Wiener Festwochen: Das Theater auf der Suche nach Ekstase

RAUSCHHAFTE BILDWELTEN: "Promised Ends"

RAUSCHHAFTE BILDWELTEN: "Promised Ends"

Die Wiener Festwochen wollen unter Tomas Zierhofer-Kin ein Raum für exzessive Erfahrungen sein. Aber wie leicht ist es heute noch, sein Publikum in einen Ausnahmezustand zu versetzen oder gar zu schocken?

1973 kriecht die Künstlerin VALIE EXPORT nackt durch einen Korridor aus Seilen, die unter Strom gesetzt wurden. Jedes Mal, wenn sie einen der Drähte berührt, bekommt sie einen elektrischen Schlag verpasst. Der US-Aktionist Chris Burden lässt sich 1971 von einer Freundin in die linke Schulter schießen. Er nennt seine Performance passenderweise "Shoot“, Bezüge zum Vietnam-Krieg sind erwünscht. 1972 baut der Amerikaner Vito Acconci in einer Galerie eine Zwischendecke ein; während die Zuschauer über den Holzboden gehen, masturbiert der Künstler unter ihnen, seine sexuellen Fantasien werden über Lautsprecher direkt übertragen.

Ein Blick in die Performance-Geschichte zeigt, dass der "Kampfplatz Körper“ in der Aktions- und Performancekunst bereits vor Jahrzehnten bis zum Äußersten ausgereizt wurde. Beinahe alles gilt als durchexerziert, Künstlerinnen und Künstler haben sich selbst verstümmelt, tagelang in enge Räume gesperrt, mit Elektrostößen traktiert, sogar ihr Leben riskiert. Trotzdem wird die darstellende Kunst nicht müde, sich an Antonin Artauds kühner Theorie eines "Theaters der Grausamkeit“, das er in den 1930er-Jahren entwickelte, abzuarbeiten. Artaud wollte die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum niederreißen, alle Sinne ansprechen und das Publikum in eine Art Trancezustand versetzen: Theater als Virus, der alle Beteiligten mit "Lebensgier“ füllt, wie Artaud, der zeitlebens mit Drogen experimentierte, einst meinte. Er suchte eine Kunst, die mehr als den Intellekt im Menschen anspricht, die direkt in die Nervenbahnen eindringen und Schock auslösen sollte: Theater als Extremerfahrung.

Doch die Zeiten haben sich verändert. Wie hätten Artaud, der 1948 starb, die illegalen Raves der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre gefallen? Partys, die als kollektive Ekstase gedacht und mit Drogenkonsum eng verbunden waren. Der Rahmen, innerhalb dessen man gesellschaftlich sanktionierte Grenzerfahrungen machen kann, hat sich beachtlich erweitert. Er benötigt Kunst nicht unbedingt: Vom online gebuchten Meditationswochenende in einem entlegenen tibetischen Kloster bis zum urbanen S/M-Club - nie war es leichter, seinen Körper extremen Situationen auszusetzen. Ob wir dabei nicht trotzdem bloß in unserer "Gesellschaft des Spektakels“ gefangen bleiben, einer Scheinwelt aus Werbung, Klischees und Propaganda, wie es der französische Philosoph Guy Debord bereits 1967 formulierte, sei vorläufig dahingestellt. Neueste Erhebungen zeigen, dass die Menschen immer erlebnishungriger werden, es wird weniger Geld in Produkte und mehr in "besondere Erfahrungen“ investiert.

Theater wird zum Erlebnisraum

Ist das nun eine Chance für das Theater? Oder der finale Ausverkauf, weil bloß "Events“ noch zählen? Realistisch betrachtet läuft es auf eine Mischung aus beidem hinaus. Je größer die kollektive Entfremdung, desto deutlicher wächst auch die Sehnsucht nach direkter Erfahrung: Twitter, Facebook und Instagram müssen keine Konkurrenz sein, das Theater und die Performancekunst finden live statt, was für die digital natives schon wieder spannend klingt. Trotzdem will es den Bühnen gelingen, ähnlich wie Facebook eine Community an sich zu binden. Kunst muss längst mehr sein als eine Aneinanderreihung gelungener Produkte, sie soll ihr Publikum stärker als bisher zu einer eingeschworenen Bande vereinen: So wird das Theater versuchsweise zu einem Erlebnisraum, von dem man am nächsten Tag in der Schule oder im Büro erzählen kann.

In Berlin kann man dieser Tage Warteschlangen vor der Volksbühne erleben. Die Ära von Frank Castorf geht mit der laufenden Spielzeit zu Ende, jeder möchte noch einmal dabei gewesen sein, wenn der Volksbühnen-Chef gegen unsere "durchrationalisierte Welt“, wie er es nennt, zu Felde zieht. Sein Motto lautete stets: "Kunst braucht Wahnsinn.“ Sieben Stunden dauert seine auch von der Kritik gefeierte neue "Faust“-Inszenierung. Am Ende dieses Überforderungsmarathons applaudieren die Zuschauer, die auf unbequemen Plastikstühlen ausharren mussten (es gibt nur eine Pause!) auch ein wenig sich selbst zu.

Tomas Zierhofer-Kin, der neue Intendant der Wiener Festwochen, scheut ebenfalls markante Worte nicht. Er wettert gegen den "bürgerlichen Kunstbegriff“, der fälschlicherweise voraussetze, Kunst sei eine Sache, die zu verstehen sei. Seiner Meinung nach müsse sie vielmehr "exzessive lustvolle Erfahrungen“ ermöglichen. Kunst dürfe auch wehtun. Zierhofer-Kin ist der Schamane unter den Kuratoren, er setzt auf ein Theater der Entgrenzung: Körperliche Erfahrung geht vor bürgerliches Sprechtheater; Kunst soll Rausch, Ritual und Fest sein. Das neue Festivalzentrum, das er Performeum nennt, eine Fabrikhalle auf ehemaligem Wiener ÖBB-Gelände, ist ein Spielraum, der direkten Kontakt zwischen Zuschauern und Kunstschaffenden garantieren möchte. In einem aufblasbaren Hamam trifft Badekultur auf postkoloniale und queere Diskurse. Interaktion ist durchaus erwünscht. Mit seinem Festival im Festival knüpft Zierhofer-Kin an eine alte Festwochen-Tradition an: Bereits 2001 setzte Hortensia Völckers, die damalige Kuratorin für Tanz und Sonderprojekte, in den Sofiensälen auf eine überbordende Mischung aus Performance, Ausstellung, Film und Symposion, Kunst wurde spartenübergreifend gedacht. Das Performeum wird sich nicht zuletzt auch an diesem herausragenden Projekt messen lassen müssen.

Die amerikanische Performance-Gruppe Saint Genet war bereits Stammgast beim Donaufestival, als Zierhofer-Kin dieses noch in Krems leitete. Ryan Mitchell und seine Performer zapften auf der Bühne ihr eigenes Blut ab und setzten sich kalkuliert unter Drogen. "Veränderte Bewusstseinszustände haben mich schon als Kind fasziniert“, sagt Mitchell im Interview (siehe Kasten). "Ich möchte das Theater als eine Art Rahmen benutzen, in dem man das Unkontrollierbare kontrollieren kann.“ Bei den Festwochen ist seine neue Arbeit "Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness“ (ab 16. Mai, Halle G) zu sehen.

Moderne Rituale

Die Grenzen zwischen Kitsch und Kunst, Pop und Betulichkeit verlaufen bei vielen der neuen Extremperformer freilich fließend. Selten wird etwas wirklich Neues erfunden, dafür werden auf mehr oder minder spannende Art und Weise alte Bilderwelten remixt. Das beste Beispiel dafür ist der chinesische Multisparten-Künstler Tianzhuo Chen, geboren 1985 in Peking. Seine schrillen Projekte, die ihn zu einem Shootingstar sowohl in der Kunst- als auch in der Performance-Szene gemacht haben, sind wilde Mischungem aus hedonistischem Techno-Club, kitschiger Disney-Ausstellung und aberwitziger Performance-Kunst, die traditionellen Butoh-Tanz, queeren HipHop und poppigen Buddhismus vereint. Chen inszeniert moderne Rituale, er reißt die Grenzen zwischen Tempel und Themenpark nieder. Sein Anliegen ist es, pseudoreligiöse Erfahrungen zu ermöglichen: In endlosen Wiederholungen und meditativer Musik soll sich das Gefühl einstellen, man habe einen LSD-Trip eingeworfen. Beim Grazer Festival steirischer herbst wird Chen heuer eine neue Arbeit entwerfen - die Wiener Festwochen eröffnen mit "Ishvara“ (13.-15. Mai, Halle E).

Auf Video vermittelt sich die extrem langsame und schmerzhaft laute Arbeit "Ishvara“ zwar nur bedingt, trotzdem ist erstaunlich, in welchem Bilderfundus der junge Chinese gestöbert hat: In einer Szene hängt ein Mann am Kreuz, sein Unterleib wirkt geöffnet, sein Innerstes nach außen gekehrt. Ein Lammkadaver baumelt vor ihm. Es scheint, als würde der Mann bei lebendigem Leib von seinen Mitakteuren, bizarren hinduistischen Götterdarstellern, verspeist werden. Szenen wie diese weisen Chen und sein Orgien-Mysterien-Pop-Theater als künstlerischen Nachfahren Hermann Nitschs aus. Am Ende wird zart Britney Spears trauriger Nahtoderfahrungssong "Everytime“ gesungen. Keine Frage, "Ishvara“ ist eine Arbeit, die das Festwochen-Publikum spalten wird.

Aber wodurch lässt sich zeitgenössisches Publikum überhaupt noch aus der Fassung bringen? Religion ist immer ein Thema, bei dem es zu Protesten kommt, aber erstaunlicherweise ist es viel profaner: Kaum jemand kann mit Langsamkeit, Wiederholung und Stille umgehen. Das bestätigt Ryan Mitchell von Saint Genet: "Die Zuschauer sind viel zu ungeduldig, sie wollen nicht mehr warten, einer Inszenierung Zeit geben.“ Davon kann auch der italienische Regisseur Romeo Castellucci ein Lied singen. Seine bildergewaltigen, hermetischen Inszenierungen, die behutsam in fremde Welten führen, sind nicht leicht zu verstehen. Sie vermitteln sich eher über Bilder und Gefühle als über den Intellekt. Bei den Festwochen ist der Regisseur mittlerweile Stammgast, er zeigte Hamlet als Autisten, ließ in "Guilio Cesare“ einen Krebskranken aus seiner Kehlkopf-Öffnung sprechen, interpretierte Glucks Oper "Orfeo ed Euridice“ mit einer realen Wachkoma-Patientin im Video-Stream. "Theater soll keine Antworten geben, es muss Fragen stellen. Theater ist eine Reise durch das Unbekannte“, sagt Castellucci. Seine jüngste Arbeit nennt sich "Democracy in America“ und ist ab 23. Mai im Volkstheater zu sehen. Es geht um die Gründung der USA, ein utopisches Projekt, das allerdings von Kolonialismus und religiösen Zwängen unterlaufen wurde. Der "Tagesspiegel“ nannte die Inszenierung eine "Bildmeditation über das Verdrängte im amerikanischen Traum“. Wie heftig die Festwochen heuer wirklich werden, wird sich zwar erst zeigen. Aber eines ist sicher: Geduld sollte man schon mitbringen.