Alexander Van der Bellen
Kommentar

Keine Überraschungen? Doch!

Was ob der Herausforderer von Alexander Van der Bellen scheinbar eine Farce blieb, war in Wahrheit eine Lehrstunde in Demokratie.

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Keine Überraschung, angesichts des deutlichen Wahlsieges von Alexander Van der Bellen eine Unterraschung? Es kam, wie die Umfrageinstitute und – vorsichtiger – wir Journalisten und Journalistinnen erfragt und vermutet hatten. Wir könnten jetzt noch naseweis behaupten, dass die fehlende Überraschung die eigentliche Überraschung war: Man erinnere sich etwa daran, mit welcher Fallgeschwindigkeit Rudolf Hundstorfer und Andreas Kohl 2016 ausgeschieden waren, dass jene Wahl von April bis Dezember, also sieben Monate gedauert hatte, dass damals beinahe ein rechtsradikaler Kandidat Bundespräsident geworden wäre! Die Überraschung verfügt in der jüngeren österreichischen Demokratiegeschichte über eine hohe statische Wahrscheinlichkeit, führt die eigene Definition als unerwartetes Ereignis also ad absurdum. Das galt ja auch und besonders für das Kommen und das Wechseln und das Gehen im Zeitraffertempo rund um Sebastian Kurz.

Nix geschehen also? Genau das will ich bestreiten. Wenn das eben Erlebte eine Kasperliade war, dann will ich mehr Kasperltheater. Wir haben einen Wahlkampf erlebt, der unter Laborbedingungen stattfand: Er war mangels SPÖ- und ÖVP-Kandidaten frei von der notorischen Schubkraft der beiden ehemaligen Großparteien (die sich eben schon 2016 als kraftlos erwiesen hatten), damit weitgehend unabhängig vom Lagerdenken in der eigenen Familienhistorie beziehungsweise von einer gefühlten Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse oder zum Bürgertum. Die Laborbedingungen boten Platz für ansonsten unmögliche Experimente.

So zeigte sich zum Beispiel, dass eine deutliche Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher (soweit sie überhaupt bereit waren, am Mechanismus der repräsentativen Demokratie teilzuhaben) bereit war, einen Menschen zu wählen, der bis heute als grüner Politiker gilt, der schließlich elf Jahre lang Bundessprecher der Partei gewesen war. Wer das mit Blick auf das Ergebnis von 2016 als nichts Neues erachtet, der irrt: 2016 war Alexander Van der Bellen von Hunderttausenden Mitbürgern nur zähneknirschend gewählt worden, um den extrem rechten Kandidaten zu verhindern – also nicht unbedingt aus freien Stücken. (Norbert Hofer verbuchte im ersten Wahlgang fast 600.000 Stimmen mehr als Van der Bellen.) Die makellose Amtsführung wog 2022 also weit schwerer als ideologische Vorbehalte.

Ganz anders zu bewerten das Geschlechterverhältnis der Kandidaten: sieben zu null. Also höchst irritierend. Die Frage, warum SPÖ und ÖVP keine Frau aufgestellt haben, war stets eine Themenverfehlung (das hätte keinen Sinn für die Parteien ergeben). Die Frage, die sich mir stellt, ist vielmehr: Warum ist unter den fünf unabhängigen Kandidaten keine Frau? Warum wollte keine Frau selbstbestimmt für das höchste Amt im Land kandidieren? Was hinderte Frauen daran, sich auf diese Bühne zu begeben? Hinweise auf strukturelle Unterschiede in der Gesellschaft oder ein abweichendes Rollenverständnis sind mir angesichts des Verhältnisses von fünf (respektive sieben) zu null zu wenig. 2022 ist jedenfalls nicht als Ausreißer kleinzureden: Die Kandidatinnen in der Vergangenheit wurden regelmäßig offen oder erkennbar von politischen Parteien gestützt  – in einem System mit relativ hoher weiblicher Präsenz in Spitzenfunktionen. Da braucht es dringend Veränderung.

Auch eine Versuchsanordnung: Wie weit kommt ein Bewerber, wenn er von der noch immer übermächtigen Tageszeitung des Landes unterstützt wird? Offensichtlich nicht sehr weit. Tassilo Wallentin war der Mann der „Kronen Zeitung“, wo er sich über die vergangenen Jahre als Kolumnist und nun mit einem kleinen Turbo profilieren konnte. Er landete dennoch weit abgeschlagen unter zehn Prozent. Lag das an der nachlassenden Wirkkraft jener Zeitung? Der Medien generell? Oder ganz im Gegenteil an der kritischen Kraft von Journalisten, die Wallentin nun als Nullnummer mit fehlerbehaftetem Argumentarium decouvrieren konnten?

Das führt schließlich zu dieser Beobachtung: Der Wahlkampf zeigte an mehreren Einzelbeispielen, dass Politik eine Profession ist, die wenn möglich in ordentlicher Ausbildung und Erfahrung erlernt wird. Ein beseelter Unternehmer oder ein eitler Anwalt zu sein reicht nicht.

Zusammengefasst: Wahlen sind nicht nur das zentrale Element unserer Demokratie. Sie lehren uns auch Lektionen über Volk und Eliten. Für die Direktwahl des Staatsoberhauptes gilt das in besonderem Maße. Daher konnte uns die wenig überraschende Wiederwahl von Alexander Van der Bellen in vieler Hinsicht überraschen.

Christian   Rainer

Christian Rainer

Chefredakteur und Herausgeber