Neue Kinofilme: Narbe, Riss und Knochenbruch

„Titane“ und „Eternals" führen vor, wie ein alternatives feministisches Gegenwartskino aussehen könnte. [E-Paper]

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Die halsbrecherisch handelnden Protagonistinnen der Filme, von denen hier die Rede sein wird, tragen ungewöhnliche Namen: Sie heißen Alexia, Sersi, Thena, Sprite und Makkari. Aber sie sind keineswegs, was sie zu sein scheinen: Alexia etwa verwandelt sich, nach ein paar krassen Interventionen am eigenen Leib, bald schon in Adrien, und der Rest der Genannten sieht nur aus wie eine Gruppe kämpferischer Frauen; tatsächlich jedoch sind sie alle Laborgeburten, außerirdische Produkte, die vor Jahrtausenden als gleichsam göttliche Gesandte zur Erde kamen, um der Menschheit in ihrer Evolution beizustehen.

Das Superhelden-Kinomärchen, in dem sie auftreten, stammt aus dem in Sachen Bewegtbild-Entertainment längst weltbeherrschenden Hause Marvel, wo bekanntlich auch Black Panther, die Avengers und die Guardians of the Galaxy daheim sind; es geht auf Jack Kirbys Comics-Serie aus den 1970er-Jahren zurück: „Eternals“, inszeniert von der heuer oscargekrönten „Nomadland“-Regisseurin Chloé Zhao, 39, ist der Versuch, das Blockbuster-Genre ein wenig anders zu fassen, nicht als alle Sinne überfordernde und betäubende Achterbahnfahrt, sondern als bewusst gemächlich zu enthüllendes Fantasy-Gedankengebäude, in dem existenzielle Schlüsselfragen verhandelt werden.

Die Französin Julia Ducournau, 37, geht den Wunsch, mit einem Stück Popkultur über Frauenbilder und Geschlechterrollen nachzudenken, ungleich offensiver an: Sie fantasiert in „Titane“ von einer jungen Frau, der man nach einem lebensgefährlichen Autounfall schon als Kind eine Titanplatte in den Schädel gesetzt hat, was schwere sexuelle und soziale Störungen auslöst; Alexia wird zur Serienmörderin, weil sie die Menschen nicht erträgt, vor allem solche nicht, die sich mit eindeutigen Absichten an sie heranmachen. Ihre erotischen Neigungen konzentrieren sich, dem kindlichen Trauma geschuldet, auf Kraftfahrzeuge – nicht ohne Grund arbeitet sie bei Automessen als Animationstänzerin für ein geiferndes Männerpublikum.

Als die Exekutive der Blutspur, die sie hinterlässt, zu folgen beginnt, gerät die Flüchtige, mit männlichem Styling und metallischem Baby im Bauch, in ein ungeahntes neues Leben: Ein alternder, mit Steroiden gestählter Feuerwehrhauptmann (dargestellt von dem Charakterdarsteller Vincent Lindon) meint in der Heimatlosen seinen seit zehn Jahren abgängigen Sohn zu erkennen, nimmt sie bei sich auf und lässt sie, als queeren Fremdkörper, in seiner Macho-Truppe arbeiten. „Titane“ besitzt, trotz seiner absurd anmutenden Story, eine gewisse biografische Authentizität: Die wortkarge Hauptfigur des Films, Agathe Rousselle, ist dessen Energiezentrum, finster-charismatisch und auf deviante Weise fotogen; Rousselle definiert sich selbst als „nicht-binär“, als Mensch außerhalb der etablierten zweigleisigen Geschlechterordnung.

Zwei junge Filmemacherinnen also, die als Speerspitze eines neuen, buchstäblich schlagkräftigen, die ausgetretenen Pfade verlassenden  feministischen Kinos gelten, jagen in ihren jüngsten Filmen kühne Frauen durch toxische Männerwelten. Zhao und Ducournau gehen mit ihren gewagten neuen Produktionen jedoch in sehr verschiedene Richtungen: Die eine überhebt sich als gefeierte Indie-Königin an einer Industrieproduktion, der anderen gelingt ein durchgedrehter, geschlechterpolitisch angriffiger Thriller, der in Cannes vor wenigen Monaten sogar mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

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Stefan   Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.