Irina macht als Toxische Pommes gesellschaftskritische Comedy auf TikTok

© Marlon H.

Gesellschaft
11/05/2021

Toxische Pommes: So funktioniert gesellschaftskritische Comedy auf TikTok

Die TikTokerin Toxische Pommes im Interview über absurde Alltagskomik und Grenzen für Satire.

von Lena Leibetseder

Unter dem Pseudonym Toxische Pommes entwickelte sich Irina im vergangenen Jahr zu einem regelrechten TikTok-Star, auf Instagram und TikTok zählt die Juristin jeweils mehr als 50.000 Follower. In Clips, die meist nur ein paar Sekunden dauern, parodiert sie Bobos aus dem 7. Bezirk, karikiert die „Balkan-Mentalität“ ihrer eigenen Community und übt recht uneitle Gesellschaftskritik.

profil: Viele deiner Sketches laufen über überzeichnete Charaktere wie Bobo-Lorenz. Wer sind diese Personen?
Toxische Pommes: Lorenz ist ein linker, woker Typ, der aus gutem Hause kommt und sehr viele Privilegien genossen hat. Er ist belesen und sieht ein, dass es Ungerechtigkeiten auf der Welt gibt, aber vergisst immer wieder, sich selbst zu fragen, ob er nicht auch Teil des Problems ist. Dann gibt es noch Renate: Sie ist sozusagen das österreichische Pendant zur US-amerikanischen
Karen. Sie ist alltagsrassistisch, sehr auf ihren eigenen Vorteil bedacht und hat ein nicht besonders breites Weltbild.

profil: Ein weiterer Topos sind Boomer-KollegInnen“. Du arbeitest als Juristin – fühlen sich die Leute in deinem Büro manchmal ertappt?
Toxische Pommes: Die Leute in meinem Büro sehen meine Videos und geben mir auch immer wieder positives Feedback. Aber in den Videos geht es nicht um die Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Die Charaktere, die ich wähle, sind keine echten Personen, sondern verdichtete und teilweise überzeichnete Stereotype. Dennoch kommentieren immer wieder UserInnen unter meinen Videos, dass sie sich ertappt fühlen.

profil: Viel läuft bei dir auch unter dem Format „ÖsterreicherInnen versus AusländerInnen“. Welche Rolle spielt dabei deine eigene Biografie?
Toxische Pommes: Die meisten Erlebnisse, die ich in den Videos aufgreife, sind mir in der einen oder anderen Form so widerfahren.

profil: Wie schaffst du es, rassistische und sexistische Ressentiments nicht nur zu reproduzieren, sondern pointiert zu hinterfragen?
Toxische Pommes: Ich versuche, die Charaktere subtil als problematisch darzustellen, indem ich bestimmte Eigenschaften überzeichne. Ich sage nicht dezidiert, was gut und was böse ist – so einfach ist das selten. Ich versuche, das Videomaterial für sich selbst sprechen zu lassen und die Absurdität bestimmter Situationen für die Beobachterinnen und Beobachter ohne große Erklärungen greifbar zu machen.

profil: Beobachterinnen und Beobachter hast du ja mittlerweile einige – auf Instagram und TikTok folgen dir insgesamt mehr als 100.000 Menschen. Hast du mit dem Erfolg gerechnet?
Toxische Pommes: Das war ein kompletter Zufall und nie in irgendeiner Form intendiert. Ich habe mit dem Content letztes Jahr im Lockdown begonnen und mir eigentlich nie gedacht, dass ich damit eine derartige Reichweite aufbauen kann.

profil: Musst du oft mit Hass-Kommentaren umgehen?
Toxische Pommes: Ja, aber es hält sich in einem Ausmaß, in dem ich damit umgehen kann. Beleidigungen und Beschimpfungen versuche ich zu ignorieren. Ich lese die Kommentare meistens, und wenn konstruktive Kritik geübt wird, dann nehme ich die ernst. Ich lösche auch Videos oder füge Beschreibungen hinzu und erkläre, wie Dinge gemeint waren. Und wenn Videos nicht in der beabsichtigten Form oder kränkend ankommen, dann nehme ich sie runter.

profil: Bei welchen Videos machst du das zum Beispiel?
Toxische Pommes: Ich habe erst letztens wieder bei einem Video über Terrorismus eine Triggerwarnung eingefügt. Bei einem anderen Video war mir nicht bewusst, dass eine bestimmte Verhaltensweise, die ich in einem Video dargestellt habe, auch ein Symptom von ADHS sein kann. Darauf haben mich Leute in den Kommentaren hingewiesen – dann habe ich eine Erklärung dazu gemacht.

profil: Fühlst du dich durch sowas nicht eingeschränkt?
Toxische Pommes: Es ist für mich ein Zeichen von Respekt, dass ich auf diese Kritik eingehe. Es kostet mich keine Energie, eine Triggerwarnung, eine Erklärung oder Entschuldigung einzufügen. Ich empfinde diese „political correctness“ auch nicht als Geißelung, und ich finde es spannend, neue Dinge dazuzulernen.

profil: Setzt du dir und deiner Comedy aktiv Grenzen?
Toxische Pommes: Ich versuche stets, respektvoll zu bleiben und nicht unter die Gürtellinie zu gehen. Ich möchte nicht Identitäten kritisieren, sondern problematisches Verhalten.

profil: Wie reagierst du auf den Vorwurf, dass sich lustig sein und politisch korrekt sein nicht gleichzeitig ausgeht?
Toxische Pommes: Ich sehe nicht ein, warum Witze immer politisch unkorrekt sein müssen. Ich verstehe nicht, was an politisch unkorrektem Humor lustig sein soll. Im September hatte ich meinen ersten Stand Up-Auftritt beim „Politically Correct Comedy Club“ – und ich hatte jedenfalls das Gefühl, dass alle Auftretenden beim PCCC sehr unterhaltsam waren. Die PCCC-Shows sind auch regelmäßig ausverkauft, also offenbar gibt’s genügend Leute, die politisch korrekten Humor lustig finden.

profil: Beobachtest du einen „Cancel Culture“-Mechanismus?
Toxische Pommes: Ich habe das Gefühl, dass dieser Begriff sehr von konservativer Seite eingenommen wurde und nur noch dazu verwendet wird, berechtigte Kritik zu untergraben. Es ist eine gute Sache, Leuten eine Bühne zu nehmen, die gefährliche Inhalte verbreiten, respektlos sind und Machtstrukturen reproduzieren. Andererseits finde ich aber auch, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, dazuzulernen, sich weiterzubilden und sich zu entschuldigen.

profil: Siehst du diesbezüglich eine Polarisierung zwischen der jüngeren und der älteren Generation?
Toxische Pommes: Vielleicht ist unser Humor auch einfach besser. Oder kreativer. Und es gibt so viel mehr Material als politisch unkorrekte Witze. Humor kann so viel mehr als bestehende Machtverhältnisse einzuzementieren und sollte meiner Meinung nach kritisch sein und zum Nachdenken anregen.

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