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Meinung
03/20/2021

Elfriede Hammerl: No Challenge

Eine Zumutung ist eine Zumutung ist eine Zumutung.

von Elfriede Hammerl

Frauentag war wieder, und diesmal hab ich mit einer Freundin beschlossen, den Klub der ang’fressenen alten Weiber zu gründen. Weil: Seit gefühlten 100 Jahren wehen uns am 8. März rosa Luftballons um die Ohren, auf denen steht, dass wir alles erreichen können, wenn wir nur wollen, dass wir alles erreichen können, wenn wir nur zusammenhalten, dass Frauenpower die Welt regiert, dass Frauenpower zumindest demnächst die Welt regiert, dass es, ja schon, eine Menge Herausforderungen gibt, die wir aber alle überwinden werden, weil wir so toll, so stark, so zuversichtlich sind. Und dazu werden uns Role Models gezeigt, die nobelpreisverdächtig forschen und nebenbei vier Kinder großziehen, während sie im Himalaja Erstbesteigungen machen. Das soll uns empowern und selbstermächtigen und motivieren, unseren Schichtdienst bei der mobilen Pflege als Challenge zu begreifen und uns aufzuqualifizieren (wie die Frauenministerin kreativ sagt), auf was, bleibt uns überlassen.

Wie uns überhaupt alles überlassen bleibt. Weil es ja offenbar nur darauf ankommt, als Privatperson beherzt auf strukturelle Zumutungen zu reagieren, die aber nicht Zumutungen heißen, sondern eben Herausforderungen. Das Ergebnis sind individuelle Erfolgs- oder Misserfolgsstorys statt Frauenpolitik. Frauensolidarität: Ja bitte, aber kompensatorisch, nicht revolutionär. Zusammen sollen wir den Karren durch den Dreck ziehen, den wir gefälligst nicht Dreck nennen sollen, sondern Challenges. Und aufs Lächeln nicht vergessen!
Dazu wird so getan, als sei die Frage der Geschlechtergerechtigkeit ein neues, kaum erforschtes Gebiet, als sei sie gerade erst aufgetaucht, weil alle Frauen bisher zufrieden strickend daheim hinterm Ofen gesessen seien, weshalb noch so wenig weitergegangen ist, aber jetzt, da man wisse, dass Frauen hinterm Ofen hervorkommen wollen, werde alles mit frischem Schwung und neuen Rezepten bald zu
aller Zufriedenheit gelöst sein.

Die neuen Rezepte laufen dann darauf hinaus, dass die Frauen ermutigt werden sollen, ihr Potenzial zu entdecken, es auszuschöpfen, sich nicht abschrecken zu lassen, und sich, siehe oben, damit abzufinden – nein, falsches Wort, sich bewusst zu machen, dass sie ihr Leben selber in der Hand haben und selber schuld sind, wenn es nicht so verläuft, wie sie es sich wünschen. Bloß kein Gejammer und kein Opfergetue!

Prompt hüten sich die jungen Frauen, Opfer zu sein, stattdessen entdecken sie, dass wir die Männer ins Boot holen müssen, und prophezeien, dass die Männer erkennen werden, wie viel sie zu gewinnen haben, wenn sie zu uns ins Boot steigen. Wir ang’fressenen alten Emanzen weisen an dieser Stelle mieselsüchtig darauf hin, dass das Boot schon seit gefühlten 100 Jahren die Gangway für Männer heruntergeklappt hat. Leider ohne großen Erfolg, unser Einwand geht aber im allgemeinen Optimismus unter. Macht nichts, mögen die Optimistinnen recht behalten.

Was die Role Models betrifft, so sind wir ja voller Hochachtung für alle Frauen, die Außergewöhnliches leisten. Wir sind nur der Meinung, dass Feminismus nicht heißen kann, Frauen sollten gezwungen sein, Außergewöhnliches zu leisten, wenn sie sich nicht mit benachteiligenden Rahmenbedingungen zufriedengeben wollen. Zudem sehnt sich das Gros der erwachsenen Frauen, wie das Gros der erwachsenen Menschen überhaupt, weniger nach einer atemberaubenden, einzigartigen Karriere als vielmehr nach einer befriedigenden Kombination aus beruflichem Erfolg und privater Harmonie.

Sehr viele Frauen möchten einfach etwas Sinnvolles arbeiten, anständig dafür bezahlt werden, Kinder großziehen, Freizeit haben – ein normales, gewöhnliches Leben halt. Man sollte annehmen, dass solche simplen Wünsche realisierbar sein müssten. Man sollte davon ausgehen dürfen, dass sie schon längst Realität sind. Aber nein, immer noch fügen sich die Puzzleteile nicht einfach zu einem Bild, die Kinder passen nicht zur Berufstätigkeit, und die Berufstätigkeit nicht zu den Mutterpflichten. Die Bezahlung hat die falschen Proportionen, und die Freizeit ist nicht auffindbar, weil ein normales Leben leider nicht für alle normal ist. Würde sonst alljährlich das Murmeltier grüßen?

Wir vom Club der ang’fressenen alten Weiber haben keine Lust mehr, es zurückzugrüßen und es uns schönzureden. Es ist nämlich nicht schön, basta. Lasst uns die Dinge beim Namen nennen. Eine Zumutung ist eine Zumutung und keine Herausforderung. Wenn ich könnte, würde ich den Gebrauch der Wörter „Herausforderung“ und „Challenge“ für eine Weile verbieten. Das Wort aufqualifizieren verbiete ich nicht, weil es sich von selber disqualifiziert. Und eine Frauenministerin, der nichts Besseres einfällt, als die Einkommensschere damit zu begründen, dass die Frauen halt leider in die falschen Berufe drängen, disqualifiziert sich auch. Den Frauen einerseits zu bestätigen, dass sie mit dem, was sie tun, das System erhalten (Applaus, Applaus!), und ihnen gleichzeitig zu erklären, dass sie dafür logischerweise kein ausreichendes Einkommen erwarten können, grenzt an Hohn.

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