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Meinung
06/27/2021

Elfriede Hammerl: Die Ehre der Söhne

Ist die Drohung, jemandes Mutter zu vergewaltigen, eine folkloristische Unmutsäußerung?

von Elfriede Hammerl

Ist es denkbar, dass eine junge Frau einer anderen im Streit damit droht, ihren Vater zu vergewaltigen? Eigentlich nicht. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens gehört sexuelle Gewalt nicht zum Kampfinstrumentarium von Frauen. Und zweitens ist das Vaterbild keines, das Schaden nimmt, wenn der Vater mit sexuellen Handlungen in Verbindung gebracht wird. Väter können nicht geschändet werden, Mütter schon. Väter werden als autonome Persönlichkeiten imaginiert, denen es freisteht, sexuell aktiv zu sein, sie sind keine Opfer. Mütter sind in den Augen ihrer Kinder, vor allem der Söhne, häufig asexuelle Wesen, deren Reinheit es zu verteidigen gilt.

Bevor Sie einwenden, dass auch Frauen sexuelle Macht über Männer ausüben: Ja, das stimmt. Aber wenn, dann beruht ihre Macht auf einem Begehren der Männer, das sie sich zunutze machen, um ihre Wünsche durchzusetzen. Sie verführen Männer, um das übliche Machtgefälle zwischen Frauen und Männern zu unterlaufen. Und keine Frau krallt sich den Vater einer anderen, um die andere zu demütigen.

Bei „Ich ficke deine Mutter!“ ist kein Begehren im Spiel. Da geht es um sexuelle Unterwerfung als reine Überlegenheitsdemonstration. Demonstriert wird Überlegenheit dem Gegner gegenüber, die Unterlegenheit der Mutter ist sowieso klar. Die Mutter ist Mittel zum Zweck der Demütigung des Sohnes und kein Mensch, dessen Befindlichkeit zählt. Was zählt, ist die Befindlichkeit des Sohnes, der leiden soll, weil er die Beschädigung der mütterlichen Reputation nicht verhindern kann. Zumindest ist das die Behauptung, die der Gegner aufstellt.

Die Mutter ist Mittel zum Zweck der Demütigung des Sohnes und kein Mensch, dessen Befindlichkeit zählt.

Der Satz wird im Präsens verwendet, ist aber keine Beschreibung eines Istzustandes. Er teilt dem Sohn nicht mit, dass seine Mutter eine erotische Beziehung zu seinem Gegner hat (was theoretisch auch möglich, aber eine ganz andere Art von Konflikt wäre), sondern kündigt ein Vorhaben des Gegners an. Der Gegner hat vor, der Mutter seines Widersachers sexuelle Gewalt anzutun, weil die Vergewaltigung von Müttern, Frauen und Töchtern zu den Kampfmitteln gehört, die von Männern in kriegerischen Auseinandersetzungen ganz selbstverständlich angewendet werden. Sie haben immer mit der Vorstellung zu tun, dass die sexuelle Verfügbarkeit weiblicher Familienmitglieder mehr oder weniger unter das Reglement männlicher Familienmitglieder fällt, weswegen sexuelle Übergriffe auf die Frauen einer Familie – oder eines Landes – das Versagen der zugehörigen Männer zeigen würden.

Die Verknüpfung von Männerehre mit unberührten Frauenkörpern und die spezielle Überhöhung der Mutter zu einem Wesen, das die Niederungen der Sexualität nicht kennt, ordnen wir hierzulande gern fremden Kulturen zu. Und tatsächlich sind sexualisierte Drohungen, Flüche und Beschimpfungen im südlichen und östlichen Europa üblicher als bei uns, wo sich verbale Verachtung eher auf Metaphern über den Verdauungstrakt konzentriert.

Aber es ist doch bemerkenswert, wie wenig es uns aufregt, wenn wir mit sexistischer Rhetorik konfrontiert werden.
 
Konkret: Der Fußballer Marko Arnautović hat nach dem EM-Match der Österreicher gegen Nordmazedonien einen gegnerischen Spieler bekanntlich wüst beschimpft. Was er alles gesagt hat, ist nicht genau bekannt, im Wesentlichen habe sich seine Attacke, hieß es, gegen die albanische Abstammung des Gegners gerichtet, dabei sei auch „Ich ficke deine Mutter!“ gefallen. Danach große Aufregung. Die größte Sorge der heimischen Fußballfans: Wird man Arnautović Rassismus vorwerfen bzw. nachweisen können? Dann könne er womöglich für die gesamte EM gesperrt werden!

Nun ist Rassismus zweifellos schlimm. Aber warum war der Vorwurf des Sexismus gar kein Thema? Wir wissen, wie es ausgegangen ist. Arnautović wurde für nur ein Spiel gesperrt, das Vergehen, auf das man sich einigte, hieß: Beleidigung des Gegners.

Die Debatte vorher fokussierte auf die Frage, wie sehr Arnautović vom Gegner nicht provoziert worden und wie es denn um die jeweiligen nationalen Wurzeln der Kontrahenten tatsächlich bestellt sei. Über die angekündigte sexuelle Nötigung der gegnerischen Mutter wurde allenfalls launig gescherzt wie über einen drolligen Volksbrauch. So sind s’ halt am Balkan, wilde Hund’, wenn die in Rage kommen, sagen sie einfach das Nächstliegende: Ich ficke deine Mutter. Versteht man doch.

Verstehe ich das? Und verstehe ich, dass man es versteht?

Bevor Sie mich auffordern, die Kirche im Dorf zu lassen: Ich weiß schon, nix passiert. Herr Arnautović hat nie vorgehabt, der Mutter seines Gegners was anzutun. Auch alle anderen, die sich dieser traditionellen Drohung bedienen, verwenden sie in der Regel ohne kriminellen Vorsatz. Trotzdem ist die Heiterkeit, mit der sie als folkloristische Unmutsäußerung aufgenommen wird, zumindest irritierend. Kein Unbehagen weit und breit? Findet niemand den Unterschied zum Fingerhakeln?

Wir lernen: Arnautović hat seinen Gegner beleidigt. Ob auch dessen Mutter beleidigt wurde, steht nicht zur Debatte.

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