Paul McCartney in Wien: Der Anti-Dylan

Paul McCartney am 5. Dezember in Wien

Paul McCartney am 5. Dezember in Wien

Er musste es wieder allen recht machen: Paul McCartney gastierte an zwei Abenden in Wien.

Dass Paul McCartney nach der Trennung der Beatles wirklich mit dem Gedanken gespielt hat, sich völlig aus dem Musikgeschäft zurückziehen, wie er vor ein paar Jahren in einem BBC-Interview preisgab, kann man nur als große Koketterie abtun. Seit seinem Solo-Debüt „McCartney“ (1970) hat die überlebensgroße Pop-Projektionsfläche allein 17 Soloalben veröffentlicht (Wings, The Fireman und der ganze Rest nicht mitgerechnet).

Mit seinem aktuellen Streich („Egypt Station“) war der Getriebene jetzt zwei Mal in der Wiener Stadthalle zu sehen. Und McCartney, heute 76 Jahre jung und sportlich, gab mal wieder Einblick in sein Œuvre, spielte Songperlen wie „In Spite of All the Danger“ und „I’ve got a Feeling“, huldigt die verstorbenen Beatles-Kollegen John Lennon („Here Today“) und George Harrison (mit dem wunderbaren Song „Something“) und beendet seine Konzerte (natürlich mit dem Beatles-Song „The End“) erst dann, wenn auch der letzte Fan seinen McCartney-Moment gehabt hat. Alle Happy? Happy!

Im Gegensatz zu seinem Legenden-Kollegen Bob Dylan (77), der heuer bereits die Wiener Stadthalle bespielt hat und grundsätzlich keine Gelegenheit auslässt, seine Klassiker in nahezu unkenntliche Songfragmenten zu zerlegen, gibt McCartney seinen Fans genau das, was sie hören möchten: viele, viele Beatles-Hadern, unzählige Anekdoten, Teleprompter-Ansagen auf Deutsch und ein Rundlauf mit Österreich-Flagge; insgesamt 38 (!) Songs, drei Stunden Vollkontakt mit dem Publikum, keine Pausen, keine Fehler.

Wirklich berauschend ist McCartney, wenn er sich von all dem Brimborium befreit, seine Band eine kleine Pause einlegt und er nur mit Gitarre (oder auch Ukulele) einen Jahrhundertsong wie „Blackbird“ zum Leben erweckt. Dann, wie auch auf seinem erstaunlich guten aktuellen Album, ist McCartney immer noch der staunende Musiker aus Liverpool, ein begnadeter Komponist, der auch im Rentenalter (und mit guter Stimme!) noch frische, manchmal banale, meist aber überraschend junge Musik kreieren kann.