Rainer Nikowitz

Rainer Nikowitz

© Udo Titz

Satire
01/29/2022

Rainer Nikowitz: Animal Farm

Die Aufregung über die steuergeldfinanzierten Beinschab-Umfragen im Auftrag der ÖVP ist völlig unverständlich. Stimmt doch alles!

von Rainer Nikowitz

Dass der Parteitag der ÖVP dieses Jahr auf Gut Aiderbichl im Salzburger Land stattfand, hatte eine beinahe zwingende Logik. Beim letzten Mal hatte es ja bekanntlich ein eher unglückliches Zusammentreffen zwischen einem mit dem Winterschlaf kämpfenden und deshalb nicht ganz so alert wie sonst agierenden Murmeltier aus der Tiroler Delegation und einem zufällig ebenfalls im Tiergarten Schönbrunn anwesenden linksextremen Leoparden gegeben. Es konnte ja niemand ahnen, dass ein Leopard so ein Schwein sein kann. Und die Linke soll bitte nie wieder etwas von „Raubtierkapitalismus“ daherlabern. Begreiflicherweise wollte die ÖVP dieses Mal verhindern, dass die politische Auseinandersetzung auf so einer Ebene geführt wird und entschied sich also für einen hundertprozentig sicheren Tagungsort. Darüber hinaus ist Gut Aiderbichl ja ein Gnadenhof für Tiere, die sonst niemand mehr haben will. Auch das erschien den schwarzen Strategen durchaus sympathisch und passend.

Inhaltlich war man vor allem bemüht, die Rolle der ÖVP als staatstragende Partei in der Vergangenheit und natürlich auch der Zukunft zu betonen. In ihrer nun schon jahrzehntelang ununterbrochen währenden Regierungsbeteiligung habe die ÖVP den Nationalpark Österreich geprägt wie keine andere politische Kraft. Nun gelte es, diese Errungenschaften zu bewahren, es dürfe hier zu keinerlei Aufweichungen oder gar Rückschritten kommen. Das sei man der Bevölkerung schuldig, die ja darauf baue, dass die ÖVP verlässlich und berechenbar bleibe. Zu diesem Thema gab es auch zwei Leitanträge. Der eine trug den Titel „Alle Tiere sind gleich. Aber manche Tiere sind gleicher“, der zweite forderte: „Die süßesten Früchte dürfen auch in Zukunft nur von den großen Tieren gefressen werden.“ Beide erhielten eine Zustimmung von sensationellen 99,64 Prozent. Das ist das deutlichste Ergebnis, das es jemals bei einer Abstimmung auf einem ÖVP-Parteitag gab, sogar noch besser als jenes, mit dem beim letzten Mal das Aktionsprogramm gegen die Maul- und Klauenseuche in die Wege geleitet wurde. Und es fiel auch noch deutlicher aus als die beinahe ungeteilte Zustimmung, die Sebastian Kurz bei seiner – wie sich leider nur wenige Wochen 
danach zeigen sollte – letzten Kür zum Leithammel zuteil- wurde. 

Mit dieser konnte Bundeskanzler Karl Nehammer zwar nicht ganz mithalten, dennoch erfuhr er breiteste Unterstützung für seinen von ihm klar formulierten Führungsanspruch in der Regierung. Der Kernsatz in seinem Grundsatzreferat war zweifellos dieser: „Mir ist es egal, ob ich nun der Hecht im Karpfenteich oder der Wolf im Schafspelz bin – Hauptsache, Hahn im Korb!“ Eine lang anhaltende Akklamation folgte, Nehammer wurde geradezu frenetisch bewiehert und verbellt. Und analog zu Teenagerinnen, die bei Auftritten von umschwärmten Popstars vor lauter Begeisterung ohnmächtig werden, kam es bei einer Delegierten aus der Steiermark, einer Schwalbenschwanzraupe, sogar zu einer Spontanverpuppung. 

Unterstützt wurden Nehammers Ambitionen auch von einer neuen Umfrage, die im Vorfeld des Parteitags von einem nachgerade haltlos unabhängigen Meinungsforschungsinstitut erstellt –  aber dieses Mal selbstverständlich nicht aus Mitteln des Finanzministeriums bezahlt wurde. Sondern vom Innenministerium. Aus besagter Umfrage geht jedenfalls klar hervor, dass Nehammer als besonders verlässliches, aber auch durchaus dynamisches Tier gesehen wird –  am ehesten als eine nicht zuletzt auch optisch sehr gelungene Kreuzung aus Haflinger und Mäusebussard. Und als solche eigne er sich nicht nur hervorragend zur Lenkung des klimatisierten und mit Dolby-Surround-Soundsystem ausgerüsteten ÖVP-Traktors, sondern auch des Bummelzuges Österreich insgesamt. 

Viel war auch von der Einhaltung von Reviergrenzen die Rede, diese seien schließlich für ein gedeihliches wenn schon nicht Mit- so doch wenigstens Nebeneinander in der Wildnis unabdingbar. Johanna Mikl-Leitner etwa stellte – gänzlich ihrer Rolle als weise, maternalistische und hochprotektive Chef-Elefantin der Partei entsprechend – die Forderung in den Raum, vor allem die niederösterreichischen Grenzen besser abzusichern. Nicht zuletzt gegen das Eindringen linksextremer Leoparden, gerade die könne man in der Nähe des Landhauses nämlich überhaupt nicht brauchen. „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ könne ja klarerweise nur funktionieren, wenn zuerst einmal sämtliche Pläsierchen der ÖVP außer Streit gestellt würden. 

Alles in allem war dieser Parteitag also eine durch und durch gelungene Veranstaltung. Und sie wurde nach dem Ende des offiziellen Teils auch noch gebührend gefeiert. Als die letzten Ochsen endlich vom Wasserloch in den Stall trotteten, graute schon der Morgen. Und am Futtertrog dauerte das Gedränge sogar noch länger an. Dem Vernehmen nach wollten ihn viele am liebsten überhaupt nicht mehr verlassen.