Plovdiv: Zwischen Antike und Postkommunismus

Plovdiv: Zwischen Antike und Postkommunismus

Die Europäische Kulturhauptstadt Plovdiv präsentiert stolz antike Bauten und osmanische Architektur. Doch der Status als Unesco-Weltkulturerbe blieb der Stadt bislang versagt.

Wer in Plovdiv Erdgrabungen durchführt, stößt häufig auf antike Fundamente. Am Ende der Fußgängerzone in der Altstadt wird ein Teil eines römisches Stadions sichtbar, auf dem daneben liegenden Hang hinter der Moschee wurde erst in den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein gut erhaltenes antikes Theater entdeckt und freigelegt.

Kulturhauptstadt Europas

Rechtzeitig für die diesjährige "Kulturhauptstadt Europas" wird im Spätsommer die "große Basilika", eine frühchristliche Kirche aus dem 5. Jahrhundert mit gut erhaltenen Mosaikböden, feierlich eröffnet werden. Entdeckt wurden die Mauern des Gotteshauses schon 1982 beim Bau einer neuen Straße. Die einstige Bischofskirche im antiken Philippopolis gilt schon jetzt als neues Wahrzeichen der langjährigen Messe- und Handelsmetropole. Die zweitgrößte Stadt Bulgariens mit über 670.000 Einwohnern hat sich für den Titel, den sie heuer mit der italienischen Stadt Matera teilt, ordentlich herausgeputzt. Mit einer durchgehenden Besiedlung von 6000 Jahren gilt sie als eine der ältesten Städte Europas. Nun hofft man in Plovdiv auf Zuerkennung als "Weltkulturerbe" im Rahmen der Unesco.

Auch die holzverkleideten Häuser im osmanischen Stil aus dem 18. und 19. Jahrhundert wurden liebevoll restauriert. Einige wie das "Hebros" wurden in schmucke Hotels umgewandelt, andere zu Museen, wie das Haus eines reichen Tuchhändlers, der sich zwei seiner Lieblingsstädte in sein Wohnzimmer malen ließ: Istanbul und Wien.

"Wir wollten nicht zuviel Geld in große Namen stecken"

"Together" heißt das Motto Plovdivs als Kulturhauptstadt, und bewusst hat man einheimische Künstler und Musiker in die über 300 Projekte eingebunden. "Wir wollten nicht zuviel Geld in große Namen stecken", erklärt Viktor Yankov von der Stiftung Plovdiv 2019. Dafür wurden Künstler mit Schwerpunkt aus der Balkanregion verpflichtet. In der Haupt-Kunstausstellung "Listen to us-Artistic Intelligence" werden 70 Werke aus der Kunstsammlung der Deutschen Telekom präsentiert, die mehrheitlich aus Bulgarien und den einstigen kommunistischen Bruderstaaten stammen. Der rumänische Künstler Ciprian Muresan hat aus Schnipseln alter Schallplatten mit Reden des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu den mehrdeutigen Spruch "Communism never happened" zusammengesetzt. Die Bulgarin Martina Vacheva vermischt in ihren Skulpturen mythische Goldschätze aus Thrakien mit aktuellen Wohlstandssymbolen.

Die lange Periode unter kommunistischen Regimen, die 1989 endete und 2007 zur EU-Mitgliedschaft Bulgariens führte, ist nicht nur im Stadtbild präsent, etwa in der riesigen Hauptpost im Sowjet-Stil. Die alte Tabakfabrik, die nach der Wende schließen musste, dient jetzt als Kulturzentrum. In der städtischen Oper wird die Tradition des Singspiels gepflegt.
Kulturminister Boil Banow sieht für sein Land eine "große Chance", um zu zeigen, dass "wir zu den europäischen Werten stehen und Teil der europäischen kulturellen Familie sind und unsere gegenwärtige Art zu Denken präsentieren."

Es fehlen Unternehmen und Start-Ups

"Wir wollen keine neuen, teuren Gebäude bauen, sondern die alte sozialistische Architektur für die Gegenwart nutzbar machen", sagt auch Vizebürgermeister Rozalin Petkov. Er beklagt das Fehlen von Facharbeitern und IT-Kräften für die neuen Unternehmen und Start-ups in Plovdiv.

Die Vielschichtigkeit von Plovdiv wird auch im Westen der Stadt deutlich, wo in Stolipinowo eine der größten Roma-Siedlungen Europas mit über 50.000 Einwohnern liegt. Hier funktioniert die Müllabfuhr nur sporadisch und auch integrative Maßnahmen mit Schwerpunkt auf die Schulbildung haben die Armut in der riesigen Slum-Siedlung kaum gelindert. Um auf die Handwerkskunst der Roma aufmerksam zu machen, entwickelten die deutschen Künstler und Architekten Martin Kaltwasser und Maik Ronz gemeinsam mit Anrainern eine temporäre Installation, die beide Ufer des Flusses Maritsa, der Stolipinowo von der Altstadt trennt, verbindet.

Fragt man nach anderen Projekten im Rahmen der Kulturhauptstadt für Roma und Sinti, dann antwortet Vizebürgermeister Petkov mit der Errichtung eines neuen Radweges, der die Roma-Siedlung mit dem Zentrum verbinde. Vom echten Zusammenleben ist man noch weit entfernt.