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Kultur
02/16/2022

Lesetipps zu Gerhard Roth: Streiter wider das Vergessen

Vergangene Woche starb der große Geschichtenerzähler und Fotograf Gerhard Roth. Empfehlungen aus seinem umfassenden Gesamtwerk

von Wolfgang Paterno

„Die Archive des Schweigens“ (1980-1991)

In unterkühlter, unprätentiöser Sprache hat Gerhard Roth, der die Mahnung „Einfach!“ über seinem Schreibtisch hängen hatte, in den „Archiven“ erzählt. Die beiden herausragenden Bände des siebenbändigen Zyklus sind die Romane „Der Stille Ozean“ (1980) und „Landläufiger Tod“ (1984), letzterer eine radikale poetische Grenzüberschreitung, der Mikrokosmos eines Dorfes als Weltmodell, eine alterslose Geschichte des Homo Austriacus. Hier ist Roth in seinem Element: Der Autor untersucht die historischen, politischen und sozialen Aspekte der österreichischen Vergangenheit und deren Auswirkung auf die Gegenwart. Insgesamt 32 Jahre lang schrieb Roth an den Romanzyklen „Die Archive des Schweigens“ und „Orkus“, an diesen beispiellosen mentalitätsgeschichtlichen Panoramaaufnahmen Nachkriegsösterreichs.

„Das Alphabet der Zeit“ (2007)

Als Halbwüchsiger wurde Gerhard Roth Zeuge seiner eigenen Zeugung. Roth, ein oft kränkelndes, übersensitives Kind, dessen Bett seinerzeit im Elternschlafzimmer stand, wurde eines Nachts von Seufzen und Stöhnen aufgeschreckt. In der autobiografischen Rückschau „Das Alphabet der Zeit“ frischt der Autor seine Erinnerung an den intimen Nahkampf von Vater und Mutter auf: „Der Einsatz des Bettes gab quietschende Geräusche von sich, die sich bedrohlich steigerten, so als geschehe etwas Furchtbares, bei dem meine Mutter in Gefahr war, denn sie lag jetzt unter ihm, die Decke heruntergerutscht und ihre Brust nackt.“ Der Grazer Schriftsteller, der im „Alphabet der Zeit“ seine Erinnerungen bis zu seinem 21. Lebensjahr literarisch aufzeichnet, kommentiert die Beischlafszene abschließend so: „Ich habe die Umarmung der nackten Leiber (...) im Kopf behalten wie damals, als ich sie sah, und sage mir zum Scherz, dass es meine eigene Zeugung gewesen ist, der ich auf diese Weise beiwohnte.“

„Das Alphabet der Zeit“ ist ein Markstein im von Roth 1995 mit dem Roman „Der See“ begonnenen, achtbändigen Erzählzyklus namens „Orkus“. Im „Alphabet der Zeit“ erweist sich der Autor einmal mehr als unversöhnlicher Streiter wider das Vergessen und Verdrängen, als vortrefflicher Draufloserzähler von Ganz- und Halberinnertem, von Zersplittertem und Fragmentarischem, als so akkurater wie aufmerksamer Entzifferer seiner eigenen Biografie: „Ich war schon über fünfzig Jahre alt, als die Erinnerung zurückkehrte, fast unwirklich und stückweise, als eine Ansammlung von (...) Kopffotografien und automatenhaften Kurzfilmen, als Stimmen und Déjà-vus.“

 „Venedig - Ein Spiegelbild der Menschheit“ (2021)

Venedig war für Gerhard Roth gleichermaßen Poesiespielwiese und gigantisches Erinnerungstrümmerfeld. 50 Jahre lang durchmaß der Autor die Welt mit der Kamera – und gewann selbst dem fast schon totfotografierten Venedig überraschende Facetten ab. Mittels Analog-, Digital-, Spiegelreflex- und Kompaktkameras hat der Geschichtensammler eine aus allen Nähten platzende Bildergalerie geknipst, weit über 80.000 Aufnahmen, die Mehrzahl davon im 10x15-Format, stapelweise in Kisten archiviert, stumme Zeugnisse der Zeit: eine wie vorsintflutlich wirkende Schweineschlachtung in der Südsteiermark; die bleierne Stille auf dem Friedhof der Namenlosen am Wiener Alberner Hafen; die ikonischen Porträts der Gugginger Künstler; die Aufnahmen von Wald und Wiese nach einem selten heftigen Unwetter, auf denen sich das Gefühl von einem dräuenden Weltende manifestiert; schließlich die Fotoserien aus Japan, Ägypten, Spanien, Portugal, Madeira, Florenz, Amsterdam – und immer wieder Venedig. „Was ich sehr oft fotografiere, ist das Übersehene“, sagte Roth in einem profil-Gespräch. In mehreren Bänden sind Roths Fotografien bisher erschienen, unter anderem in „Atlas der Stille“ (2007), „Im unsichtbaren Wien“ (2010), „Über Land und Meer“ (2011) und „Im Irrgarten der Bilder – Die Gugginger Künstler“ (2012). „Venedig – Ein Spiegelbild der Menschheit“ bildet so etwas wie den Schlussstein der Bildersuche und –sucht Gerhard Roths.