Salzburger Festspiele: Leichenfledderei

Cornelius Obonya als "Jedermann" und Peter Lohmeyer als "Tod" in dem Klassiker "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal.

Cornelius Obonya als "Jedermann" und Peter Lohmeyer als "Tod" in dem Klassiker "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal.

Der Salzburger "Jedermann“ ist nicht nur die Festival-Cashcow, sondern auch eine Art Zombie, der alle Theaterkrisen überstanden hat. Für das Burgtheater arbeitet der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz an einer neuen Version des Hofmannsthal-Klassikers.

Man könnte meinen, der Tod sei doch kein Wiener. Zumindest im Sommer feiert die schöne Leich’ traditionellerweise in Salzburg ihre fulminante Auferstehung. Nirgendwo wird das Sterben pompöser und verkaufsträchtiger zelebriert als auf dem Domplatz. Der "Jedermann“ ist eine Institution, er gehört zur Festspielstadt wie der Schnürlregen und die Nockerl. Gleich einem Zombie hat dieser Memento-mori-Mythos alle Theaterkrisen und Inszenierungsmoden souverän überlebt. Der Hauptdarsteller (Cornelius Obonya) und seine Buhlschaft (heuer erstmals dargestellt von der relativ unbekannten Schauspielerin Miriam Fussenegger) werden jedes Jahr hofiert, als hätten sie staatstragende Funktionen zu erfüllen. Die meisten Besucher kommen ohnehin nicht wegen des biederen Stücks; weitaus stärker locken der Event-Charakter der Veranstaltung, die verschwenderische Starbesetzung, die faszinierende Naturkulisse des Domplatzes im Abendlicht. Man will hautnah erleben, wie Schauspieler in aufwendigen Kostümen schwitzen.


Karl Kraus schrieb nach der Premiere in Salzburg, Hofmannsthals Stück sei ein "aberwitziger Dreck“.

Das moralinsaure Mysterienspiel, das vom Sterben eines reichen Lebemanns erzählt, ist schließlich die traditionsreichste Salzburger Veranstaltung: Mit Hugo von Hofmannsthals "Jedermann“ wurden die ersten Festspiele am 22. August 1920 eröffnet. Bereits damals wunderte sich so mancher Kritiker über den seltsamen Hybriden: Ein kosmopolitischer jüdischer Autor hatte ein restauratives, katholisch-religiöses Volksstück geschrieben. Der Rückgriff auf die barocke Theatralik des Katholizismus wirkte schon damals veraltet, analysiert der Schweizer Autor Andres Müry in seinem Standardwerk "Jedermann darf nicht sterben“.

Das Stück wurde allerdings nicht in Salzburg uraufgeführt; 1911 fand die Premiere unter der Regie von Max Reinhardt in Berlin statt - ausgerechnet in einem Zirkuszelt wurde der Verschwender bekehrt. Die aktuelle Inszenierung, 2013 vom Regie-Duo Brian Mertes und Julian Crouch auf die Bühne gebracht, knüpft an diese Spektakel- und Gauklertradition an, riesige Puppen sorgen für Aha-Effekte, Tanz und Musik halten die Zuschauer bei Laune. Die "Süddeutsche Zeitung“ staunte über die "monströse Naivität der Inszenierung“.

Die Kritik am "Jedermann“ hat Tradition. Der für seine Spottlust berühmt-berüchtigte Karl Kraus schrieb nach der Premiere in Salzburg, Hofmannsthals Stück sei ein "aberwitziger Dreck“, der allein der Kasse förderlich sei: "Ehre sei Gott in der Höhe der Preise.“

Es gehört zu den vielen Widersprüchen der Wirkungsgeschichte dieses Stücks, dass ausgerechnet ein Moralspiel um einen reichen Mann, der im Angesicht des Todes erkennen muss, dass Geld nicht alles ist im Leben, selbst ein Goldesel ist. Bereits Max Reinhardt bezeichnete die Produktion als "smash hit“ - und daran hat sich bis heute nichts geändert. Die alljährlichen Aufführungen finanzieren das restliche Schauspielprogramm der Festspiele und werfen zudem einen satten Gewinn ab. Jede der jährlich rund 30 Vorstellungen mit über 2000 Sitzplätzen ist allabendlich ausverkauft: Die teuersten Karten kosten 168 Euro, auch wenn vereinzelt Stehplätze um zehn Euro vergeben werden. Satte 3,7 Millionen Euro spielte der "Jedermann“ im Vorjahr ein, das sind 12,5 Prozent der Gesamteinnahmen des Nobelfestivals.


Interessant findet Peter Handke auch, dass Hofmannsthals Jedermann gar nicht - wie sein Name annehmen ließe - die Masse verkörpere.

Im Vorjahr saßen auch Burgtheater-Chefin Karin Bergmann und der junge Wiener Autor Ferdinand Schmalz, der eigentlich Matthias Schweiger heißt, aber als Autor ein Pseudonym verwendet, im Publikum und schwitzten. "Das Rituelle der Veranstaltung hat mich schon beeindruckt“, gesteht Schmalz. "Der Domplatz ist wie eine Stierkampfarena, am Ende muss jemand sterben, man schaut zu, wie lange er sich zur Wehr setzen kann.“ Bergmann hatte sich schon zu Beginn ihrer Intendanz als "Jedermann“-Fan geoutet und kündigte an, den Todeskampf des Verschwenders auch an die Burg holen zu wollen - trotz holpriger Knittelverse und holzschnittartiger Dramaturgie.

Mehrere Versuche, den Text für Salzburg neu schreiben zu lassen, scheiterten. Peter Handke, der für eine Fassung gewonnen werden sollte, sagte nach zwei Jahren ab, Botho Strauß und Hans Magnus Enzensberger deponierten ihr Nein ungleich schneller. Nun scheint es also zumindest in Wien zu klappen: Die Premiere der "Jedermann“-Neufassung von Ferdinand Schmalz für das Burgtheater soll in der Spielzeit 2017/18 stattfinden. Schmalz, 1985 in Graz geboren, sieht die "Moralkeule“ des Stücks durchaus als Herausforderung, gleichzeitig stelle sich die Frage des "Hedonismus“ zentraler denn je: "Ich möchte das Stück in einem umzäunten Lustgarten in der Nähe von Wien spielen lassen. Das kann viel über unsere Zeit und Europa aussagen. Wer ist eingeladen? Wer ist nicht willkommen?“ Interessant findet der Autor auch, dass Hofmannsthals Jedermann gar nicht - wie sein Name annehmen ließe - die Masse verkörpere: "Er ist das eine Prozent der Reichen, von denen immer gesprochen wird.“


Vielleicht wird der Tod ja doch wieder ein Wiener.

Schmalz gilt als Experte für seltsame Todesarten. In seinen sprachkritischen Stücken wird ausgiebig gestorben. In "dosenfleisch“ häufen sich in der Nähe einer Raststätte Autounfälle. Wie sich herausstellt, ist das kein Zufall. In einer wilden Mischung aus Volksstück, Splatter-Thriller und Philosophie-Denkspiel wird der Crash zu einer Möglichkeit, aus der Berechenbarkeit und Leere des modernen Lebens auszubrechen. In "der herzerlfresser“, ab 8. Oktober auch am Wiener Akademietheater zu sehen, werden in einem Sumpf Frauenleichen ohne Herz gefunden, der Mörder hat die Organe verschlungen. Die seltsamen Todesfälle werden vertuscht, um die Eröffnung eines neuen Einkaufszentrums nicht zu gefährden.

Das Deftige ist bei Schmalz Programm. Auch in seinem Debüt "am beispiel der butter“ gerät eine vermeintliche Dorfidylle ins Wanken. Die Liebe zum Makabren wurde Schmalz bereits in die Wiege gelegt. Sein Vater ist Landarzt, mitunter saßen Bauern blutüberströmt mit der Hacke im Kopf im Wartezimmer, harrten aber geduldig aus, bis sie an die Reihe kamen. Zudem schimmert in Schmalz’ todtraurigen, aber auch sehr komischen Stücken stets ein diffuses Unbehagen an der kapitalistischen Gesellschaft durch. Im Grunde keine schlechte Voraussetzung, den reichlich biederen Klassiker "Jedermann“ neu zu denken. Vielleicht wird der Tod ja doch wieder ein Wiener.