Kommentar

Was ist da bei Jeremy Fragrance los?

Bis vor kurzem war Jeremy Fragrance noch der harmlose, oberkörperfreie Parfum-Influencer von TikTok. Jetzt posiert er auf einer Feier der US-Republikaner mit Personen aus dem Umfeld von AfD und FPÖ und alles ist anders. Ein Erklärungsversuch.
Eva  Sager

Von Eva Sager

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Jeremy Fragrance riecht an einer Gurke. Er trägt kein T-Shirt, nur eine goldene Kreuzkette und eine enge, weiße Hose. „Smells just gorgeous, man“, sagt er. Wenn er englisch spricht, und das tut er meistens, dann macht er das mit deutschem Akzent, schließlich kommt er eigentlich aus Oldenburg. Er wirft die Gurke in die Luft, fängt sie wieder und wird plötzlich ganz ernst. „Wisst ihr, ich mache diese Videos um mehr Views zu bekommen, und deswegen tu ich manchmal Sachen wie: Lalalala, der Geruch einer Gurke, hahahaha. Weil so das Internet funktioniert.“

Jeremy Fragrance kennt das Internet. Und das Internet kennt ihn. Allein auf TikTok folgen ihm über sieben Millionen Menschen. Einerseits wegen seiner Parfum-Reviews - bei „1 Million“ von Paco Rabanne lautet die „Sexy, Baby! It smells like blood orange, mixed with a lot of Rohrzucker“ - andererseits wegen seines völlig überdrehten, latent manischen Auftritts.  

Jeremy Fragrance schreit oft „POWER“, klatscht dabei in die Hände und dreht sich einmal um die eigene Achse - sein “signature move”. Überall wo er hinkommt, macht er einarmige Liegestütze, riecht an fremden Menschen, grinst verückt in die Kamera. Manchmal bricht er mitten im Satz ab, um das Thema zu wechseln, sein Publikum wird dabei entweder zum Therapeuten oder zum Schaulustigen. Mittlerweile hat Jeremy Fragrance sogar einen eigenen Song, „How to Fragrance“ heißt der; der Refrain: „One on the left. One on the right. One on the front and on the top and one behind.“ Eine Art Anleitung, wie man richtig Parfum aufträgt.

„Der Mann bleibt ein Rätsel des Universums“, kommentiert jemand unter einem seiner TikToks und fasst damit eigentlich alles zusammen, was die Faszination um ihn herum ausmacht. Jeremy Fragrance war auf einmal einfach da. Niemand hat so wirklich gewusst, von wo er gekommen ist, aber irgendwie hat er mit seiner Fähigkeit, jedwede Peinlichkeit weg zu ignorieren, alle begeistert. Er war der ehrlichste Schauspieler, die gelebte Mehrdeutigkeit. Einmal war allen egal, was hinter der Fassade lauerte, weil die Fassade allein schon vollkommen ausreichte. Auf ihn konnte man sich irgendwie einigen, wenn auch nur ironisch.

Das ist jetzt vorbei. Denn aus der Kunstfigur Jeremy Fragrance ist mit einem Akt ein realer Charakter geworden und auf einmal wirkt seine harmlose Peinlichkeit gar nicht mehr so harmlos. Wie der deutsche „Spiegel“ berichtet, nahm der Parfum-Influencer an einer Gala des New York Young Republicans Club (NYYRC) teil, Donald Trump Auftritt inklusive. Dort posierte er unter anderem mit Maximilian Krah, AfD-Spitzenkandidat für die Europawahl, Alexander Klein, einer der bekanntesten Aktivisten der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ und David Bendels, Herausgeber und Chefredakteur des AfD-nahen „Deutschlandkurier“. Außerdem schoss er Selfies mit dem ehemaligen FPÖ-Politiker Gerald Grosz und Salzburgs FPÖ-Chefin Marlene Svazek.

Auf Instagram erklärt Jeremy Fragrance heute: „Ich stehe für Jesus Christus. Am ehesten noch für die CDU, weil es die christlich demokratische Union ist. Ich habe in keinster Weise mit rechtsradikalem Krams zu tun. Null!“ Er würde zudem nicht alle Personen kennen, mit denen er ein Selfie mache.

Nun macht es das aber nicht besser. Denn wenn es einen Ort gibt, an dem Jeremy Fragrance nicht hingehört, wo man ihn nie vermutet hätte, dann war es die tagespolitische Debatte. Der Mann, der auf TikTok zu „International Love“ von Pitbull tanzt, war ja genau der Account, auf den man geklickt hat, um der politische Auseinandersetzung kurz zu entfliehen. Das ist jetzt kaputt. Jede Ironie verfliegt, wenn der maßlose Influencer auf einmal in den Alltag überschwappt. Wenn der Mann, der im Internet an Gurken riecht, plötzlich auf Veranstaltungen des rechten Flügels der US-Republikaner auftaucht, dann fällt die Fassade.

Eva  Sager

Eva Sager

schreibt über Gesellschaft und Gegenwart.