Kultur

Rauvolution Now? Erste Eindrücke von den laufenden Wiener Festwochen

Die Wiener Festwochen setzen unter Milo Rau verstärkt auf aktionistische Formate. Ein erstes Festival-Highlight fand sich jedoch in dem beklemmend-hyperrealistischen neuen Theaterabend des Ungarn Kornél Mundruczó.

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Manchmal sieht die Wirklichkeit wie eine schlechte Inszenierung aus. Zu den frühen Überraschungen des an drei Wochenenden stattfindenden Festwochen-Dokutheaterformats „Wiener Prozesse“ gehörte der Umstand, dass ausgerechnet die beiden echten Anwälte im Spiel wie Figuren aus einer Daily Soap wirkten, die im Nachmittagsfernsehen laufen könnte: Ankläger Alfred Noll agierte betont niederschwellig und volksnah, Verteidiger Michael Dohr gab das arrogante Gegenteil. In exzentrischen Moschino-Anzügen spielte er den „bunten Hund“, wie es der Waldviertler Schuhproduzent Heinrich Staudinger im Zeugenstand auf den Punkt brachte. Sind Anwälte auch nur Schauspieler?

Die „Wiener Prozesse“ gerieten am ersten Wochenende – zur Verhandlung stand die Corona-Politik der österreichischen Regierung – jedenfalls erstaunlich kurzweilig und unterhaltsam. Wie in einem echten Gerichtssaal mahnte die vorsitzende Richterin Irmgard Griss die Anwesenden, von Applaus und anderen Befindlichkeitskundgebungen abzusehen. Die Tageszeitung „Der Standard“ übertrug live. Wer beides ausprobiert hatte, musste zum Ergebnis kommen: Es war ziemlich egal, ob man im Odeon oder zu Hause am Computer saß. Im Grunde funktioniert das Format ohnehin wie ein überlanger Podcast: als ein Wettkampf der Argumente. Am besten gelang das natürlich, wenn mit rhetorischer Geschliffenheit Eitelkeit auf Eitelkeit prallte. So ließ ServusTV-Journalist Michael Fleischhacker Anwalt Dohr gekonnt auflaufen. Dohr ätzte erschreckend unseriös gegen Journalismus, um dann zuzugeben, dass er selbst hin und wieder Kolumnen schreibt. Die Szene wirkte wie gescriptet – und zugleich äußerst bedenklich, wenn Rechtsvertreter Journalisten durch die Bank als lästige Sekundärschmarotzer diskreditieren.

Karin   Cerny

Karin Cerny