Das neue Buch von Paulus Hochgatterer

Schriftsteller Hochgatterer: "Ist das gut, oder ist nicht gut?"

Schriftsteller Hochgatterer: "Ist das gut, oder ist nicht gut?"

Paulus Hochgatterer ließ sich für sein neues Buch viel Zeit. Das Warten hat sich gelohnt.

Mitte März 1945, gut zwei Monate vor der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. In der oberösterreichischen Provinz bangt ein Bauernehepaar mit seinen Kindern dem Ende des Mordens entgegen - einfache Menschen, denen die Hitlerei schon immer suspekt war und deren Sohn von den Schlachtfeldern nicht zurückkehren wird. Die Episode von den finalen Tagen wurde bereits gefühlte Hunderte Male berichtet, verfilmt, besungen, dokumentiert, aber selten so eindringlich erzählt wie von Paulus Hochgatterer in seinem neuen Buch.

Hochgatterer, 56, seit vielen Jahren Leiter der klinischen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im niederösterreichischen Tulln, hat sich mit "Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ viel Zeit gelassen. Zuletzt war 2010 sein Dorfroman "Das Matratzenhaus“ erschienen, in dem, wie so oft bei diesem Autor, Heranwachsende im Mittelpunkt standen.

Die Bauernfamilie Leitner in "Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ ist mit Kindern ebenfalls reich gesegnet; daneben findet die ungefähr 13-jährige Nelli, eine elternlose Umsiedlerin, traumatisiert und offenbar ohne Erinnerung, bei den Leitners Unterschlupf. "Wie ein Gespenst“, so sei Nelli eines Tages auf dem Hof gestanden. "Stumm und voller Dreck.“ In ihrem Kopf, sagt Nelli selbst, sei "alles weggebombt“. Die Menschen hier sprechen nicht in perfekt gezwirbelten Sätzen, sondern nur das Notwendigste. Der Bauer über einen Denunzianten: "Manchen Leuten gehört die Haut abgezogen.“ Eine der Töchter fragt den Gutsbesitzer, als zwischen den Wolken silberne Kreuze aufblitzen: "Amerikaner, ist das gut, oder ist das nicht gut?“

"Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ fasst scheinbar schwer Vereinbares in eindringliche Bilder. Hochgatterer erzählt von flirrend heißen Sommertagen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. Schwalben sind in der Luft - und Flugzeuggeschwader, die Richtung Linz donnern, um Bombenteppiche zu streuen. Kühle Grausamkeit mischt sich mit Landidylle, gesichertes retrospektives Wissen um den Ausgang der NS-Barbarbei verschränkt sich mit vagen Vermutungen und kursierenden Gerüchten: "Linz. Angeblich handelte es sich um Hitlers Lieblingsstadt, aber es wurden so viele Dinge erzählt, die in Wahrheit keiner überprüfen konnte.“ Hochgatterer bringt das Kunststück fertig, die schiere Faktizität des Kriegsendes mit den fiktionalen Möglichkeiten des Erzählens zu schneiden: In drei Binnengeschichten verfängt sich der Plot in Hätte-wäre-könnte-Spiralen, die dem Vernichtungswillen der Nazis bis zur totalen Niederlage so etwas wie Trost und Hoffnung entgegenstellen, ganz zu schweigen von der Überlebensgeschichte jenes jungen Russen, der ebenfalls von den Leitners aufgenommen wird und dessen Schicksal der Erzählung ihren Titel gibt.

Hochgatterer geriert sich dabei aber nicht als allwissender Berichterstatter, als könnte er mit leichter Hand ein Fenster zum Gestern aufstoßen. Der Autor verwandelt Historie nicht in Abenteuergeschichten; er öffnet durch seine halbwüchsige Icherzählerin Nelli und deren Kinderblick auf eine taumelnde Welt weite Echoräume des Begriffs "Krieg“. Als deutsche Soldaten den Bauernhof der Leitners etwa für Übernachtungen in Beschlag nehmen, ekelt sich Tochter Antonia vor dem ungehobelten Gefreiten aus Bayern: "Sie habe das Gefühl, dass diese Dummheit in ihr Bett hineinsickern könnte, und von dort kriege man sie dann nie wieder raus.“ Das Leben geht trotz Blutvergießens weiter: "Der Bauer meint, den Erdäpfeln ist es egal, ob Krieg ist oder nicht, sie müssen in den Boden rein, solange er einigermaßen trocken ist.“

Der britische Historiker Ian Kershaw hat in seinem Standardwerk "Das Ende“ den Untergang des Nationalsozialismus auf 700 eng beschriebenen Seiten dargelegt. Hochgatterer erzählt den letzten Akt jenes Dramas, in dem Lebensläufe und Zukunftspläne neu geordnet wurden, auf gut 100 Seiten. Man könnte das als Hybris abtun, wäre Hochgatterer nicht ein derart guter Schriftsteller, der kleine Einblicke in den großen Kreislauf eines Lebens ohne sicheren Morgen gewährt.

Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war. Deuticke, 111 S., EUR 18,50