten heuer drei Frauen (Chloé Zhao, Regina King, Emerald Fennell) gegen nur zwei männliche Kollegen (Fincher und Sorkin) an. Aber Diversität endet nicht bei den Geschlechtschromosomen.

Mit den Golden Globes, die - nicht immer verlässlich - als Indikator für die kommenden Oscar-Trends gesehen werden, musste folgerichtig auch die 93. Academy-Awards-Show um acht Wochen verlegt werden - vom 28. Februar auf 25. April. Die Nominierungen dazu werden erst Mitte März bekannt gegeben. Eine österreichische Koproduktion findet sich erfreulicherweise auf der einstweilen 15 Filme starken Shortlist für den besten internationalen Film: Jasmila Žbanićs dringliche Srebrenica-Rekonstruktion "Quo Vadis, Aida?".

Die Verschiebung der Oscar-Nacht findet nicht zum ersten Mal in der Geschichte dieser Veranstaltung statt, aber seit 40 Jahren war es dazu nicht mehr gekommen; 1938 fand die Show wegen einer Flutkatastrophe in Los Angeles eine Woche später als geplant statt, 1968 wurde sie infolge des Mordes an Martin Luther King um zwei Tage verschoben und 1981 wegen des Attentats auf Ronald Reagan um einen Tag. Die Academy Awards 2021 könnten, so ließen die Produzenten, darunter immerhin Regisseur Steven Soderbergh, verlauten, genau wie die Globes live an mehreren Schauplätzen zugleich ablaufen, nicht wie zuletzt nur im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard. Und man träumt (noch) davon, die Veranstaltung als "in person event" abzuhalten, was immer das genau heißen mag: nur Moderationen und Lobreden auf der Bühne? Oder werden auch einzelne Prämierte auftreten? Vor Publikum? Tatsächlich ist die Oscar-Nacht, ein Massenereignis mit Tuchfühlungsgarantie, unter Sicherheitsmaßnahmen schwer vorstellbar. Roter Teppich mit Maskenpflicht und Distanzregelung? Ein schütter besetzter Prunksaal, in dem eigentlich 3400 Menschen Platz nehmen könnten?

Tektonische Bewegungen in der Kinobranche

Wir leben, wie es ein angeblich aus dem alten China stammender Fluch so euphemistisch verbrämt, "in interessanten Zeiten". Die aktuellen Verschiebungen von Filmstarts, Kinoöffnungen und Filmpreisverleihungen sind weit mehr als nur zeitliche Aufschübe, es finden tatsächlich tektonische Bewegungen statt: Sie werden die Kinobranche neu ordnen. Um kommerzielle Filmproduktionen muss man sich vorläufig keine übertriebenen Sorgen machen, für breitenwirksame Spektakel und multimedialen "Content" wird sich in den Streaming-Kanälen und den nach dem aktuellen Kahlschlag noch verbliebenen Lichtspielhäusern stets ein Podium finden. Aber welchen Platz wird der Arthouse-Bereich noch haben, wenn Filmfestivals dahindämmern und der Kinosektor so schwer in Mitleidenschaft gezogen sein wird, dass viele Betriebe, so sie nicht gleich ganz schließen, auf Risikolosigkeit schalten werden müssen, um irgendwie über die Runden zu kommen? Abgesehen von dem Problem, dass der Rückstau an fragilen Kinoproduktionen, für die Netflix, Disney+, HBO und Amazon keine Verwendung haben, wöchentlich länger wird: Welche möglichen Vertriebswege werden dem Autorenfilm ohne Festivalmultiplikatoren und Spezialkinos bleiben?

Klar, jede Niederlage birgt eine Chance, und die globale Cinephilie wird Nischen finden, in der sie weiterhin praktiziert werden kann, wenn auch unter dramatisch beschränkten ökonomischen Bedingungen. Aber es kann im Sinne einer Evolution des Mediums nur hilfreich sein, wenn die Kino-Nostalgie endlich ein Ende findet, wenn das Mantra von den magischen movies und dem Glamour Hollywoods an den neuen Verhältnissen eines pandemischen Kulturabbaus zerschellt und sich die Filmkunst einem Reality-Check unterziehen muss, der keinen Stein auf dem anderen lassen wird. Die amerikanische Filmindustrie ist kein Zentrum mehr, das unabhängige Kino ist dezentralisiert, es diffundiert in alle Richtungen.

Die Oscar-Academy plant übrigens, als gäbe es gerade nichts Wichtigeres zu überdenken, ein neues Ausstellungshaus zu ihrer Historie. Es soll Ende September eröffnet werden. So musealisiert sich das alte Kino, es setzt sich hinter Glas, versteinert vor unseren Augen. Und seine vergoldeten Trophäen erscheinen wie bitterer Hohn: Der Golden Globe ist eine strahlende Weltkugel, der Oscar ein auf sein Schwert gestützter Kämpfer. Er wirkt entkräftet. An baldige Triumphe im Kampf um den Planeten und um seine Filmkunst ist nicht zu denken. Die Symbole sind hohl geworden, die Risse in ihrer hauchdünnen Goldbeschichtung unübersehbar.

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