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Meinung
09/12/2020

Elfriede Hammerl: Alles leinwand

Seit 36 Jahren gehöre ich dazu - und darf mich über kluge Reaktionen freuen.

von Elfriede Hammerl

Seit 50 Jahren gehört profil zu meinem Leben. Und seit 36 Jahren gehöre ich zu profil. Das ist eine lange Beziehung, viel länger als manche Lebensabschnittspartnerschaft und gewichtiger als viele gefühlsbefrachtete Romanzen. Wären profil und ich verheiratet, dann hätten wir vor einem Jahr unsere Leinwand-Hochzeit feiern können. Tät passen. Ist eh alles leinwand zwischen uns. Google weist mich bei der Beschreibung der Leinwand-Hochzeit allerdings darauf hin, dass nach 35 Jahren "der Wäscheschrank neu aufgefüllt" gehört. Ich würde das gern in Richtung einer notwendigen Honorarerhöhung interpretieren, bin mir aber nicht sicher, ob der Herausgeber meine Auslegung teilt-noch dazu, wo profil und ich unser schlampiges Verhältnis nie legalisiert haben. (Freie Mitarbeit heißt so was.) Der materielle Gewinn aus schlampigen Verhältnissen wird gern überschätzt. Na und? Dafür muss es einer doch eine Freude sein, für ein Qualitätsmedium arbeiten zu dürfen!

Das ist, ja eh, nicht falsch. In den 36 Jahren meiner profil-Mitarbeit habe ich viele spannende Bekanntschaften mit gescheiten Menschen gemacht, die auf das von mir Geschriebene reagiert haben, mit Zustimmung, Lob, Ergänzungen, kritischen Einwänden. Manche Bekanntschaften haben sich auf einen Mailwechsel beschränkt, andere sind zu Freundschaften gewachsen. Ich stelle mir vor, dass diese Ausbeute erheblich kleiner wäre, hätte ich es mit einem, sagen wir, weniger anregenden Publikum zu tun.

Was allerdings nicht heißen soll, dass ich für ideelle Entlohnung statt Bezahlung mit schnödem Geld plädiere. Die Freude an der Arbeit begleicht keine Rechnungen. Aber abwägen sollte man schon, nicht nur als Journalistin: Lasse ich mir ein auftragselastisches Gewissen mit extra viel Kohle abgelten, oder möchte ich morgens unbefangen in den Spiegel schauen können?

Fast wäre ich ja schon vor 50 Jahren zu profil gestoßen. Peter Michael Lingens, mein Kollege beim "Kurier", fragte mich damals, ob ich mitmachen wolle beim neuen Magazin. Gereizt hätte es mich, aber ich war eben erst als Kolumnistin zum "Kurier" gegangen und hielt es deshalb für unseriös, so schnell wieder zu wechseln.

profil erschien und schlug auf dem drögen Medienmarkt als Sensation ein. Es war "seriöses Aufdeckerblatt, literarischer Journalismus, veröffentlichter Thinktank und moralische Instanz", schrieb ich vor Kurzem in einer Laudatio auf Lingens, und besser kann ich die Qualitäten noch immer nicht umreißen, mit denen profil überraschte und bestach. Lingens prägte diese Anfangsjahre, ab 1975 als Chefredakteur, nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ, indem er, wie er sagt, das "halbe Blatt" schrieb, um Kosten zu sparen. Für die andere Hälfte engagierte er brillante Köpfe, darunter-für damalige Verhältnisse-ungewöhnlich viele Frauen, nicht zuletzt, weil sie, wie er zugibt, fleißiger und billiger waren als manche männlichen Möchtegern-Stars. (Kommt uns bekannt vor.)Die meisten von ihnen machten später beachtliche Karrieren, mit einigen durfte ich befreundet sein, mit anderen nicht.

Ich war jedenfalls eine begeisterte Leserin der ersten Stunde, ab und zu schrieb ich einen Gastbeitrag, ab und zu verhandelte ich über eine Doch-noch-Anstellung und schlug sie wieder aus.

Dann trennte ich mich vom "Kurier" und übersiedelte mit Mann, Kleinkind und profil-Abo in die USA. Dort trennten der Mann und ich uns, ich kam mit dem Kind zurück, und aus dem profil-Abo wurde über Nacht eine profil-Kolumne.

Sie hatte mit meinen Erfahrungen als berufstätige Mutter zu tun. Es waren die üblichen. Ich kämpfte allein mit dem Vereinbarkeitsdilemma, während sich der Kindesvater uneingeschränkt seinem herausfordernden Job stellte. Theoretisch kannte ich dieses Phänomen und hatte schon oft darüber referiert; es in der Praxis zu erleben, war aber um einiges eindrucksvoller. Als ich Lingens nach meiner Rückkehr aus Amerika ein paar Texte zeigte, mit denen ich mir den Zorn darüber von der Seele geschrieben hatte, befand er kurzerhand: "Das nehmen wir." So erschien im September 1984 meine erste profil-Kolumne mit dem Titel: "Ich bin die dicke Mama, die weiß, wo die blaugrüne Mütze ist".

Seitdem habe ich viele Kolumnen geschrieben, und aus den anfänglichen Betrachtungen über das Mutterbild in dieser Gesellschaft hat sich eine Textstrecke entwickelt, auf der ich mich nach Herzenslust ausleben durfte, stilistisch wie inhaltlich-wobei es mir immer um ein Generalthema ging, nämlich um die Frage, wie man einer gerechteren Chancenverteilung näherkommen könnte.

Noch immer macht es mir Vergnügen, auf dieser meiner Baustelle zu werken, ohne Vorgaben, ohne Vorschriften, ohne Einmischung übergeordneter Instanzen, im Austausch mit klugen LeserInnen. Manchmal sagen mir freundliche junge Frauen: "Sie haben mir geholfen, zu meinen Ansichten zu stehen." Da schlage ich dann bescheiden die Augen nieder, aber innerlich finde ich es ziemlich cool. Im Übrigen habe ich keine Ahnung, wo die schreckliche blaugrüne Mütze geblieben ist. 

Elfriede Hammerl ist seit 1984 profil-Kolumnistin.

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