Alexander Skarsgård in "The Northman"

Alexander Skarsgård in "The Northman"

© 2022 Focus Features, LLC

Kino
04/25/2022

"The Northman" und "Luzifer" neu im Kino: Teufel auch!

Wikinger-Schlachtplatte und Öko-Schocker: Zwei bildgewaltige neue Horrorfilme denken über Gewalt und Erdverbundenheit nach.

von Stefan Grissemann

Robert Eggers' "The Northman" ist entweder der exakt passende Film zur Zeit (als mahnende, ironiefreie Abhandlung zur offenbar unauslöschlichen Mordlust in den Menschentieren) - oder eben das ganz falsche Werk, überholt von den Schrecken der Gegenwart; wer will sich im Kino dieser Tage noch von Enthauptungen, austretenden Darmschlingen und quälend langsam in die Körper dringenden Schwertern unterhalten lassen?

Tatsächlich vertraut Eggers auf den Ultrabrutalitäts-Voyeurismus (und die Vikingsploitation-Freude) seiner Kundschaft; die Virtuosität seiner Fertigung ist das Gleitmittel, auf dem man, wie auf schiefer Ebene, in die Welt der Wikinger und die grauenvolle Logik seines Films schlittert. Ist das noch ein "Abenteuer"-Film oder schon ein Splatter-Schocker? Binnen Sekunden taucht man in die Illusionswelt ein, die Eggers, der akklamierte US-Arthouse-Regisseur ("The Lighthouse"), hier erstmals mit Blockbuster-Budget an die Wand malt, und wird aus dem Würgegriff seiner Inszenierung erst nach 130 Minuten wieder gelassen.

Eine trivialisierte "Hamlet"-Paraphrase motorisiert die Handlung: das Rachedrama eines Wikingerprinzen (Alexander Skarsgård), der als Sklave undercover den Mord an seinem Vater (Ethan Hawke) rächen will und dabei auch an seine Mutter (Nicole Kidman) gerät. Die prominente Besetzung des Films (Willem Dafoe und Popstar Björk spielen Nebenrollen) steht seltsam quer zu all dem animalischen Muskelspiel und Männergebrüll, das diese Pathoserzählung mit ihrer Basslinie versorgt. Toxische Männlichkeit ist hier gar kein Ausdruck mehr.

Peter Brunners "Luzifer" hat andere Ziele und einen viel leiseren Tonfall, obwohl auch hier von teuflischer Verblendung und dem Rückfall in die Gewalt die Rede ist: Der österreichische Musiker und Filmemacher, der bei Michael Haneke studiert und bereits 2018 ein amerikanisches Psychodrama um den Schauspieler Caleb Landry Jones realisiert hat (derzeit bereitet Brunner eine weitere Arbeit in den USA vor), gehört zu den eigenwilligsten jüngeren Regiekräften des Landes. "Luzifer" kreist um einen kindlichen jungen Mann (Franz Rogowski in einem fast stummen Part), der mit seiner tiefgläubigen Mutter (der frappierenden Laiendarstellerin und Subkultur-Pastorin Susanne Jensen) eine Baracke irgendwo in den Alpen bewohnt. Der Einbruch von Kapital und Tourismus in die unheile, aber sich selbst genügende Welt dieses Paars führt zur Eskalation, in den religiösen Wahn. "Luzifer", gedreht unter schwierigen Bedingungen am Zillertaler Höllenstein, besticht visuell (an der Kamera: Peter Flinckenberg) ebenso wie durch seinen wilden Mix aus ökologischen, psychologischen und mythischen Motiven.