Robert Treichler: Kontinent der Besserwisser

Robert Treichler: Kontinent der Besserwisser

Europas Herablassung gegenüber den USA beruht auf Selbstüberschätzung.

Die Amerikaner sind doof. Ihre Demokratie ist gekauft. Nur wer reich ist, hat eine Chance, gewählt zu werden. Die Wahrheit zählt nichts, die US-Medien transportieren lärmend jeden Unsinn. Das Niveau der Debatte ist einer zivilisierten Gesellschaft nicht würdig. Die Wahl ist zu einer populistischen Show verkommen. Die ganze Welt muss sich vor dem Ergebnis fürchten.

Wie gut, dass es die USA gibt und, besser noch, Donald Trump. Europa hätte sonst wenig, um seinen Hochmut rechtfertigen und seine Herablassung ausleben zu können. Nachdem George W. Bush ausreichend Stoff für Spott hergegeben hatte, irritierte Barack Obama angesichts von Eloquenz, Friedensnobelpreis und politischer Herzeigbarkeit das europäische Überlegenheitsgefühl. Jetzt aber Donald Trump, und der Alte Kontinent weiß wieder, worüber er die Nase rümpft. Zu Recht?

Zu Unrecht.

Beginnen wir mit dem ältesten aller Vorurteile, wonach das Geld die US-Wahlen gewinnt. Dem stehen mehrere Tatsachen entgegen: Donald Trump mag der persönlich reichste Kandidat gewesen sein, doch das große Geld der Wahlkampfspender hatte er in den republikanischen Vorwahlen nicht auf seiner Seite. Dennoch entschied er dieses Rennen für sich. Auch Hillary Clinton verfügt nicht annähernd über das Vermögen des Moguls, doch sie hat mehr Spenden gesammelt als er. Merke: Das Geld sucht sich einen aussichtsreichen Kandidaten, und es kann sich irren. Barack Obama war 2007, zu Beginn seiner Kampagne, weder reich noch berühmt, und auch große Konzerne standen anfangs nicht auf seiner Seite.


Wähler in den meisten europäischen Demokratien haben noch nie einen Steuerbescheid eines Spitzenpolitikers zu sehen bekommen.

Die Transparenz in Geldangelegenheiten in den USA kann sich sehen lassen. Dass Trump sich weigerte, seine Steuerbescheide zu veröffentlichen, war ein Skandal. Jeder andere Präsidentschaftskandidat der jüngeren Vergangenheit veröffentlichte seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse. Wähler in den meisten europäischen Demokratien haben noch nie einen Steuerbescheid eines Spitzenpolitikers zu sehen bekommen (außer der Betreffende landete wegen Steuerhinterziehung vor Gericht).

Die Vorwahlen sind eine demokratische Praxis, die ihresgleichen sucht und selten findet. Kann ein österreichischer Wähler kompetent darüber Auskunft geben, welche Personen für das Amt des Bundeskanzlers zur Auswahl standen, und wie der Entscheidungsprozess ablief, ehe schließlich Christian Kern angelobt wurde? Die französischen Sozialisten und Konservativen, die britischen Tories und die Labour Partei halten Vorwahlen ab, zum Teil mit etwas wackeligem Prozedere. Das Vorbild: die USA.

Und wo bleibt die Wahrheit? Die soll in der Schlacht Trump versus Clinton abhanden gekommen sein. Die USA, heißt es, hätten das post-faktische Zeitalter eingeläutet, in dem nicht mehr zählt, was stimmt und was nicht, wenn man nur hartnäckig genug Behauptungen aufstellt. Richtig ist: Die politische Lüge, ein Instrument, das älter ist als die Schrift, wurde von Donald Trump entscheidend weiterentwickelt. Er überwand dazu das herkömmliche Gesetz der Logik, wonach eine Aussage und ihr Gegenteil nicht gleichzeitig wahr sein können. Dennoch wurde jede seiner Behauptungen in der Öffentlichkeit auf ihren Wahrheitsgehalt im realen Universum überprüft und das Ergebnis publiziert. Dass ein Politiker auf Unwahrheiten beharrt und seine Anhänger ihm darin folgen, ist bedauerlich. Das ändert jedoch nichts daran, dass viele Medien untadelige Arbeit geleistet haben und jeder, der wissen möchte, was wahr ist und was nicht, dies erfahren konnte.


In keinem Land der Welt erfährt man über Spitzenkandidaten so viel wie in den USA.

Die amerikanischen Medien also. Sie haben Trump viel Berichterstattung gewidmet. Aber ihnen das zum Vorwurf zu machen, ist unsinnig. Der schillerndste Kandidat, der exzentrische Quereinsteiger, der pöbelnde Milliardär entfachte mehr Interesse als das Dutzend der anderen Republikaner, die sich vor allem darin unterschieden, wie stark sie sich von Trump abgrenzten. Die Medien machten ihren Job, sie richteten den Fokus auf den Star. Oder möchte noch jemand etwas über Ben Carson wissen?

In keinem Land der Welt erfährt man über Spitzenkandidaten so viel wie in den USA. Die Medien haben so viele Leichen in Donald Trumps Keller gefunden, dass man damit eine ganze Generation von Politikern zu Fall bringen könnte.

Und dennoch könnte er gewählt werden, aber das ist, auch wenn es weh tut, das Wesen der Demokratie. In den USA steht Trump zur Wahl, in Frankreich wird im kommenden Jahr Marine Le Pen in der Stichwahl antreten, und in Österreich …

Kann Trump die amerikanische Demokratie zerstören? Es schadet nicht, sich ein wenig zu fürchten und Demo-Utensilien einzulagern, aber die Wahrheit ist: nein – jedenfalls nicht eher, als Populisten des Alten Kontinents die europäische Demokratie zerstören können. Trump würde sich selbst bei einer republikanischen Mehrheit in beiden Häusern immer wieder eine blutige Nase holen, wenn er ein paar seiner irrwitzigeren Vorhaben zu Gesetzen werden lassen möchte.

Aber sollte Trump gewinnen, wird Europa bestimmt rasch reagieren und Care-Pakete voll mit Besserwisserei über den Atlantik schicken.

robert.treichler@profil.at
Twitter: @robtreichler