Renate Bertlmann: "Ich erlebte intensive Ablehnung von Männern"

Die Künstlerin Renate Bertlmann.

Die Künstlerin Renate Bertlmann.

Die Wiener Künstlerin Renate Bertlmann über ihren verspäteten Erfolg, ein halbes Jahrhundert genussreiche Kunstproduktion und Geschlechtermissverständnisse.

profil: Ihre Arbeiten waren lange Zeit nur einem eingeweihten Publikum bekannt. Nun sind Sie in wichtigen Galerien vertreten, zeigen Ihre Arbeiten in großen Museen, ein umfangreicher Katalog erscheint. Wie erleben Sie diesen neuen Erfolg?
Renate Bertlmann: Zweischneidig. Es freut mich, mehr von meinen Arbeiten zu zeigen. Früher hat es mir oft leid getan, wenn ich nicht in Ausstellungen eingeladen wurde, in die meine Kunst gepasst hätte. Aber ich arbeitete munter weiter. Es gibt den äußeren Erfolg - wenn ich ausstelle und verkaufe. Wichtiger aber ist mir der innere Erfolg: die Vision einer Arbeit und ihre Realisierung. Natürlich macht es jetzt Spaß, eingeladen zu werden. Aber das bedeutet auch unheimlich viel Arbeit administrativer Natur. Kunstwerke müssen restauriert und zur Verfügung gestellt werden. Dazu kommt, dass ich nicht mehr solche Kräfte habe wie mit 40. Damals habe ich bis zwei Uhr nachts gearbeitet und bin am nächsten Tag um sieben aus dem Bett gestiegen. Heute muss ich manchmal auch etwas absagen.

profil: Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Ausstellungsprojekte?
Bertlmann: Wenn mir der Ort oder die inhaltliche Dimension nicht zusagen, fällt mir eine Absage leicht. Aber ich bekomme manchmal Angebote, die mir in beiderlei Hinsicht gefallen - doch wenn die Werke, die benötigt werden, gerade anderswo ausgestellt sind, geht es einfach nicht.


Seit den 1970er-Jahren, als ich ganz obsessiv an phallischen Objekten arbeitete, erlebte ich intensive Ablehnung von Männern.

profil: Sehen Sie in der Verspätung Ihres Erfolgs auch Vorteile?
Bertlmann: Ich kann auf 50 Jahre genussreichstes Arbeiten zurückblicken. Das ist doch ein Geschenk des Himmels! Ich sehe an Kollegen, die sehr früh bekannt wurden, dass sie das gar nicht gut verkraftet haben, psychisch wie physisch. Ich glaube, dass ich den Erfolg jetzt aushalte, weil ich meine Energien einteilen kann. Aber ich merke mittlerweile schon, dass ich mich nicht zum Sklaven dieser Entwicklung machen darf und die Zeit finden muss, um meine Ideen auszuführen. Wenn ich das nicht tue, werde ich krank.

profil: Wieso waren Ihre Arbeiten so selten zu sehen? Hatten männliche Museumsleute mit Ihrer Ästhetik Schwierigkeiten?
Bertlmann: Seit den 1970er-Jahren, als ich ganz obsessiv an phallischen Objekten arbeitete, erlebte ich intensive Ablehnung von Männern. 1978 war ich in einer Ausstellung der Kunsthalle Düsseldorf vertreten. Die ist dann nach Eindhoven, später ins Centre Pompidou gewandert, wo ich überall ausgeladen wurde, als Einzige übrigens. Bei einer Podiumsdiskussion sagte mir ein Mann, dass ich psychisch krank sei.


In New York fand ich die schönsten Präservative, mit Clowns, Hahnenköpfen und Blumen drauf.

profil: So wurde auch Elfriede Jelinek schon diffamiert.
Bertlmann: Das hat mit der Entscheidung zu tun, als Frau intime Dinge offen zu behandeln. Dann ist man wie Freiwild. Als in einer Straßenbahnzeitung einst meine "Streicheleinheiten" abgebildet wurden, lungerte wenige Tage später ein junger Bursche vor meinem Atelier herum und fragte mich: "Kann ich Streicheleinheiten haben?" Es gibt Sammler, die aufgrund meiner Arbeit denken, ich müsse eine geile Katz' sein. Einer sagte zu mir: "Gnädige Frau, ich habe Bedürfnisse ..." Na, danke!

profil: Sie blicken nun erstmals auf Ihr umfassendes Œuvre in seiner Gänze zurück. Wie erscheint Ihnen Ihre Arbeit der vergangenen Jahrzehnte heute?
Bertlmann: Es war mir nicht bewusst, in welcher Fülle ich all das gemacht habe. Im neuen Katalog sind fast 300 Werke verzeichnet. Ich frage mich, wie ich das überhaupt geschafft habe, schon rein körperlich - 40 Riesenpenisse zum Beispiel! Ich habe mich immer köstlich unterhalten bei meiner Arbeit - etwa bei meinen Exkursionen in Sexshops. Wobei diese von ambivalenten Gefühlen begleitet waren. All diese Sachen, Fetischkleidung und Kondome aus klebrigem Material, übten eine Anziehung auf mich aus. Gleichzeitig erschienen sie mir lächerlich. Ich ging in der New Yorker 42nd Street einkaufen, wo sich früher ein Pornoladen an den anderen reihte. Dort fand ich die schönsten Präservative, mit Clowns, Hahnenköpfen und Blumen drauf. Herrlich! Ich hatte einen Mordsspaß.

INFOBOX

Renate Bertlmann, 72, reflektiert in ihren Zeichnungen, Fotografien, Videoarbeiten und Performances gewitzt Geschlechterverhältnisse. Ab 25. Februar zeigt die Sammlung Verbund ihre Arbeiten (Am Hof 6a, 1010 Wien)