Eingang Schloss Prinzendorf

© Wolfgang Paterno

Kultur
04/26/2022

Ohne ihn: Besuch in Hermann Nitschs Lebens- und Arbeitsort

Hermann Nitsch wohnte und arbeitete jahrzehntelang in Prinzendorf. Ein Besuch in dem niederösterreichischen Weiler.

von Wolfgang Paterno

Draußen knattert die schwarze Trauerfahne im frühlingswarmen Wind von Prinzendorf, drinnen im Gasthaus Schwab sitzen Helmut Arzt und Josef Höller im Hinterzimmer und kramen in Erinnerungen. Arzt, 66, ist seit 2012 Bürgermeister von Hauskirchen, zu dem die Katastralgemeinden Rannersdorf und Prinzendorf gehören. Es ist einigermaßen faszinierend, wie geschwind er zwischen seriös und spaßig wechseln kann, zwischen Bürgermeister und Gaudibursch. Höller, 58, ist Vizebürgermeister von Hauskirchen. Gemeinsam bilden sie ein Dreamteam. Der eine ergänzt die Halbsätze des anderen, wechselndes Gestikulieren in der Luft. Großes Wirtshaustheater an einem Donnerstagmorgen. 

Über Hermann Nitsch reden sie wie über einen alten Bekannten. „Umgänglich und einzigartig war er“, sagt Arzt. „Er ließ einen nie spüren, dass er der wichtige Künstler und sein Gegenüber ein Niemand sei“, ergänzt Höller. Und weiter im Wechsel: „Er war ein Gesamtkunstwerk.“ – „Er machte Prinzendorf weltberühmt.“ – „Über seine Kunst hat er mit uns nie geredet.“ – „Er war ein ganz normaler Mensch.“ Das Prinzendorfer Grundgefühl für Nitsch ist Dankbarkeit und Sympathie, mit ein wenig beigemischter Verklärung und Nostalgie. 

Im Dorfgedächtnis werden wohl auf unabsehbare Zeiten Bilder wie diese bleiben: Wie Nitsch auf einem seiner wechselnden Mofas durch die Dorfstraßen knatterte, weißer Helm, das Bartgezausel durch den Fahrtwind in einen rechten und einen linken Ballen halbiert. Wie Nitsch im Wirtshaus und in der Kellergasse den gezuckerten Wein scheute wie den Teufel. Nitsch, der Dopplerliebhaber. Die Pfaue von Schloss Prinzendorf, die immer wieder Ausflüge ins Dorf wagten. Wie Nitsch, mit einem Wort, sehr viel Leben in den Weiler brachte. 

Prinzendorf ist nicht die Welt. Die brachte Nitsch mit seinen Sechstagespielen nach Prinzendorf, in dieses unregelmäßige Häusergewürfel mit Schloss unter einem großen Himmel. 1971 hatten Nitsch und seine damalige Frau Beate das Anwesen als Ruine erstanden. Nitsch, sagt der Bürgermeister, habe sich nie als Landgraf gefühlt und sich auch nie so benommen. Arzt und Höller nicken synchron. Die beiden haben den besten Blick auf das Dorf, nicht nur geografisch. Später werden der Bürgermeister und sein Stellvertreter in der sanften Weite des Weinviertels stehen, umgeben von träge rotierenden Windrädern, im Rücken den Weinkeller von Schloss Prinzendorf, im Blick das Nitsch-Schloss. Arzt war sein Arbeitsleben lang Bankangestellter. Er kennt sich mit Zahlen und Ziffern aus. Er ist nicht unfroh darüber, dass Bagger im Garten des Anwesens mit der Anschrift Prinzendorf 1 gerade damit begonnen haben, Erde für die geplante Totengruft auszuheben. Es schade nicht, sagt Arzt, wenn in Prinzendorf wieder viel mehr Autos mit internationalem Kennzeichen parkten. Höller nickt.  

Zurück ins Wirtshaus Schwab im Dorfzentrum. Wenn einer über die Jahre der Tumulte und Schreierei in Prinzendorf berichten kann, dann Franz Schwab, der Gasthauswirt. Schwab, 62, erzählt die Geschichte, wie Nitsch mit seinen Prinzendorfer Sechstagespielen einst die Volksseele zum Kochen brachte, nicht als Spannungsstück. Schwab hat einen sehr langen Atem, die kleine Aufregung um das bisschen Blut und Gedärm entlockt ihm keinen Halbsatz.

Seit 1670 betreibt seine Familie das Wirtshaus Schwab, einst als Postkutschenstation für das Schloss, heute als letzten Treffpunkt im Ort. Schwab ist der achte Franz in der Generationenfolge, als Kind war das damals baufällige Schloss sein Abenteuerspielplatz. „Künstliche Aufregung“, brummt er hinter der Schank. Wichtiger für die Geschichtsbücher, für Prinzendorf und Schwab selbst die ewige Frage von Nitsch, sobald dieser, den weißen Mopedhelm noch auf dem Kopf, in die Wirtshausstube rauschte: „Hast eine Bohnensuppe für mich? Und ein Viertel Ungezuckerten?“