SALZBUGER FESTSPIELE: TERRASSENTALK "JEDERMANN" / MORETTI, PETERS

© APA/BARBARA GINDL / BARBARA GINDL

Kultur
07/27/2020

profil-Morgenpost: Kultur ist ein Lebensmittel

Guten Morgen!

von Angelika Hager

„Verheißung und Belohnung”, so die Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler, erhoffte man sich allen Widrigkeiten zum Trotz vor einem Jahrhundert bei der Gründung der Festspiele,  und tut es in der „neuen Normalität” wieder: „Geschämt hätte ich mich beim Kleinmut einer Absage.”

Besondere Zustände herrschten im Gründungsjahr 1920 wie heute: In einem von den Spätfolgen des Ersten Weltkriegs und der spanischen Grippe, sowie von empfindlicher Lebensmittelknappheit traumatisierten Salzburg starb „Jedermann” Alexander Moissi erstmals auf dem Domplatz; in einer drastisch reduzierten Form beginnen die Festspiele am kommenden Samstag. Der Todeskampf von Hofmannsthals Lebemann wird dabei das letzte Mal von Tobias Moretti (Foto) vollzogen, die Nachfolge-Gerüchte vermelden hartnäckig den Theaterberserker Philipp Hochmair.

Für die dieswöchige Cover-Geschichte sprach Stefan Grissemann mit dem Führungs-Team der Festspiele und analysiert das aktuelle Programm. Der Druck, so beobachtete Grissemann, zeigte sich an Rabl-Stadlers „betont guter Laune” und der Tatsache, dass Intendant Markus Hinterhäuser „noch schneller sprach als sonst.”

Panikattacken waren dem Gründungsmitglied Hugo von Hofmannsthal vorbehalten, wie Burgtheater-Doyen Michael Heltau, ein enger Freund der Reinhardt-Witwe Helene Thimig, erzählt, „Hofmannsthal konnte keine Ansammlung von vielen Menschen ertragen und manchmal reagierte schreiend auf die Abendgesellschaften in Leopoldskron.”

Christa Zöchling traf die Doyenne des Burgtheaters Elisabeth Orth, die im Alter von 12 Jahren ihrer Mutter Paula Wessely erstmals bei den Festspielen in einem Grillparzer zusah,  zu einem ausführlichen Interview. Reinhardts Credo, dass Theater kein Luxus sein dürfe und „Kultur ein Lebensmittel” sei, gelte damals so sehr wie heute.  Mit beeindruckender Offenheit sprach Orth über die NS-Vergangenheit ihrer Eltern  (Vater Attila Hörbiger spielte mehrfach den „Jedermann”), die auch eng verwoben ist mit der Geschichte des „profil”. Das Schweigen des gesamten Hörbiger-Clans nach der Veröffentlichung des Jelinek-Stücks „Burgtheater” 1985, das die NS-Willfährigkeit des Starpaars Hörbiger-Wessely thematisiert hatte, genügte dem damaligen profil-Herausgeber und Chefredakteur Peter Michael Lingens nicht. Damals überredete  Orth ihre Mutter zu einem Treffen mit Lingens.

Im Rahmen einer profil-Covergeschichte gab Paula Wessely dann zu Protokoll: „Ja, es tut mir leid, dass ich damals nicht den Mut gefunden habe, zurückzuweisen, dass sich dieses Regime mit mir brüstet; dass ich nicht den Mut gefunden habe, die Dreharbeiten zu ‚Heimkehr‘ einfach abzubrechen. Ein Bekenntnis, das Tochter  Elisabeth erleichterte: „Ich umarme meine Mutter für das Wort, das ihr abzuringen war. Es hat nicht nur sie befreit.“ 

Scharfe Kritik übt die kampfeslustige Doyenne an der aktuellen Inszenierungsqualität der Bundesregierung: „Schauen Sie die Auftritte unserer Regierung an. Eine Fremdschämungstruppe! Die vier Manderln, Maske herunter und vorgelesen. Die Damen in der Regierung, ich nenne sie den Harem von Kurz – eine unbedarfter als die andere. Message Control ist eine schlechte Regie.”

Eine erhellende und vergnügliche Exkursion in die Geschichte und Gegenwart  der Salzburger Festspiele wünscht

Angelika Hager
 

Angelika Hager

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