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Kultur
05/19/2022

Maria Lassnig: Mit beiden Füßen in die Malerei

Ein neues Buch versammelt denkwürdige Interviews mit der notorisch Interview-skeptischen Künstlerin Maria Lassnig.

von Stefan Grissemann

Gern hatte sie Interviews wirklich nicht. "Sich ausfragen zu lassen!", monierte Maria Lassnig (1919-2014) um den Jahrtausendwechsel schriftlich: "Der Fragende weiß ja nicht, welche Fragen genau die mir im Moment fraglichen sind und was er aus den Antwortsätzen wieder als fraglich herauspicken soll." Die Bedenken galten auch Hans Ulrich Obrist, dem Schweizer Starkurator und Leiter der Londoner Serpetine Galleries, dennoch ließ sie sich immer wieder auf Zwiegespräche mit ihm ein; Obrist, geboren 1968, blieb Lassnigs Sparringpartner bis zu deren Tod.

Nun ist Maria Lassnig nicht nur Österreichs global bei Weitem renommierteste Malerin, sie ist auch ein Enigma geblieben: Die wilde Mischung aus Naivität und Intellektualität, aus Diskretion und Provokation, mit der sie agiert und gearbeitet hat, ist schwer zu durchschauen und kaum auf den Punkt zu bringen. Die Publikationen der von Peter Pakesch geführten Lassnig-Stiftung helfen dabei, eine unergründliche Künstlerin wenigstens ansatzweise kennenzulernen. "Man muss einsteigen in die Malerei mit beiden Füßen":So lautet der Untertitel einer neuen, mit Gemäldeabbildungen und Skizzenbucheinblicken reich illustrierten, zweisprachig herausgegebenen und von Kirstin Breitenfellner editierten Publikation, die fünf Lassnig-Interviews aus den Jahren 1999 bis 2012, ein Publikumsgespräch von 1999 sowie ein aktuelles Gespräch mit Obrist (anstelle eines Vorworts) versammelt.

Es sind eher Arbeitsgespräche als klassische Interviews, die in diesem Band wiedergegeben werden, aber sie sind reich an pointierten Wendungen, Sprachspielereien und detaillierten Erinnerungen an Lassnigs Pariser und New Yorker Jahre, fruchtbare Einführungen in ihr Denken und ihre Arbeitspraxis. Obrist attestiert Lassnig ein "existenzielles Gequältsein",und ein wenig desillusioniert klingt sie an einer Stelle tatsächlich: "Leider bin ich nicht früher erkannt worden."

Hans Ulrich Obrist, Peter Pakesch, Hans Werner Poschauko (Hg.): Hans Ulrich Obrist. Interviews mit Maria Lassnig. Verlag der Buchhandlung König. 204 S., EUR 29,80