© Udo Titz

Satire
09/12/2020

Rainer Nikowitz: Publikums-beschimpfung

Der Qualitätsjournalismus hat heutzutage viele Probleme. Und das größte davon sind: Sie!

von Rainer Nikowitz

Auf dem Wegweiser, den die übergeordneten Instanzen für die Texte in diesem Geburtstagsheft aufgestellt haben, stand vor allem ein Satz: "Kein sentimentaler Blick zurück!" Daran halte ich mich selbstverständlich und möchte deshalb meinen Beitrag zur großen 50er-Sause so eröffnen: Vor zehn Jahren, als profil 40 wurde - da war auch schon Krise.

Die Jüngeren unter Ihnen werden das vielleicht gar nicht wissen, aber der Qualitätsjournalismus steckt schon länger in der Krise als die SPÖ. Das muss uns erst einmal wer nachmachen! Wobei, dass ich jetzt die Jüngeren unter Ihnen anspreche das könnte ich mir eigentlich schenken. Zieht man das durchschnittliche Leseverhalten der Jüngeren unter Ihnen in Betracht, dann ist ja mit recht hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sich die im Moment überhaupt nicht unter Ihnen befinden-und somit das alles nicht nur nicht wissen, sondern auch nicht von mir darauf hingewiesen werden können. Es sei denn, sie lesen diesen Text gerade im Internet. Auf die einzige Art, die im Internet akzeptabel ist. Also gratis. Dann ginge es eventuell. Sofern der Adblocker funktioniert, natürlich. Ohne Adblocker ist ja dieser ganze Qualitätsjournalismus im Internet einfach nicht zu ertragen! Ich meine, wer will schon beim kostenlosen Genuss eines wochenlang auf die harte Tour recherchierten, mit sensationellen neuen Fakten gespickten, schwer politskandalträchtigen und darüber hinaus hoffentlich auch noch rasiermesserscharf formulierten Artikels von schnöder Werbung gestört werden? Also von kapitalistischem Götzendienst? So vertreibt man bitte schön nun wirklich auch noch die letzten nicht zahlenden Kunden. Echt jetzt.

2010 war wenigstens, im Vergleich zum Corona-Jahr 2020 (das ja, wie ich jüngst auf einem launigen T-Shirt gelesen habe, von Stephen King geschrieben und von Quentin Tarantino verfilmt wurde), "nur" Wirtschaftskrise. In den knapp zwei Jahren nach der Lehman-Pleite stand der Euro auf der Kippe, unser ganzes Wirtschaftssystem. Der totale Crash konnte zwar mit ein paar Tausend druckfrischen Fantastilliarden abgewendet werden (insofern gleichen sich 2010 und 2020 wieder),aber dass sich die klamme Wirtschaft um Inseratenplätze in jedwedem Qualitätsmedium gebalgt hätte, konnte man schon damals eher nicht behaupten.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich sehr gern an ein Treffen, das ich in meiner Funktion als Betriebsrat mit dem für die Auslandsbeteiligungen zuständigen Manager jenes deutschen Verlags hatte, der damals Mehrheitseigentümer von profil war. Die Redaktion ächzte unter dem x-ten Sparpaket und chronischer Unterbesetzung, und wir versuchten, den Nagelschuh-Fatzke, der wie viele seiner Zunft von einem überlebensgroßen, aber zum Ausgleich dafür wenigstens auf genau nichts fußenden Selbstbewusstsein zusammengehalten wurde, davon zu überzeugen, dass das so nicht weitergehen könne-noch dazu, wo profil doch 2009, im bis dahin wirtschaftlich sicherlich schlimmsten Jahr der gesamten Zeitungsgeschichte, wirklich stolze acht Prozent Umsatzrendite abgeliefert habe. Fatzkes Antwort: "Nun ja. Zweistellig wäre schon schön!"

Das war jetzt doch ein sentimentaler Blick zurück. Verdammt!

Und weil es so schön war, gleich noch einer. Irgendwann versuchten wir auch, dem von Fatzke eingesetzten Geschäftsführer klarzumachen, dass es für ein Magazin wie profil so etwas wie eine Mindestgröße der Redaktion geben müsse, unter der man es einfach nicht mehr in der vom Leser mit Recht erwarteten Qualität herstellen könne. Auch seine Reaktion wird mir noch beim 70. Geburtstag von profil ein seliges Lächeln auf die Lippen zaubern. Er sagte nämlich: "Was wollen Sie überhaupt? 'Gusto' kommt mit vier Redakteuren aus!"

Daraufhin wandte eine meiner Kolleginnen, gestandene Innenpolitik-Expertin, ein, dass man ein Koch-Magazin ja wohl schwerlich mit profil vergleichen könne. Das sah der versierte Herr Geschäftsführer allerdings anders. Er antwortete: "Haben Sie denn schon einmal ein Kochrezept geschrieben?"

Ich will mich nicht über Gebühr loben, aber es war nur meinem beherzten Eingreifen zu verdanken, dass dem Mann nicht an Ort und Stelle die Kehle durchgebissen wurde. Und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das nicht einer der schwereren Fehler meines Lebens gewesen ist.

Danach beschloss ich übrigens, nicht mehr Betriebsrat sein zu wollen.

Ich erzähle diese Anekdoten nur für den Fall, dass sich jemand fragt, warum der Journalismus nicht mehr so ist wie früher-jetzt einmal abgesehen von der unumstößlichen Tatsache, dass früher sowieso überhaupt alles besser war, und zwar immer schon. Aber solche Management-Giganten, die es sicherlich nicht nur bei uns gegeben hat, wären möglicherweise zumindest ein Teil der Antwort.

Und es fragt sich ja immer wieder jemand, warum das früher anders war. Oder ihm mit seinem total untrüglichen Gedächtnis zumindest anders vorgekommen ist. Zum Beispiel unter einem Kommentar von profil-Gründungsmitglied Hans Rauscher im "Standard",in dem er vergangene Woche über die Bedeutung von profil vor 50 Jahren und heute schrieb. Und nachdem ich ja in erster Linie eigentlich Sie, werte Medienkonsumenten von heute, beschimpfen wollte, hier einmal eines von vielen ähnlich gelagerten Postings darunter. "Wo sind Investigativ-und faktenbasierter Qualitätsjournalismus denn generell hingekommen? Heute bekommt man in den Medien schludrige, vor Fehler (sic!)strotzende APA Artikeln (nochmal sic!)und betreutes Denken", beschwert sich ein ungemein kritischer und mit Recht gegen Fehler jeder Art allergischer Leser. Früher habe er profil und "Die Zeit" abonniert, aber das zahle sich nicht mehr aus. Er lese jetzt lieber online.

Hoffentlich mit Adblocker.

Einmal abgesehen davon, dass sich profil erfrecht, etwas zu kosten, haben wir natürlich auch das Problem, linksextreme Raiffeisen-Büttel zu sein. Das klingt aufs erste Hinhören vielleicht ein wenig schwierig in der Umsetzung, aber wir wären nicht dieser verwegene Haufen von absoluten Vollprofis, wenn wir diesen Spagat nicht locker schafften.

"profil habe ich als Jugendlicher öfters gelesen, ist zwischenzeitlich zum Linksblatt verkommen." - "Christian Rainer ist inzwischen durch und durch ein Türkiser! Das profil ist im Besitz der Raika!" - "Im Grunde ist das Profil längst nur mehr ein links-grünes Parteiblatt." -"Wenn das profil irgendwann kritisch über die Raiffeisen-Machenschaften berichtet, werde ich wieder Abonnent." - "Ich war jahrzehntelanger profil-Abonnent, aber ideologisch ist es einfach zu einseitig, und ich zahle keine Mondpreise für ein dünnes Magazin mit ständigen Beschimpfungen konservativer Wähler." - "profil gehört zur Kurz-Gebetsliga!"

Eines ist klar: So viele genau lesende und alles sofort durchschauende Poster können keinesfalls irren. Wir müssen es jetzt langsam echt hinkriegen, unsere eindeutig erkennbaren politischen Vorlieben hintanzustellen und endlich objektiv zu berichten! Sonst haben wir es sowieso nicht besser verdient. Wenn wir dann darüber hinaus noch damit aufhören, Geld für unsere Hervorbringungen zu verlangen und die p. t. Konsumenten auch nicht mehr mit Inseraten belästigen, dann könnte das echt was werden-mit dem Sechziger und sogar darüber hinaus!

Gut, die Geschichten müssten eigentlich auch noch kürzer werden. Damit sich alles auf einmal am Bildschirm ausgeht. Oder noch besser: am Handy-Display. Scrollen bringt das doch sehr begrenzte Zeitbudget eines heutigen Digital Native schon ziemlich ins Minus. Darum sollte ich jetzt besser auch aufhören. Diese Kolumne ist ja schon viel zu 

Rainer Nikowitz ist seit 1998 profil-Kolumnist.

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