Wienerlied: 40 Jahre sind genug - Roland Neuwirths Abschiedstour

Wienerlied: 40 Jahre sind genug - Roland Neuwirths Abschiedstour

Seit 40 Jahren durchforstet Roland Neuwirth mit seinen Extremschrammeln musikalisch die Wiener Seele. Jetzt geht es in die allerletzte Runde.

Roland Neuwirth schimpft zum Autofenster seines dunklen Chrysler
hinaus. Er müsse das Equipment ausladen, erklärt er dem Wachmann beim Seiteneingang des Wiener Rathauses.

Keine Chance. Neuwirth muss außerhalb des Gebäudes parken. „Dem feinen Herrn Häupl werde ich von der Bühne herab einiges erklären müssen“, droht Neuwirth dem Mann.

Michael Häupl feiert an diesem Freitagabend mit Gästen sein 20-jähriges Amtsjubiläum. Neuwirth ist für zwei Lieder im großen Festsaal gebucht. Man kann sagen, dass hier zwei Wiener Institutionen vor dem Rathaustor auf Umwegen aufeinanderprallen. Bei geschlossenem Autofenster sagt Neuwirth dann Dinge, die man in der Zeitung nicht schreiben darf. Er kann sehr deutlich werden, wenn ihm etwas nicht passt. Es ist ihm nicht unrecht, wenn dort, wo er gerade ist, Tohuwabohu herrscht.

Man muss Neuwirth, 64, ein Symbol nennen, eine urwienerische Figur, die dosiert Übellaunigkeit und spröde Heiterkeit versprüht. Der obligate Hut, das drahtig-weiße Haar, Ringe mit blauen und grünen Steinen, die spitz gefeilten Fingernägel, handgemachte Stiefel: Wenn man einen Wienerliedsänger des frühen 21. Jahrhunderts erfinden müsste, er sähe aus wie Roland Neuwirth. Seit 40 Jahren arbeitet der Musiker mit dem Neue-Volksmusik-Quintett Extremschrammeln an der Amalgamierung von traditionellem Wienerliedgut mit Elementen aus Jazz und Blues. Als Komponist ist er weit von jedem künstlerischen Opportunismus entfernt, mit sympathischer Bockigkeit hält er seit Jahrzehnten an seinen musikalischen Idealen fest. Als Eric Clapton und Gary Moore Hitparadenstars waren, spielte er stur Dreivierteltakt. Seinem Schmäh wohnt ein Bodensatz von Pessimismus inne, seinem Galgenhumor die Weigerung, die Verzweiflung hinzunehmen.

Es mache ihm nichts aus, sagt er, dass er in der Öffentlichkeit erkannt werde, auch wenn die wenigsten spontan einen Neuwirth-Titel parat hätten. „Lieber ein Großer unter den Kleinen als ein Kleiner unter den Großen.“ Er spielt heute für den roten Wiener Bürgermeister und morgen vielleicht für den schwarzen Landeshauptmann in Niederösterreich, wo er seit mehr als 20 Jahren wohnt. Jeder wird durch den Fleischwolf gedreht. Neuwirth erzählt einen Witz, den ihm kürzlich Erwin Pröll zutrug. „Gott empfängt Obama, Putin und Pröll und verkündet das Ende der Welt in wenigen Tagen.

Obama tritt vor die Amerikaner und erklärt, dass er eine gute und eine schlechte Nachricht habe: Es gebe Gott, die Welt sei aber dem Untergang geweiht. Putin gibt bekannt, dass er zwei schlechte Botschaften habe: Es gebe Gott wirklich – und in 14 Tagen sei Schluss. Erwin Pröll versammelt sein Volk und hinterbringt ihm zwei gute Nachrichten: Der Herrgott habe ihn, Pröll, nun endlich empfangen – und er, Pröll, bleibe bis zum Ende der Welt Landeshauptmann.“

Später sitzt Neuwirth, gerahmt von den Mitgliedern der Extremschrammeln, auf der Bühne des Festsaals. Gegen Ende des Kurzauftritts kommt es zu einem surrealen Moment. In den Hommagen auf Häupl ist zuvor viel von der Krise und Wien als Modell- und Zukunftsstadt die Rede gewesen. Neuwirth zupft und schlägt seine Kontragitarre. Er singt, dass er „Wien wieder amoi g’spürn“ will. Häupl, jault er dann ins Mikro, solle sich gefälligst auch darum kümmern, dass man in den Kaffeehäusern wieder rauchen dürfe. Neuwirths Arme und Beine wirken, als gehörten sie einer Marionette. Unter der Hutkrempe lacht er bübisch frech. Das Publikum weiß nicht, ob es lachen oder staunen soll.

„Das Wienerlied wurde millionenfach totgesagt“, sagt Neuwirth nach dem Gastspiel.„Es gibt uns aber beide noch.“ Bald wird das Wienerlied auf Neuwirth verzichten müssen. Noch zwei Auftritte vor Weihnachten und eine Abschiedstour 2015, dann will sich Neuwirth ganz aufs Komponieren konzentrieren. Die Extremschrammeln werden dann Geschichte sein.

Regelrecht angewidert ist Neuwirth vom Drumherum des Musikmachens; von den ewigen Soundchecks und der Parkplatzsuche, von den Künstlergarderoben mit kalt blinkendem Neonlicht. „Formationen, die Jahrzehnte bestehen, haben ein Problem“, sagt er. „Von Veranstaltern ist oft zu hören: ,Ach, die Schrammeln! Die müssen endlich Neues bieten.‘ Diese Leute sind musikalisch ahnungslos und sähen uns am liebsten auf Elefanten reitend.“

Gegen Ende der Rathausfeier wird Neuwirth von seinem Manager darauf aufmerksam gemacht, dass er sich von Häupl verabschieden müsse. „Lächerlich“, sagt Neuwirth. „Was sind 20 Jahre im Vergleich zu 40! Er muss sich von mir verabschieden, zumal wir für einen Pappenstiel spielten.“ Neuwirth schlendert dann doch zum Bürgermeistertisch und schüttelt Häupl die Hand. Für einen Moment verschwimmen die Grenzen zwischen Politik und Musik. Um 19.58 Uhr hat ein Beamter der Parkraumüberwachung, Personalnummer A 726, unter den Scheibenwischer von Neuwirths Auto eine Organstrafverfügung wegen Nicht-entrichtens der Parkgebühren gesteckt.

Foto: Philipp Horak für profil