Nachruf: Eva Menasse erinnert sich an profil-Autor Horst Christoph

profil-Kulturredaktion, 1990er-Jahre: Ute Woltron,
Horst Christoph, Oliver Tanzer, Klaus Kamolz, Eva Menasse, Helga Gartner (v. li. n. re.)

profil-Kulturredaktion, 1990er-Jahre: Ute Woltron, Horst Christoph, Oliver Tanzer, Klaus Kamolz, Eva Menasse, Helga Gartner (v. li. n. re.)

Horst Christoph, langjähriger Kulturredakteur des profil, ist vorvergangene Woche im 80. Lebensjahr gestorben. Die Schriftstellerin Eva Menasse erinnert sich an ihren einstigen Kollegen.

In den guten alten Zeiten, als sich die profil-Redaktion über eine endlose Etage von drei miteinander verbundenen Wiener Altbauten in der Marc-Aurel-Straße zog, befand sich ganz hinten, sozusagen im Enddarm, das Orchideen-Ressort, also Kultur und Gesellschaft. Dort, wo es einen Politikredakteur niemals hinverschlagen und er sich im Gewirr von unordentlichen Zimmern und verborgenen Hintertreppchen gewiss verirrt hätte, hing ein gerahmtes Foto an der Wand. Darauf eine Handvoll junger Redakteure, die lachend an einem umfunktionierten Konferenztisch Sushi aßen. Sie verstreuten sich bald darauf, nicht gerade in die Welt, aber zumindest in andere Zeitungen. Alle? Nein, der Zweite von links fiel nicht nur altersmäßig heraus, mit seinem grau gefleckten Stoppelbart und der markanten Hornbrille, sondern er blieb auch bis zur Pensionierung bei profil. Ein Urgestein. Als Horst Christoph schließlich die Redaktion verließ, nahm er das Sushi-Bild mit. Vor einiger Zeit wurde es mir nach Berlin geschickt. Horst wollte, dass ich es bekam, denn ich bin von allen am weitesten weg.

Horst Christoph, gebürtiger Innsbrucker, war nach Stationen bei der „Tiroler Tageszeitung“ und der „Presse“ jahrzehntelang eine Institution: als der Architektur- und Kunstkritiker des profil. Seine Interessen galten der Wiener Gruppe, der Mühl-Kommune, dem Verhüllungskünstler Christo, mit dem und dessen Frau Jeanne-Claude er gut bekannt war, und – er war selbst passionierter Bergsteiger – besonders auch dem Alpinismus und seinen Protagonisten wie Reinhold Messner und Wolfgang Nairz, die er interviewte und porträtierte. Es berührt seltsam, dass Horst nur zwei Tage nach dem Unglück starb, dem David Lama und Hansjörg Auer zum Opfer fielen.

Horst Christoph, 2006

Horst Christoph, 2006

Horst Christoph war außerdem viele Jahre lang profil-Betriebsrat, was auf seine herausragende Eigenschaft hinweist: Er war ein hilfsbereiter, herzlicher, verlässlicher und enorm sozialer Kollege, wie man sie unter den notorisch eitlen und kompetitiven Journalisten nicht allzu oft findet. Er war damit – obwohl er in seiner aktiven Zeit stets den jugendlich-sportlichen 68er-Habitus pflegte – auch ein bisschen der gütige Vater der jüngeren Redakteure.


Horst Christoph schrieb damals ein berührendes Tagebuch aus Hainburg, schilderte die Angst, die Gerüchte, die Kälte und die Skurrilitäten.

Gemeinsam mit seiner klugen und witzigen Frau Dorte, einer Dänin, lud Horst kurz vor Weihnachten immer zu sich nach Hause zum legendären Brunch ein; diese lukullischen Treffen – Horst und Dorte vermochten den Strudelteig wirklich so dünn zu ziehen, dass man darunter die Zeitung lesen konnte – waren ein endloses Palaver von profil-Anekdoten aus allen Jahrzehnten, gleichzeitig erholsame Gelage für alle, die von den Weihnachtseinkäufen kamen. Horst und Dorte wirkten auch als Paar vorbildlich; partnerschaftlich, gleichberechtigt, kleinere Reibereien wurden wegironisiert. Wenn sich Horsts unbeschreibliches Chaos (das auch in der Redaktion zu bewundern war; qua spektakulärer Unordnung hatte er sich das Recht auf ein ewiges Einzelzimmer erwirkt) in der Restwohnung auszubreiten begann, raffte seine Frau es zusammen und warf es ihm einfach zurück in seine Arbeitshöhle. Zum Schießen komisch schilderten die beiden einmal, wie sie das Elternsein anhand von „Dr. Spock’s Baby and Child Care“ erlernt hatten – es war, als baute ein Paar seine Ikea-Möbel auf: „Wie soll man das Baby halten?“ – „Ach ja, den Kopf stützen, stimmt.“

Ihre Töchter Charlotte und Nikola waren selbstverständlich dabei, als die Eltern 1984 zu Au-Besetzern wurden. Horst Christoph schrieb damals ein berührendes Tagebuch aus Hainburg, schilderte die Angst, die Gerüchte, die Kälte und die Skurrilitäten. Die Reportage endet mit den Worten: „Donnerstag, 20. Dezember, 13:30 Uhr. Diese Geschichte ist jetzt fertig. Ich muss sie nur noch in die Redaktion bringen. Dann fahren wir wieder in die Stopfenreuther Au. Ich freue mich schon auf das Lager sechs. Charlotte ist mit ihren Freunden auf dem Weg; Nikola fährt mit Dorte und mir. Wir haben jetzt unser eigenes Zelt mit.“