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Meinung
04/17/2021

Elfriede Hammerl: Femizid

Die Auslöschung von Frauenleben ist oft einkalkuliert bei der Produktion erwünschter Verhältnisse.

von Elfriede Hammerl

Am Anfang ist alles in Ordnung. Bitte, ab und zu rutscht dem Mann die Hand aus, aber nur, weil sie einen anderen angeschaut bzw. nicht verhindert hat, dass ein anderer sie anschaut. Oder weil sie schon wieder das Falsche gekocht hat. Oder blöd zurückgeredet. Oder weil sie ihm gerade in die Quere gekommen ist, als er eh schon so geladen war wegen des Ärgers in der Arbeit. Aber sonst: keine Probleme.

Doch dann tritt auf einmal die  Gewalt in das glückliche Leben des Paars oder der Familie. Man muss sich die Gewalt als fremde Macht vorstellen, als Schädling, der Familien befällt und kaputtmacht, ohne dass einer was dafür kann. Genau genommen macht die Gewalt meistens die Frau kaputt, und der Mann ist ihr hilfloses Werkzeug. So steht es ja auch in der Zeitung: Gewalt in der Familie bewirke, dass Frauen in Frauenhäuser flüchten oder tot sind, bevor sie flüchten können.

Die dazugehörigen Männer sind oft sauer, wenn die Frauen flüchten, weil dadurch der Eindruck entsteht, dass die Frau vor ihnen flüchtet, während es doch nur die Gewalt ist, vor der sie das Weite suchen. Dadurch, dass die Frau flüchtet, überlässt sie der Gewalt das Feld und erlaubt ihr, eine glückliche Beziehung oder eine glückliche Familie zu zerstören. Die FPÖ hat das schon vor Jahren erkannt und deshalb gefordert, dass Frauenhäuser geschlossen werden sollen.

Wenn sie jedoch tot ist, die Frau: öffentliche Betroffenheit. Wieder hat die Gewalt zugeschlagen. Wie konnte das geschehen?

Zu wenig Prävention, sagen die ExpertInnen. Zu wenig Aufmerksamkeit der Behörden, zu wenig Hilfe, kein Erkennen von Gefahr, kein rechtzeitiges Eingreifen, zu wenig Geld, zu wenig Personal.

Zu wenig strenge Strafen!, sagen PolitikerInnen, nicht alle, aber diejenigen, die keine Mittel für mehr Prävention lockermachen wollen.

Femizid, sagen die Frauenrechtlerinnen.

Schon sieben Mal war die Öffentlichkeit in den ersten drei Monaten dieses Jahres vom Tod weiblicher Gewaltopfer betroffen, das ist ganz schön viel Betroffenheit, die da erduldet werden musste.

Die Männer der von der Gewalt getöteten Frauen kommen entweder aus dem Ausland, von wo sie die unserem Wesen fremde Gewalt mitgebracht haben, oder sie werden als Eingeborene von ihr überwältigt. Obwohl der ausländische Gewaltmitbringer einerseits als Beweis für die Notwendigkeit von Zuzugsrestriktionen dient, hat er andererseits gute Chancen, vor Gericht auf Nachsicht zu stoßen, weil sich seine begreifliche Gemütsbewegung (ausgelöst durch einen Trennungswunsch der Frau) halt in einem Affekt entladen hat, der seinem kulturellen Hintergrund entspricht. (Ja, solche Urteile gibt es.)

Ist der Mann ein Eingeborener, darf er zumindest mit dem Verständnis der Boulevardmedien rechnen, die ihn gern als liebendes Opfer einer Beziehungstat sehen, weil er die Trennungsabsichten seiner gewatschten Gefährtin nicht verkraftet hat.

Gehupft wie gesprungen also. Getötete Frauen sind tot, weil sie die Gewalt, diese unerbittliche Macht, herausgefordert haben.

Genug Sarkasmus jetzt. Femizid, sagen Feministinnen – und meinen damit eine Haltung, der zufolge die Auslöschung von Frauenleben unter bestimmten Bedingungen als entschuldbar gilt. Die Bedingungen haben mit kulturell variablen Rollenvorschriften zu tun, aber auf jeden Fall damit, dass der Selbstbestimmungsanspruch von Frauen als Provokation gesehen wird, mal mehr, mal weniger, mal offensichtlich, mal versteckt. Das verbindet all die Einzeltaten, und hinter dem Entsetzen darüber steht eine Kapitulation vor ihrer vermeintlichen Unvermeidlichkeit.

Es gibt, eingestanden oder nicht, einen harten Kern patriarchalen Denkens, der das gesellschaftliche Klima weltweit prägt. In diesem Klima haben Frauenleben, wenn es darauf ankommt, Nachrang. Und es kommt auf alles Mögliche an, nur eben nicht auf Frauenleben, sondern auf Geld, Handelsbilanzen, Machtgewinn, Angst vor Machtverlust, das Wohlwollen wirtschaftlich potenter Diktatoren.

Gerade ist die Türkei unter Präsident Erdoğan aus der Instanbul-Konvention ausgetreten. Dieses internationale Abkommen verpflichtet die teilnehmenden Staaten, Frauen vor häuslicher Gewalt und vor Gewalt auf der Straße zu schützen. Durch seine Ratifizierung hat die Türkei 2012 zumindest eine Absichtserklärung abgegeben, wenngleich die Umsetzung dürftig war. Der Austritt bedeutet das Gegenteil. Er liefert die Türkinnen ausdrücklich wieder der Verfügungsgewalt ihrer Männer und der Willkür einer autoritär patriarchalen Ordnung aus.

Die Europäische Union war darüber not amused, wie die Queen sagen würde, will es sich aber mit der Türkei wegen des Flüchtlingsabkommens nicht verderben. Inzwischen plant auch Polen, aus der Konvention auszutreten und gemeinsam mit Kroatien, Slowenien, der Slowakei und Tschechien ein alternatives Übereinkommen abzuschließen, wie immer das dann aussehen soll. Die nationale und die internationale Aufregung darüber halten sich in Grenzen. Denn im Grunde ist der Femizid, Betroffenheitsadressen hin oder her, einkalkulierter Abfall bei der Produktion nach wie vor erwünschter Verhältnisse.

 

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