Gregor Mayer: Warum ich Handke-Versteher nicht verstehen kann

profil-Korrespondent Gregor Mayer

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Soll man Schriftstellern politische Verirrungen nachsehen? Nein, meint profil-Korrespondent Gregor Mayer und widerspricht Robert Treichlers Kommentar im profil der vergangenen Woche.

Die Zuerkennung des Literaturnobelpreises an Peter Handke ist von vielen begrüßt worden, die die bizarren Positionen des Schriftstellers zu den Jugoslawienkriegen in den 1990er-Jahren ausdrücklich nicht teilen. Sie wurde begrüßt von Menschen, die die von ihm betriebene Relativierung serbischer Kriegsverbrechen, die von ihm gesuchte Nähe zu Massenmordverantwortlichen wie Slobodan Milošević und Radovan Karadžić verurteilen; die Handkes Haltung in dieser Frage als haarsträubenden Irrtum verbuchen; die aber meinen, dass der herausragende Wert seiner Literatur diesen Fehler seiner Person, seines Charakters überschreiben würde.

Wenn ihn der US-Journalist Peter Maass als „Genozid-Apologeten“ bezeichnete, so sei das „ein Missverständnis von Handkes Rolle“, stellte profil-Auslands-Chef Robert Treichler in dieser Zeitung fest. „(Handkes) Nörgeln ist literarisch-obsessiv, verschroben-querulatorisch, und wahrhaftig nur im Sinne einer störrischen Anti-Objektivität. Verbohrte Rechthaberei auf hohem künstlerischen Niveau.“ Der Schriftsteller Doron Rabinovici meinte in einem Twitter-Posting: „Für mich geht es immer darum, ob der Irrtum den eigentlichen Kern der künstlerischen Arbeit darstellt. Das ist bei Handke nicht der Fall.“ Der aus Bosnien stammende, in Zagreb lebende Schriftsteller Miljenko Jergović wiederum verwies die Leser seines Blogs auf seinen Essay aus dem Jahr 2015. Wer Handke nur wegen seiner Serbien-Bücher nicht lese, dem entgehe ein epochales literarisches Werk, befand er darin. Nicht den Schriftsteller treffe der Schaden, abgesehen davon, „dass er fünf schlechte Bücher geschrieben hat, die seines Talents, seiner Weltanschauung, seiner Einzigartigkeit nicht würdig waren.“

Doch lässt sich um die „fünf schlechten Bücher“ einfach ein cordon sanitaire ziehen, der das literarische Werk an sich vor Kontamination schützt? Ragt der Irrtum wirklich nur unwesentlich hinein in den „eigentlichen Kern der künstlerischen Arbeit“? Kann uns das „hohe künstlerische Niveau“ von Handkes „verbohrter Rechthaberei“ darüber hinwegsehen lassen, dass ein Literat mit einer nicht unbeträchtlichen Meinungsmacht nicht die intellektuelle Aufrichtigkeit aufbringt, um sich von Irrtümern zu distanzieren?

Ich kann diese Fragen nur mit einem Nein beantworten. Als Reporter dieser Zeitung war ich an den Schauplätzen, die Handke nach den bekannten Verbrechen bereist hat. Ich war dort, als sie geschahen oder eben erst geschehen waren. Ich war im belagerten Sarajevo, als die Soldaten von Radovan Karadžić mit Granaten und Heckenschützengewehren die ausgehungerten, unbewaffneten Bürger abschlachteten – Handke besuchte Karadžić im Jahr nach dem bosnischen Friedensschluss, als der bosnische Serbenführer bereits als Kriegsverbrecher zur Fahndung ausgeschrieben war und bevor er für mehr als zehn Jahre untertauchte. Handke war bei ihm, um im amikalen Gespräch „die Geschichte zu verstehen“. Gleich nach dem Fall von Srebrenica sprach ich mit jungen Männern, die traumatisiert aus den Wäldern taumelten und irgendwie dem Massaker an den Fliehenden entkommen konnten – Karadžić’ General Ratko Mladić hatte seinen Soldaten befohlen, jeden über 14-Jährigen aus dem Treck der Flüchtenden, den sie fassen würden, zu töten. Ich habe ein knappes Jahr nach dem Fall von Srebrenica in Landwirtschaftsbetrieben bei Zvornik recherchiert, wo nach den Massenexekutionen von gefangen genommenen Männern und Jungen die Leichen mit Caterpillars unter die Felder gestampft worden waren, mit dem Ergebnis, dass ich wegen meiner Neugier festgenommen und aus der „Republika Srpska“ rausgeschmissen wurde – Handke saß am gegenüberliegenden, serbischen Ufer der Drina und sinnierte bei vorbeitreibenden, aber offenbar weggeworfenen Kinderschuhen darüber nach, ob wir „Kriegshunde“-Journalisten darin erneut einen Beweis für den von ihm geleugneten Genozid erblicken würden.

Nein, so arbeiten Journalisten nicht, auch wenn es damals auch oberflächliche, übertriebene und tendenziöse Berichte von den genannten Schauplätzen gab. Handkes „Medienkritik“, die nicht auf Fakten, sondern auf seiner faktenblinden Empörung beruhte, wurde jedoch damals von vielen gefeiert, als angebliches „Korrektiv“ zum Treiben einer angeblich von deutschen und amerikanischen Imperialisten angeheuerten Journaille. Das hatte sogar etwas Prophetisches an sich. Handkes Totschlagwort vom „Meute-Journalismus“ fügt sich nahtlos an das von heutigen Neo- und Ultra-Rechten strapazierte Schmähwort von der „Lügenpresse“.


Einer klärenden Debatte hat sich Handke auch bei seinen Besuchen in Serbien verweigert. Er ist intellektuell unaufrichtig und eines Nobelpreises nicht würdig.

Handke war in das sozialistische Jugoslawien verliebt. Durch seine slowenische Mutter fühlte er sich den Slowenen und dem antifaschistischen Kampf ihrer Partisanen verbunden. Er verklärte dieses Jugoslawien, weil es ihm als Projektionsfläche für seine eigenen antiwestlichen Utopien diente. Er imaginierte es als Wunschland, in dem Völker mit reinen Herzen und kaum angekränkelt von der kapitalistischen Geldwirtschaft irgendwie harmonisch zusammenlebten. Die (Selbst-)Zerstörung dieses Jugoslawiens nach dem Ende des Kommunismus in Europa machte ihn zornig. Die Schuld dafür wies er – wie viele damals – den vermeintlich egoistischen, kleingeistigen, vom Nationalismus besoffenen Slowenen und Kroaten zu, die mit ihren Unabhängigkeitserklärungen erst den Kampf der Serben um den Erhalt ihrer Lebensräume heraufbeschworen hätten, sowie ihren serbenfresserischen Unterstützern in den Staatskanzleien und Medienhäusern Österreichs und Deutschlands. Dass dem Unabhängigkeitsstreben der beiden nördlichen Teilrepubliken der Aufstieg der national-kommunistischen Clique um Slobodan Milošević und deren aggressives Streben nach Zentralisierung der jugoslawischen Föderation unter Belgrader Fuchtel vorausgegangen war, blendete diese Sicht konsequent aus.

Aber Handkes Meinung zu dieser Frage oder seine ablehnende Haltung zur NATO-Intervention im Kosovo-Konflikt 1999 ist nicht per se das Problem. Auch der vor wenigen Wochen verstorbene, großartige ungarische Schriftsteller György Konrád hatte die Bomben-Kampagne der NATO gegen Ziele in Serbien und Montenegro scharf verurteilt. In deutschen Feuilletons entwickelte sich eine lebhafte Debatte, in der etwa der 2005 verstorbene ungarische Literat István Eörsi gegen Konrád Stellung nahm und das Eingreifen des Westens zur Abwendung eines drohenden serbischen Genozids an den Kosovo-Albanern begrüßte. Der moralischen Statur und dem Ansehen Konráds tat das keinen Abbruch. In einer Debatte vertrat er eine problematische Ansicht, mehr war da nicht. Es berührte, um mit Rabinovici zu sprechen, nicht einmal die Ränder seiner künstlerischen Arbeit.

Handke hat sich aber konsequent jeder Debatte verweigert. Er hielt treu zu Milošević und Karadžić, als deren Urheberschaft an Genozid- und Kriegsverbrechen schon längst aus den Akten des Haager Kriegsverbrecher-Tribunals herauszulesen war. Er folgte der damaligen faschistoiden serbischen Propaganda, als er die in ihren Städten vom serbischen Militär eingekesselten Bosnier als „die serbokroatisch sprechenden, serbisch-stämmigen Muselmanen Bosniens“ diffamierte. (Im sozialistischen Jugoslawien hatten die muslimischen Bosnier den Status einer „Nation“, neben den Serben und Kroaten, die in der damaligen Teilrepublik Bosnien-Herzegowina lebten. Der Ausdruck „Muselmanen“ ist herabwürdigend.) Seine peinliche Rede bei der Beerdigung von Milošević rechtfertigte er damit, dass er gegen die „Sprache einer so genannten Welt“ ankämpfen wollte, die den Serben-Führer vorverurteilt hätte. Tatsächlich starb Milošević 2006 noch während seines Verfahrens im Haager Tribunal. Aber nicht die „Sprache“ der Ankläger belastete ihn, sondern ein Meer an Indizien und Zeugenaussagen.

Handke hat nichts von all dem je zurückgenommen. Jetzt, wo ihn der Nobelpreis in ein besonders grelles mediales Scheinwerferlicht taucht, muss er vor Journalisten flüchten wie ein Spitzenpolitiker, der im Bordell gefilmt wurde. Dass ihn die nationalistische Staatsmacht in Belgrad 2013 mit dem Freundschaftsorden ehrte, macht es auch nicht besser für ihn. Sein Eintreten für das Milosević-Regime und dessen Nachfolgeregime, die er auf dreiste Weise mit dem „serbischen Volk“ gleichsetzt, nehmen demokratisch gesinnte Menschen in Serbien mit Bestürzung auf. Die Dramatikerin Biljana Srbljanović, die ihm Ahnungslosigkeit in Hinblick auf die Verhältnisse in Serbien vorwarf, beschimpfte er in einem Interview als „Westhure“. Einer klärenden Debatte hat er sich auch bei seinen Besuchen in Serbien verweigert. Er ist intellektuell unaufrichtig und eines Nobelpreises nicht würdig.