Tilda Swinton in dem enigmatischen Film „Memoria“

Szenen einer Genesung: Tilda Swinton in dem enigmatischen Film „Memoria“

© Stadtkino Filmverleih

Kino
06/28/2022

"Memoria" im Kino: Betonkugel gegen Metallwand

Hören und Sehen werden uns niemals vergehen: Der thailändische Regie-Star Apichatpong Weerasethakul lässt Tilda Swinton in seiner Mystery-Erzählung "Memoria" durch Kolumbien driften.

von Stefan Grissemann

Ein im Kopf wiederkehrender Donnerschlag, dessen zerrüttende psychische Wirkung kaum zu vermitteln ist – die Frau, die von ihm gepeinigt wird, beschreibt ihn als ein Grollen und Rumpeln, das aus dem Inneren der Erde zu stammen scheint –, setzt diesen Film in Bewegung: "Memoria" ist, diesem Ausgangspunkt folgend, nicht in erster Linie als visuelle Arbeit zu verstehen, sondern in hohem Maße eben auch als Hörstück. Die destabilisierte Frau im Zentrum, gespielt von der schottischen Abenteuerschauspielerin Tilda Swinton, macht sich von Bogotá aus auf den Weg, um ihren Frieden zu finden.

Aber ihr Sinnesapparat scheint sich weiter zu verändern, auf Empfang geschaltet zu sein. Nur: Was genau empfängt sie? Geräusche aus der Vergangenheit? Aus einer fernen kollektiven Erinnerung? Der aus Bangkok stammende Regisseur Apichatpong Weerasethakul, 51, ist – als mehrfacher Cannes-Gewinner – eine der renommiertesten Gestalten des Arthouse-Kinos und inzwischen auch des globalen Kunstbetriebs; er weigert sich, zwischen der Kunst, die erst greifbar machen kann, was die Welt und die Menschen definiert, und dem sogenannten Leben zu unterscheiden, das eine vom anderen zu trennen. Mehrfach durchschreitet Swinton in diesem Film, der auf zarte Weise das Dokumentarische mit dem Fiktionalen überblendet, auch museale Orte, betrachtet Installationen und Gemälde. In einem Tonstudio, das sie aufsucht, bemüht sie sich mithilfe eines Sound-Spezialisten, das Geräusch in ihrem Kopf nachzubilden, es auch für die Außenwelt hörbar zu machen: Es sei wie eine Betonkugel, sagt sie, die gegen eine vom Meer umspülte Metallwand knalle.

"Memoria" markiert nicht nur eine Reise, sondern vor allem auch einen Rückzug aus der Großstadt in die von Wind, Wasser und Insekten durchzogenen Hörlandschaften des kolumbianischen Dschungels. Natürlich muss man ein wenig Geduld aufbringen, um sich einzulassen auf die Verweigerung simpler "Erklärungen" und auf den ruhigen Rhythmus, den im Gegenwartskino unüblich stillen Fluss der Erzählungen dieses Regisseurs. Wer dazu in der Lage ist, wird mit dem Meisterstück "Memoria", das dieser Tage im Wiener Gartenbaukino – und nur im Kino – zu besichtigen (und zu belauschen) ist, reich belohnt werden.