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Literatur
04/16/2021

Peter Handkes neue „Dämonengeschichte“

Wandervogel unterwegs: Nobelpreisträger Peter Handke entdeckt in seiner neuen Erzählung das gelobte Land.

von Wolfgang Paterno

"Ruck" ist eines jener Wörter, die Peter Handke, 78, seit Jahrzehnten hegt und pflegt: Kaum ein Roman oder eine Erzählung des 2019 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Kärntners, in dem keine abrupt-stoßartige Bewegung, buchstäblich oder im übertragenen Sinn, vorkäme.

Ein Ruck also geht auch durch den Obstgärtner in "Mein Tag im anderen Land", den Icherzähler in Handkes als "Dämonengeschichte" ausgewiesenem neuen Buch. Der Obstgärtner igelt sich anfangs in seinem rasenden Irrsinn ein, bringt Angst und Schrecken über die Lande, wütet gegen Mensch, Tier und Natur: "Und alle die immergleichen langgezogenen Pferdeschädel in der Landschaft. Und all die unabänderlichen Bahnen der Schmetterlinge." Er bricht, mit seinen Dämonen bald auf Du und Du, zu "Redekreuzzügen" auf-und beschreibt sich selbst wahlweise als "harmloser Idiot" und "gefährlicher Narr".

Irgendwann der Saulus-Paulus-Moment an einem Seeufer mit Fischern (es wunderte einen nicht, schlapfte Jesus in dieser Szene höchstpersönlich um die Ecke): ruckzuck abgeschüttelt die Seelenschwärze und hinüber mit dem Obstgärtner ins "Land hinterm See", einen geglückten Tag lang: "Dämonenräumdienst", so übertitelte Handkes Verlagskollege Marcel Beyer seinen jüngsten Lyrikband. Es wäre ein Leichtes, auch in diese Erzählung den Dauerloop Handke-Jugoslawienkrieg-Gerechtigkeit-für-Serbien hineinzuinterpretieren. In welches Werk des Schriftstellers eigentlich nicht?

Man kann "Mein Tag im anderen Land" aber auch einfach als die Selbst- und Umgebungsentdeckungsreise eines tölpelhaften Helden ins Ungewisse und Unsichere lesen, in dem das Weiter-so ins Wanken gerät. Wer will sich von ein paar Dämonen schon das heitere Gemüt ruinieren lassen? Peter Handkes ewiges Fremdeln mit der Welt manifestiert sich hier in hochherzigem Prosaton und obligaten Abstechern ins Märchenhafte. Es schwingt wie immer bei diesem Autor die Ode an die Freude mit, in diesem Fall goetheanisch grundiert: "Wer sich des Tags freut, freut sich der Welt."

Man kann das mit Wegwerfgeste leicht als Edelkitsch abtun - oder als den Versuch, in nur vordergründig einfachen Szenenfolgen einer Meter für Meter durchkartografierten Welt noch Geheimverstecke abzutrotzen; und sich dabei ordentliche Beulen zu holen: "Mir auf den Schädel gestürzt, alte Eiche", fleht der Obstgärtner: "Hinein hinten in den Müllwagen mit mir, zum Zerhäckseltwerden. In den Käfig zu dir, hungrig brüllender Löwe. - Oder dass wenigstens ein Taubenschwarm mich augenblicklich von oben bis unten zuschisse!"

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