Neue Bücher von Heinz Strunk und Schorsch Kamerun

Literarische Spielfläche. Autor Schorsch Kamerun.
Literarische Spielfläche. Autor Schorsch Kamerun.

Literarische Spielfläche. Autor Schorsch Kamerun.

Erniedrigte und Beleidigte: Schorsch Kamerun und Heinz Strunk haben zwei höchst unterschiedliche neue Romane über ihre Heimatstadt Hamburg geschrieben.

Das Leben im provinziellen Hinterland, eine schmerzliche Niederlage. Horsti, der Held in "Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“, fristet in dem fiktiven weltvergessenen Ostsee-Kaff Bimmelsdorf ein Dasein exquisiter Tristesse. Er zürnt in der BRD der späten 1970er-Jahre über die auf "puren Lügen aufgebaute Schweinegesellschaft“ und die "Erwachsenenweltwüste“. Trost und Hilfe bieten allein Punk und Rock’n’Roll. "Anarckeeey“: Mit einem langgezogenen Hilfeschrei hebt Schorsch Kameruns Entwicklungsroman an. Es trifft Horsti wie ein "Blitz im Kopf“. Die Zeit aus Blei ist vorbei. Er verlässt das Dorf und zieht in die Stadt.

Kamerun, 1963 in der Nordsee-Gemeinde Timmendorfer Strand geboren, Sänger der Meta-Punkband Die Goldenen Zitronen und Betreiber des kürzlich niedergebrannten Hamburger "Golden Pudel Clubs“, wäre nicht Kamerun, folgte er unbeirrt den ungeschriebenen Anfang-Mitte-Schluss-Gesetzen des Romanschreibens. Sein Buch ist ihm literarische Spielfläche, auf der er Horstis frühe Verwirrungen und spätpubertäre Nöte durchdekliniert. "Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“ ist ein Roman, der fiebrig zwischen Erzählung, Psychogramm und Generationenporträt changiert - und dadurch eigenen Drive und viel Charme entwickelt. Schorsch Kamerun sei, schwört der Klappentext, einer der "17 besten Menschen“. Mit "Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“ hat der Gute eines der 12 besten Bücher derzeit geschrieben. Mindestens.

Schorsch Kamerun: Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens. Ullstein, 245 S., EUR 18,50

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Ein Roman wie ein Faustschlag. Autor Heinz Strunk.

In Wien bezeichnet man Lokale wie die Hamburger Kiez-Absteige "Der goldene Handschuh“ als "Tschocherln“: Wärmestuben für heruntergekommene Trinker, die sonst nirgendwo willkommen sind. In Heinz Strunks jüngstem Roman, der nach der gleichnamigen Hamburger Bar benannt ist, sitzen ganz hinten die "Schimmligen“, was durchaus wörtlich zu nehmen ist. Vorne am Tresen hängt einer, den sie "die Leiche“ nennen; man weiß nie genau, ob er von der Außenwelt etwas mitkriegt oder nicht; seine Schenkel sind wundgerieben vom eigenen Urin. Inmitten dieser ausgestoßenen Existenzen ist auch Fritz Honka Stammgast.

Manchmal nimmt er ältere Frauen mit nach Hause, erwürgt sie, zerstückelt sie und lagert die Leichenteile in Hohlräumen in der Wand oder am Dachboden. Es muss bestialisch gestunken haben in seiner Absteige, die Honka mit Fichtennadelspray besprühte. Strunk, als Unterhaltungsautor bekannt, schlägt mit der wahren Geschichte eines Serienmörders aus den 1970er-Jahren neue, ernstere Töne an. Beeindruckend, wie ihm die richtige Mischung aus Ekel und Mitleid, Distanz und Nähe gelingt. Ein Roman wie ein Faustschlag in den Magen, oft schwer auszuhalten, aber zugleich grandios in seiner Konsequenz, Erniedrigte und Beleidigte zu porträtieren, ihren irren Hass auf sich und die Welt aufzuzeigen. Um sich nicht auf die Milieustudie zu beschränken, konterkariert Strunk Honkas Geschichte mit einer Hamburger Reederfamilie, die zwar jede Menge Geld, aber kaum Moral besitzt.

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh. Rowohlt. 255 S., EUR 20,60