Elfriede Hammerl

Elfriede Hammerl

© Alexandra Unger

Elfriede Hammerl
11/13/2021

Männerberatung und Frauen-Unterstützung: Betteln um Einsicht

Liebe Gewalttäter, ihr könnt das nicht wissen, aber Frauen umzubringen ist nicht okay!

von Elfriede Hammerl

Auch in der Schweiz gab es heuer schon viele Femizide, höre ich im Radio, und danach höre ich eine Schweizer Expertin, die sagt, dass es grotesk sei, aber: Je emanzipierter die Frauen, desto mehr Gewalt. Sie sagt es nicht entschuldigend, sondern erklärend, wieder einmal erklärt jemand Morde an Frauen damit, dass die Frauen den Männern – also manchen Männern, also das heißt, eigentlich erschreckend vielen Männern – zu selbstbestimmt sind, und danach wird wieder einmal die Männerarbeit, das therapeutische Einwirken auf gewaltbereite Männer, als Ausweg gepriesen, bei dem die Gewalttäter lernen sollen, dass Gewalt gegen Frauen, auch gegen selbstbestimmte, nicht okay ist. 

Und ich merke, wie mich der Grant überkommt bei diesem ständigen Werben um Einsicht bei den Typen, die sonst zum Maurerfäustl greifen oder zum Messer oder zur Schusswaffe. Ich merke, wie ich sauer werde angesichts der angestrengten Bemühungen um gewaltbereite Männer, damit sie doch bitte, bitte begreifen sollen, Frauen sind auch Menschen, sie zu misshandeln, ist böse, und sie umzubringen, ist pfui. Wissen sie ja sonst nicht. Hat ihnen ja noch niemand gesagt.

Jetzt weiß ich schon, dass die sogenannte Männerarbeit nützlich ist, weil es die Typen mit dem griffbereiten Messer nun einmal gibt, und weil man alles daransetzen muss, ihnen das Messer nicht nur physisch, sondern auch mental abzunehmen. Ich will Antiaggressionstrainings daher keineswegs schlechtreden.
Aber der Diskurs. Mehr und mehr wird dabei das therapeutische Arbeiten mit Männern als der alleinige Stein der Weisen gesehen, es entsteht der Eindruck, wir ändern jetzt zackzack die Männer, und alles ist gut. Darüber geht der Blick auf die Opfer verloren.

Doch die gibt es nach wie vor, und sie brauchen Hilfe, und die Hilfe kostet Geld. Noch sind wir weit entfernt von einer gewaltbefreiten Gesellschaft, in der sich bekehrte Schläger sanftmütig um Weib und Kinder kümmern, was traurig ist, aber leider ein Faktum. Täglich werden Frauen misshandelt, müssen aus ihren Wohnungen flüchten, haben Angst vor gewalttätigen Expartnern, die ihnen trotz Näherungsverbot auflauern, brauchen ein Obdach für sich und ihre Kinder, würden Unterstützung bei Behördenwegen und beim Gang zum Gericht benötigen und ebenfalls therapeutische Gespräche, um Gewalterfahrungen zu bewältigen und Selbstvertrauen zu gewinnen. Das alles kann nicht umsonst bereitgestellt werden, der Erhalt von Frauenhäusern kostet Geld, und deren Mitarbeiterinnen sind zwar hoch motiviert und engagiert, brauchen aber ebenfalls Geld zum Leben, also ein Gehalt.

Männerberatung macht den Schutz von Frauen nicht überflüssig.

Diese simplen Tatsachen sollten wir nicht aus den Augen verlieren. Wir, aber vor allem die Regierung, die das Geld zur Verfügung stellen muss für Männerberatung und Frauenunterstützung. Leider zeichnet sich hier eine Schieflage zuungunsten der Opfer ab. 700.000 Euro Förderung für die Frauenhäuser im heurigen Jahr steht ein Zwölf-Millionen- Euro-Budget für Täterarbeit und Männerberatung bis Ende 2022 gegenüber. Und während ein Bewährungshelfer höchsten 35 Fälle gleichzeitig betreuen darf, muss sich jede Betreuerin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie um 300 betroffene Frauen kümmern. Das ergibt fünf Betreuungsstunden im Jahr pro Frau.

Noch einmal: Nichts gegen das Einwirken auf Männer, auch wenn es mich grundsätzlich mit Ärger erfüllt, dass bestimmten Typen das (Halb-)Totschlagen von Mitmenschen erst ausgeredet werden muss, und nichts gegen Geldmittel dafür. Aber die Opfer dürfen nicht zu kurz kommen. Männerberatung macht den Schutz von Frauen nicht überflüssig. Solange es Männer gibt, die nicht begriffen haben, dass die Misshandlung von Angehörigen nicht zu ihren naturgegebenen Rechten gehört, gibt es Opfer, die geschützt und unterstützt werden müssen.

Als Wundermittel darf die neuerdings verpflichtende Gewaltpräventionsberatung von Tätern nach einem Betretungsverbot im Übrigen schon deshalb nicht betrachtet werden, weil sie bloß sechs Stunden umfasst. Mehr Vorbeugung ist von Rechts wegen nicht vorgesehen. Gehofft wird, dass sie als Initialzündung wirkt und Männer dazu bringt, freiwillig eine längere Therapie zu beginnen. Die Kosten dafür müssen sie allerdings selbst aufbringen. Preisfrage: Wie viele werden das wohl tun? Und wie viele werden es sich leisten können

Rund 9000 Männer werden pro Jahr weggewiesen, weil sie ihrer Familie gegenüber gewalttätig wurden. Gut 3000 davon haben nach Schätzung der Beratungsstellen ein so hohes Aggressionspotenzial, dass sie unbedingt weiterbehandelt werden sollten. Ein derartiges Antigewalttraining dauert rund ein Jahr. Anzunehmen, dass ausgerechnet diejenigen mit der manifesten Wut freiwillig danach verlangen, ist frommes Wunschdenken. Das bedeutet: Risikofälle müssten gesetzlich zu einer längeren Behandlung verpflichtet werden, wenn nötig samt teilweiser Kostenübernahme durch den Staat. Aber das ist trotz üppiger Fördermittel erstaunlicherweise nicht vorgesehen.

Die Frauen gehen derweil in Deckung. Sofern sie eine finden.

Hilfe für Betroffene finden Sie hier:

Frauenhelpline (rund um die Uhr, kostenlos): 0800 222 555
Männernotruf (rund um die Uhr, kostenlos): 0800 246 247

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