Was läuft falsch in der heimischen Kunstszene?

Der Belgier Christophe Slagmuylder anlässlich seiner Präsentation als zukünftiger Intendant der Wiener Festwochen in Wien

Der Belgier Christophe Slagmuylder anlässlich seiner Präsentation als zukünftiger Intendant der Wiener Festwochen in Wien

Nicht erst seit den Turbulenzen um die Wiener Festwochen und das Volkstheater herrscht in Österreichs großen Kulturinstitutionen ein Klima der Verunsicherung. Eine Fehleranalyse.

Als profil am Montag vergangener Woche die Meldung in Umlauf brachte, dass der belgische Kurator Christophe Slagmuylder, 51, als neuer Chef der Wiener Festwochen den jäh abservierten Tomas Zierhofer-Kin ersetzen werde, machte sich verhaltene Zuversicht breit. Die internationale Vernetzung der neuen Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler hatte es ermöglicht, binnen weniger Tage eine erstklassige Kraft aus dem Hut zu zaubern. Ein Problem gibt es trotzdem: Slagmuylders "extrem kurze Vorbereitungszeit" (er wird in einem halben Jahr sein Programm für 2019 vorlegen müssen) stelle "eine enorme Herausforderung" dar, räumte Kaup-Hasler ein, übte sich jedoch in Zweckoptimismus: "Notlösungen sehen anders aus."

Untätig war und ist der gebürtige Brüsseler, Spezialist für zeitgenössische Kunst und visuelle Theorie, nicht: Als Festivalchef hat sich der europaweit geschätzte Kurator in seiner Heimatstadt beim renommierten Kunstenfestivaldesarts profiliert, das er seit 2007 leitet. Vor wenigen Monaten erst wurde Slagmuylder zum Programmdirektor des Festivals Theater der Welt designiert, das im Mai 2020 in Düsseldorf stattfinden wird. Übernimmt er die Festwochen nur interimistisch oder doch längerfristig? Wollte er bleiben, müsste er seinen Theater-der-Welt-Vertrag kündigen (was ohnehin bereits kolportiert wird). Dann allerdings würde eine Festwochen-Ausschreibung, deren Ergebnis inoffiziell bereits feststünde, wie ein Hohn wirken.

Die einstweilige Berufung Slagmuylders entspricht einer aktuellen kulturpolitischen Sehnsucht: Österreichs Kunstszene soll internationalisiert werden. Die Neubesetzungen der Viennale (mit der Italienerin Eva Sangiorgi) und etwa des Kunsthistorischen Museums (mit dem Deutschen Eike Schmidt, ab Mitte 2019) scheinen einen gewissen Glamour zu versprechen, eine Weltläufigkeit, die für erhöhte Strahlkraft und erweiterte Horizonte bürgen soll. De facto aber sind solche Rochaden mitverantwortlich für das neue Klima der Unsicherheit, das derzeit in der Kulturszene herrscht. Der Abgang Nicolaus Schafhausens als Direktor der Kunsthalle Wien hat die Diskussion über das Zusammenspiel von Kulturarbeit und Politik neu entfacht; die Nichtverlängerung des Vertrags von Volkstheater-Chefin Anna Badora stellt die alte Frage nach der Positionierung dieser Bühne, die allzu offensichtlichen Populismus ebenso wenig verträgt wie wirklich avancierte Theaterkunst. Erstaunlich viele große Kulturinstitutionen befinden sich gegenwärtig in personellen oder strukturellen Turbulenzen: Das Rad der Budgetkürzungen und Intendantenablösungen dreht sich immer schneller. Die neue Regierung, die in Kulturfragen noch kaum Flagge gezeigt hat, trägt zur allgemeinen Beklommenheit bei.

Man muss die neue Ungewissheit, der sich vor allem die Führungsebenen konservativ ausgerichteter Häuser ausgesetzt sehen, nicht grundsätzlich negativ sehen. Jeder Umsturz trägt den Keim der Verbesserung in sich. Insbesondere das Ende von Intendanzen, die -wie einst üblich (man denke an die 17-jährige Ära Wilfried Seipels im KHM oder an die 25 Jahre währende Regentschaft Peter Noevers im Museum für angewandte Kunst) - über zwei, in manchen Fällen sogar drei Jahrzehnte gehalten wurden, trägt dazu bei, die Kultur dieses Landes dynamischer, beweglicher zu gestalten. (Nur der altehrwürdige Musikverein trotzt auch nach 30 Jahren unter der Führung Thomas Angyans jeder Reform.) Dennoch gilt es, auch die vielen Schwachstellen in Verwaltung und Betrieb der hiesigen Kulturlandschaft festzustellen - die Inkompetenz mancher Manager, die Selbstgerechtigkeit in den Direktionen, die vielfältigen Versäumnisse der Kulturpolitik auf Gemeinde-und Bundesebene, die zu erheblichen Budget- und Planungsunsicherheiten führen.

Im Folgenden der Versuch einer Rekonstruktion der verschiedenen Tendenzen, die zur -bisweilen auch produktiven -Destabilisierung großer Kulturinstitutionen beigetragen haben.

Die Ratlosigkeit der Kulturpolitik

Wenn politische Zuständigkeiten wechseln, leidet bisweilen auch die Kunst. Die schwarz-blaue Landeskoalition, die in Oberösterreich seit Herbst 2015 am Ruder ist, hat die Kultur-und Sozialbudgets inzwischen massiv beschnitten - und die Kürzungen als großen Wurf verkauft. Im Zuge der rechten Wende, die mittlerweile ganz Österreich erfasst hat, scheint sich Ähnliches zu ereignen. Nicht nur im Haus der Geschichte, dessen Zukunft derzeit weder budgetär noch räumlich gesichert ist (siehe Kasten rechts), sondern etwa auch in der Wiener Albertina. 2017 war die Sammlung Essl als Dauerleihgabe an die Albertina übergeben worden. Für die Erhaltung, Lagerung und Erfassung der rund 6000 Objekte war von Kulturminister Thomas Drozda zunächst eine Erhöhung der Basisabgeltung um eine Million Euro jährlich zugesichert worden. Später, noch zu Amtszeiten Drozdas, hieß es, dass man die Zusatzkosten aus einem Sonderbudget finanzieren wolle. Schon damals fragte profil nach, wie sicher diese Summe denn sei, sollte eine andere Partei den Kulturminister stellen. Antwort: Das werde schon niemand ändern. Drozdas Nachfolger Gernot Blümel sah das jedoch anders. Schon 2018 erhält das Haus anstatt der veranschlagten Million nur 800.000 Euro. Für 2019 ist bislang kein Cent für die Betreuung der Sammlung Essl fixiert. Nächstes Jahr steht die Eröffnung des Künstlerhauses an; die Albertina soll im Obergeschoss Essl-Leihgaben präsentieren. Bis heute weiß niemand, ob die Finanzierung dieses Plans gesichert ist. Gleichzeitig muss im Künstlerhaus aber ein Programm vorbereitet werden, sind Kuratorinnen und Ausstellungsarchitekten längst am Arbeiten -Ausstellungen haben oft eine Vorlaufzeit von mehreren Jahren. Zwar ist die Hoffnung in der Albertina groß, dass es mit der Zusage letztlich noch klappt. Doch sicher ist derzeit nichts.

Auch die Wiener Festwochen haben lange an einem kulturpolitisch verfügten Konstruktionsfehler gelitten: Das Prinzip Fleiß war ausgelagert worden. Während der Schweizer Starregisseur Luc Bondy von 2002 bis 2013 als Chef in Wien nicht einmal ein Büro hatte, reisten seine Schauspielleiterinnen Marie Zimmermann und später Stefanie Carp um die Welt, um Programm anzukarren. Sie prägten das Festival ästhetisch maßgeblich, hatten aber nie das letzte Wort. Das war auch aus feministischer Sicht fragwürdig: Männer leiteten, Frauen arbeiteten. Spätestens mit Frie Leysen, die 2014 unter Markus Hinterhäuser tätig war und nach nur einem Jahr im Streit ging, war klar: Die Festwochen brauchten eine neue Struktur. Super-Intendanten waren nicht mehr nötig; wer das umfangreiche Theater-und Performance-Programm erdenkt und umsetzt, sollte die Festwochen auch leiten. Festivaldramaturgie ist ein seriöser Job: Was spricht gegen Spezialisten?

Risikobesetzungen

Die Frage, ob man dem Musikmanager Bogdan Roščić, der keinerlei Erfahrung in der Leitung großer Hochkulturinstitutionen vorzuweisen hat, die Direktion der Staatsoper anvertrauen sollte, wird bis zu seinem Arbeitsantritt kaum zu klären sein. Der Mut jedoch, unkonventionelle, zukunftsträchtige Lösungen zu suchen, verdient Respekt, auch wenn es in der Natur der Sache liegt, dass nicht jede kühne Idee in der Praxis aufgeht. Ex-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Festwochen-Aufsichtsratsvorsitzender Rudolf Scholten hatten gehofft, dass Tomas Zierhofer-Kin, der beim Kremser Donaufestival im Performance-und Musikbereich Bemerkenswertes geleistet hatte, den Wiener Kulturtanker mit jüngerem, hipperem Publikum bevölkern würde. Doch für Zierhofer-Kin waren die Festwochen eine Nummer zu groß; er verzettelte sich mit unzähligen Kuratoren, vergraulte das Stammpublikum mit abstrusen Programmtexten, verwandelte eines der renommiertesten europäischen Festivals in eine Learning-by-doing-Zone. (Nur die Gösserhallen funktionierten als Festivalzentrum heuer überraschend gut, aber auch diese stehen, wie man hört, 2020 nicht mehr zur Verfügung.)

Welche Gründe genau es waren, die für die Neubesetzung des Kunsthistorischen Museums (KHM) mit Eike Schmidt sprachen, der aktuell die Uffizien in Florenz leitet, war auch bei der Pressekonferenz im September 2017 nicht zu eruieren. Zwar sprach Schmidt viel über "Digitalkompetenzen" - wer jedoch bis vor Kurzem die Website der Uffizien besuchte, gegen die der Onlineauftritt jeder 2000-Seelen-Gemeinde im Mostviertel hochmodern wirkt, runzelte die Stirn. Zudem scheint Schmidt einen Hang zum Job-Hopping zu haben: Zwei Jahre lang arbeitete er im Getty Museum in L. A., ein Jahr bei Sotheby's London, immerhin sechs am Minneapolis Institute of Arts. Als Leiter der Uffizien wurde er im September 2015 bestellt - zwei Jahre später trat er als künftiger KHM-Direktor vor den Vorhang.

In Florenz zweifelt man an der Handlungsfähigkeit Schmidts bis zu seinem Umzug nach Wien: "Mit welcher Glaubwürdigkeit kann ein Museumsdirektor Reformen umsetzen, wenn er seine Zukunft schon an ein anderes Museum gebunden hat?", fragte die Tageszeitung "La Repubblica". Sabine Haag, die von der Nicht-Verlängerung ihres Vertrags ziemlich überrascht zu sein schien, bleibt nur bis Ende 2018 als Direktorin am Haus, doch Schmidt kommt erst Mitte 2019 - vorher kann er aus Florenz nicht weg. Doch was, wenn nach kurzer Zeit im KHM ein neues, noch besseres und lukrativeres Angebot winkt? Dann könnte es dem Haus so gehen wie den San Francisco Art Museums; deren Chef, der gebürtige Wiener Max Hollein, verlässt den Museumskomplex demnächst, um ans Metropolitan Museum in New York zu wechseln. Dass ein Kulturmanager den Ruf eines derart prominenten Hauses nicht ignorieren kann, ist durchaus verständlich. Im Zusammenhang mit Schmidt verglich "La Repubblica" Museumsdirektoren mit Fußballtrainern, die je nach finanziellen Angeboten den Klub wechseln. Ganz falsch ist diese Analogie sichtlich nicht.

Auch das als Repertoirebetrieb chronisch unterdotierte Volkstheater wird wohl riskant neu besetzt werden. Das Haus hat unter Anna Badora keine Mitte gefunden, zwischen innovativeren Arbeiten von Yael Ronen und Badoras eigenen, eher biederen Inszenierungen hat man oft den Eindruck, in zwei völlig unterschiedlichen Bühnen zu sitzen. Vieles spricht dafür, dass Kaup-Hasler das Haus strukturell neu denken, das Volkstheater in Richtung Koproduktionshaus lenken möchte, weil die Stadt ohnehin kein drittes großes Sprechtheater braucht. Matthias Lilienthal, der das Berliner HAU zu einem zentralen zeitgenössischen Koproduktionshaus machte und gerade etwas glücklos an den Münchner Kammerspielen agiert, wird von Insidern als derzeit aussichtsreicher Kandidat für die Leitung des Volkstheaters gehandelt.

Inkompetenz des Managements

Das Finanzdesaster, das im Burgtheater mehrere Jahre den Betrieb hemmte, war hausgemacht. Ein Direktor, der sich in Budgetfragen für nicht zuständig erklärte, flankiert von einer Geschäftsführerin, die den sorglosen Umgang mit dem Geld nach alter Tradition am Haus unhinterfragt weiterführte: Matthias Hartmann und Silvia Stantejsky, über Jahre unüberprüft von Holding-Chef Georg Springer, wurden zu Ikonen missglückter Betriebsführung. Vor sechs beziehungsweise sieben Jahren verließen die Kunstmanager Gerald Matt (Kunsthalle Wien) und Peter Noever (MAK) ihre Häuser: Nicht nur ihre offenkundige Teamunfähigkeit, auch das allzu freie Hantieren mit öffentlichen Ressourcen wurden schließlich ihre Stolpersteine. Damals war man der Meinung, dass die Zeit der Feudalherrscher über Kunstimperien abgelaufen sei. Die Vorgänge im Belvedere widersprachen dem: Nach Gutdünken schaltete und waltete die bis Ende 2016 amtierende Direktorin Agnes Husslein, verlor dabei substanzielle Teile ihrer Belegschaft. Auch Sabine Breitwieser, die am 1. September als Direktorin des Museums der Moderne in Salzburg abgelöst wird, musste sich dem Vorwurf der zu harten Mitarbeiterführung stellen. Dass der zuständige Kulturlandesrat Heinrich Schellhorn sie in den Medien frontal angriff, statt das Problem mit ihr selbst zu besprechen, zeugt freilich nicht gerade von gutem Stil.

Übereilte Entschlüsse sind in der Kulturpolitik üblich: So kündigte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny den Vertrag mit Gerald Matt erstaunlich rasch, Kulturminister Thomas Drozda verlängerte das Engagement Hussleins nach kurzer Bedenkzeit nicht. Und Besseres kommt bekanntlich nicht immer nach: Matts Nachfolger Nicolaus Schafhausen fremdelte stets mit Wien und seiner Kunstszene. Schon zu Beginn seiner Amtszeit entpuppte er sich als Machtmensch, dezimierte sein Team bedrohlich -das kuratorische Personal ersetzte er fast gänzlich. Dass er sich nun mit dem wehleidigen Statement, er verlasse Österreich, weil er in einem neonationalistischen Klima nicht arbeiten könne, zurückzog, passt da nur allzu gut. Dabei war er ohnehin bereits vorzugsweise abwesend, engagierte sich in zahlreichen anderen Jobs im Ausland, schwänzte sogar Pressekonferenzen des eigenen Hauses: Kulturfeudalismus der anderen Art.

Direktoriale Egomanie

Jeder Intendantenwechsel ist eine Gratwanderung: Man kann keinen Neuanfang wagen und alles beim Alten lassen. Um ein eigenes Profil entwickeln zu können, müssen bisweilen auch altgediente Mitarbeiter weichen -so hart das im Einzelfall sein mag. Als Claus Peymann 1986 das Burgtheater übernahm, provozierte er mit der Aussage, dass er "die alten Zöpfe abschneiden" wolle. Er erneuerte das Ensemble, holte Stars wie Gert Voss, Martin Schwab oder Kirsten Dene. Die Schauspieler "sterben lieber künstlerisch, als dass sie das Burgtheater verlassen", meinte er retrospektiv spitz: Die Fluktuation an der Burg ist tatsächlich sehr gering.

Martin Kušej, der das Haus im Herbst 2019 übernehmen wird, scheint in die Fußstapfen von Peymann zu treten: Er lässt keinen Stein auf dem anderen; gerade bricht eine Kündigungswelle über das Theater herein. Zudem wird er seinen Akteuren Auswärtsverpflichtungen an anderen Bühnen verbieten, um dem Burgtheater eine personelle Sonderstellung zu garantieren. Es ist fraglich, ob dieses Modell mit international gefragten Starschauspielern tatsächlich zu realisieren ist. Kušej eilt der Ruf voraus, ein Raubein zu sein, was an der Burg sein größtes Handicap werden könnte. Nach dem offenen Brief, in dem Teile der Burg-Belegschaft den autoritären und sexistischen Umgangston des früheren Burgchefs Matthias Hartmann beklagten, ist die Toleranz gegenüber autokratischen Führungsmethoden rapide gesunken. Die Frage wird also sein, wie sensibel Kušej seine Umgestaltungen vornehmen wird. Fehler kann er sich nicht leisten. Die Zeiten der polternden Burg-Tyrannen sind vorbei.