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Literatur
05/29/2020

Helge Timmerberg über Reinhold Würth: Kiffer und Krösus

Hippie trifft Hochfinanz: Der Reiseschriftsteller Helge Timmerberg schrieb die Biografie des deutschen Multimilliardärs Reinhold Würth.

von Wolfgang Paterno

Die Geschichte, wie Helge Timmerberg die Biografie von Reinhold Würth zu Papier brachte, beginnt in bester Helge-Timmerberg-Manier. Der deutsche Reporter zählt seit Jahrzehnten zu den kompromisslosesten Schreibern seiner Zunft, bekannt für eine gewisse Schonungslosigkeit sich selbst und seinen Lesern gegenüber. Timmerberg saß Anfang November 2018 nach Beendigung einer Lesetour im Zug in das schweizerische St. Gallen, als ihn eine E-Mail-Anfrage des Wirtschaftsmagazins "Bilanz" erreichte: Ob er Reinhold Würth interviewen könne?"Ich hatte keine Ahnung: nicht von ihm, nicht von Wirtschaft. Bei der kenne ich mich bis heute null aus", sagt Timmerberg beim Spaziergang im Wiener Stadtpark. Weil der Reporter ständig Lust auf Zigaretten hat, muss man ihn im Freien treffen.

Timmerberg machte sich im Internet schlau. Reinhold Würth, Jahrgang 1935, Gründer des gleichnamigen Schraubenimperiums mit 75.000 Mitarbeitern in mehr als 80 Ländern, geschätztes Privatvermögen: über elf Milliarden Euro. Würth ist ein Mann, auf den in Deutschland vieles zuläuft. Im Berliner Bundeskanzleramt wie in den großen Medienhäusern werden seine Anrufe direkt durchgestellt. Er besitzt Hotels, Schlösser, Restaurants, einen Flugzeugpark, eine Hochseejacht von 85 Metern Länge und eine Kunstsammlung von mehr als 18.000 Werken. "Ich wusste nur, dass er superreich war. Ich war nach der Lesetour abgerockt, nahm den Auftrag dennoch an, weil das Magazin gut zahlte." Bald saßen Timmerberg mit Loch im Turnschuh und der Fabrikant einander gegenüber.

Timmerberg eröffnete das Interview mit einem seiner legendären Eisbrechersätze: "Herr Würth, wie werten Sie die Aussagen von Jesus, dass eher ein Kamel durchs Nadelöhr kommt als ein Reicher ins Himmelreich?" Ein Bild, das bleibt: der schlaksige Timmerberg mit dem zurückgekämmten, langen Haar und den fahrigen Bewegungen neben dem altersgebeugten Unternehmer im eleganten Dreiteiler. Im Hintergrund liegt majestätisch die Firmenzentrale im Abendrot. Hippie und Magnat. Bekennender Kiffer und bilanzierender Krösus. Nach Erscheinen des "Bilanz"-Artikels meldete sich der Geschäftsmann bei dem Journalisten mit dem Angebot, die "finale Biografie" (Würth) zu schreiben. Wer Timmerberg, 68, mit dem Abfassen seiner Lebensgeschichte beauftragt, muss mit einer Biografie der anderen Art rechnen. In "Reinhold Würth. Der Herr der Schrauben" geht Timmerberg Würths Werdegang erfrischend frontal an, ohne Rücksicht auf Verluste. Spätestens ab Seite 129 spielt ohnehin Timmerberg die eigentliche Hauptrolle, die er buchstäblich schlafwandlerisch sicher anlegt, etwa im Fall des "großen Über-den-Wolken-Interviews mit Reinhold Würth":

"Dafür sitze ich nun auch tatsächlich in der Cessna Citation in der Pole-Position, aber kaum sind wir gestartet und haben die Flughöhe von 30.000 Fuß und ein paar Zerquetschten erreicht, schlafe ich ein. Und zwar so: Reinhold Würth zeigt es mir, als ich, mittlerweile in Portugal, wieder aufwache. Er wirft den Kopf zurück, öffnet den Mund, so weit es geht, und schnarcht ein bisschen. Gott, ist das peinlich." Bevor sich Timmerberg in den Untiefen der angewandten Ökonomie verliert, entwirft er lieber eine Philosophie des Händedrucks: "Zu lascher Händedruck ist falsch. Er signalisiert Schwäche, Phlegma, Desinteresse. Zu starker Händedruck ist falsch. Er vermittelt entweder grobe Dominanz oder Angst. So greifen auch Menschen zu, die gerettet werden wollen. Außerdem tut ein solcher Händedruck ein bisschen weh. Richtig ist dagegen der mittlere Händedruck, der nicht einschüchtert, sondern Vertrauen schafft."

 


Das nicht eben prickelnde Schrauben- Sujet transformiert der Autor in ein beschwingtes Buch über einen Selfmademan im Nachkriegsdeutschland, der mit 19 in die elterliche Schraubenhandlung eintrat und daraus ein Weltunternehmen formte, das bis heute seinen Sitz in der baden-württembergischen Kleinstadt Künzelsau hat, dessen telefonbuchdicke Kataloge mehr als 125.000 Artikel umfassen - vom Schutzhandschuh über den Spannungsprüfer bis zur überlangen ASSY-Vollgewindeschraube, die Timmerberg an diesem sonnigen Mainachmittag im Stadtpark spazieren führt. Ein Geschenk des Hauses Würth. Bezahlt hat das Buch der Verlag. Würth selbst las das Manuskript vor Drucklegung. An vier Stellen machte er Anmerkungen, weil Timmerberg falsche Flugzeugkennzeichnungen verwendet hatte. Einspruch hat Würth nur bei dem von seinem Biografen vorgesehenen Titel eingelegt: ",Das Geheimnis der goldenen Schraube' klang ihm am Ende zu sehr nach Tim und Struppi."

Würth habe die Biografie übrigens für gelungen befunden, lacht Timmerberg: gelungen, aber nicht so gut wie der Artikel in "Bilanz". Dass "Der Herr der Schrauben" über weite Strecken wie eine Liebeserklärung klingt, ist Timmerbergs offen eingestandener Leidenschaft für den Patriarchen alter Schule geschuldet: "Mich berührt diese freundliche Zerbrechlichkeit im Zentrum der Macht", notiert Timmerberg in "Der Herr der Schrauben": "Es gibt Menschen, die tragen Gold in sich, und zu Gold wird alles, was sie anfassen. Nicht nur Schrauben." Timmerbergs Hand donnert auf die Holzparkbank: "Verdammt, ich liebe diesen freundlichen Mann mit den lachenden Augen! Ich weiß aber noch immer nicht genau, weshalb er mich in solche Gefühlslagen bringt." Später schwebt das Wort "Vaterersatz" in der Luft, das Timmerberg aber gleich wieder mit einer Handbewegung verscheucht.

Man darf von "Der Herr der Schrauben" kein Lebensbild erwarten, das mit Reinhold Würth kritisch ins Gericht geht. Timmerberg nimmt mögliche Einwände von Gefälligkeitsjournalismus im Buch vorweg: "Ich kann nicht sagen: Okay, beruflich hat er alles richtig gemacht, aber privat alles falsch. Bei Reinhold Würth stimmt das nicht. Er hat sich nicht alle zehn Jahre eine 20 Jahre jüngere Frau genommen, darum hat er jetzt eine wunderbare Großfamilie und deren Rückhalt. Und jetzt zu sagen: Okay, amore und dinero stimmen, aber unterm Strich bleibt ein Milliardär ein blöder Kapitalist, geht bei Reinhold Würth auch nicht wirklich. Kunstliebhaber, Musikliebhaber, Literatur-, Philosophie-und Architekturliebhaber - wie soll man das sein ohne Geist? Bleibt nur noch eins: die Systemkritik:,So viel Geld gehört einfach nicht in die Hände eines Menschen.' Das mag sein. Aber in welche dann? In die vielen Hände, die in Berlin seit zehn Jahren einen Flughafen bauen? Oder in die Hände von Politikern?" Das ist die eine Dimension in Würths Geschichte. Die andere betrifft Sohn Markus, der nach einer misslungenen Impfung schwerbehindert ist. 2015 wurde der damals 50-Jährige entführt; einen Tag später fand ihn die Polizei in einem Wald, angekettet an einen Baum. Seitdem wird Markus von Bodyguards beschützt. Reinhold Würth verreist mit Leibarzt, Leibwächter und Chauffeur.

Dem Geheimnis um Würths Fantastilliarden ist Timmerberg auch im Stadtpark auf der Spur. Besitz und Besitzlosigkeit, sagt er, laufen letztlich wahrscheinlich auf dasselbe hinaus. "Besitz an sich interessiert Sie eigentlich nicht?", fragt er den Firmengründer ganz am Ende der Biografie. "Natürlich nicht", antwortet Reinhold Würth.

Helge Timmerberg: Reinhold Würth. Der Herr der Schrauben. Piper, 201 S., EUR 22,70