Letzte Lieder: Das düstere neue Album von Bob Dylan

Ein halbes Jahrhundert nach seinem Debüt veröffentlicht Bob Dylan eines der düstersten und schönsten Alben seiner Karriere - und wirft eine Frage auf: Kommt danach noch was?

Von Philip Dulle

Mitunter muss der Meister selbst das Wort ergreifen, um seine Anhänger zu beruhigen. Immerhin geht es um die eigene Zukunft. Nein, mit Shakespeare habe sein Album nichts zu tun, beschwichtigte Bob Dylan Fans und Journalisten, die er mit dem Titel seines neuen Albums überrascht hatte. Shakespeares letztes Drama heiße bekanntlich "The Tempest“, erklärte er unlängst gegenüber dem "Rolling Stone“-Magazin in einem seiner raren Interviews. "Der Name meines Albums lautet dagegen einfach, Tempest‘.“

Der Vergleich mit dem englischen Dramatiker dürfte Dylan amüsiert haben. In der Welt seiner Jünger wird ohnehin jeder seiner Atemzüge mit an Besessenheit grenzendem Eifer dokumentiert. Die Gewitterstimmung, die der Titel seines neuen Albums heraufbeschwört, wird von manchen inzwischen als latente Provokation der eigenen Fans verstanden - die Hassliebe gehört längst zum närrischen Wechselspiel zwischen Dylan, dem bescheidenen Song and Dance Man, und seiner Gefolgschaft. Was steckt hinter Bob Dylans 35. Studioalbum? Wird sich der Künstler aus Duluth, Minnesota, mit 71 seiner eigenen Endlichkeit bewusst? Ist der Metaphernsturm, der auf "Tempest“ entfesselt wird, der Anfang vom Ende einer Weltkarriere?

Es wäre nicht das erste Mal.
Vor gut einem Vierteljahrhundert erwog Dylan schon einmal, in Pension zu gehen. Eine Schaffenskrise plagte den Meister, der erst wieder lernen musste, Bob Dylan zu sein. Diesen Künstlernamen hatte sich der gebürtige Robert Allen Zimmerman 1962, mit dem Erscheinen seines Debüts, gegeben. Ende der 1980er-Jahre schien Dylan, obwohl er eine Platte nach der anderen einspielte, am Ende zu sein, viele konnten sich kaum noch an den exzentrischen Kauz erinnern.

Doch er arbeitete sich zurück - und lieferte seit dem Überraschungsalbum "Time Out of Mind“ (1997) viele der interessantesten Aufnahmen seiner Laufbahn. Seither gewann er sechs seiner elf Grammys, wurde 2001 mit dem Oscar und 2008 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Im Mai 2012 wurde ihm die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten verliehen, die Presidential Medal of Freedom, die er mit stoischem Gesicht, versteckt hinter einer schwarzen Sonnenbrille, entgegennahm.

Ursprünglich hatte Dylan für heuer ein religiöses Album geplant. Irgendwie habe ihm aber die Konzentration gefehlt, es sei schwer, monothematisch zu arbeiten, gestand Dylan freimütig. Lange Aufenthalte im Studio versucht er grundsätzlich zu vermeiden - seine jüngeren Platten produzierte er unter dem Pseudonym Jack Frost gleich selbst. Viel wichtiger sind ihm seine Konzerte: Zur Veröffentlichung seiner neuen CD wird Dylan das 2444. Konzert der seit 1988 andauernden "never ending tour“ absolviert haben. Gottesfürchtig bleibt er trotzdem. Wie alle großen Dylan-Alben ist auch "Tempest“ eine Verneigung vor dem Great American Songbook. Der betagte Künstler versöhnt das Erbe der alten Kunst des Liederschreibens mit Folk und Country, Blues und Jazz, vor allem aber mit dem Rock ’n’ Roll. Er sieht sich als Archivar und Übersetzer - und wie alle Songs aus neuerer Zeit baut Dylan auch seine jüngsten auf einen Fels in der Brandung, den er Religion nennt.

Es überrascht, wie beschwingt Dylans "Tempest“ einsetzt - das Video zur Single "Duquesne Whistle“ zeigt ihn als virilen alten Gangleader, der alles gesehen, alles erlebt hat. Die zehn Stücke auf dem Album werden jedoch zunehmend düster, gewinnen an Dringlichkeit und Tiefe, während sich Dylan mit ungeahnter Verve durch die Kompositionen krächzt. Die letzten drei Songs handeln unmissverständlich vom Tod, dem er sich aus unterschiedlichen Perspektiven nähert. Im 14-minütigen Titelstück erzählt er in 45 Versen vom Untergang der Titanic: eine fast alttestamentarische Katastrophe, wie geschaffen für den Mythenforscher Dylan, der die schicksalhafte Nacht in eine Shanty-Melodie kleidet, Wahrheit und Fiktion verschwimmen lässt und mit schelmischem Grinsen auf den Untergang wartet. Bob Dylan feiert gut 50 Jahre nach seinem Debüt also die Rückkehr zu den großen, den epischen Geschichten, jenseits konkreter Zeit. Er scheint mit sich im Reinen zu sein.