Robert Treichler: Einfältig & vielfältig

Robert Treichler: Einfältig & vielfältig

Diversität ist ein Merkmal gesellschaftlichen Fortschritts. Es sei denn …

Ein Regierungschef stellt Leute für sein Ministerkabinett zusammen. Er wählt dabei so viele Angehörige von ethnischen Minderheiten wie noch kein Vorgänger und keine Vorgängerin. Ist doch eine gute Sache, nicht?

Sollte man meinen. Doch der Regierungschef, um den es hier geht, heißt Boris Johnson, und er erntete für seine Ministerliste wütende Kritik, und das auch von erklärten Befürwortern von Diversität. Der Begriff bedeutet so viel wie Vielfalt und gilt als modernes und unumgängliches Konzept für gesellschaftliche Fairness. Anhand von verschiedenen Kriterien wie zum Beispiel ethnische Herkunft, Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung, Religion und manchmal sogar Grad der Attraktivität wird gemessen, ob die Zusammensetzung einer relevanten Gruppe – die Führungsebene eines Unternehmens, der Lehrkörper einer Universität oder eben auch ein Regierungskabinett – ausgewogen ist.

An Johnsons Regierungssitzungen nehmen ab sofort fünf sogenannte BAME-Personen teil („Black, Asian, Mino-
rity Ethnic“ steht im Englischen für die ethnischen Minderheiten in Großbritannien). Bisher gab es in der gesamten Geschichte britischer Regierungskabinette insgesamt erst fünf BAME-Mitglieder. Der Fortschritt ist unübersehbar, und Johnson sollte dafür Lob bekommen.

Warum bekommt er es nicht? Das sind die Argumente der Kritiker:

1. Dass sich Johnson mit Ministern dunklerer Hautfarbe umgebe, sei „vielleicht gut für die Optik“, doch diese Kabinettsmitglieder repräsentierten die schwarze und asiatische Minderheit nicht, denn sie unterstützten die minderheitenfeindliche Politik der Tory-Partei, urteilt Kehinde Andrews, Kommentator im „Guardian“. Noch schärfer formuliert Kerry-Ann Mendoza auf der Nachrichten-Webseite „Canary“: „Ein Angehöriger einer Minderheit, der einer weit rechten Regierung dient, ist nicht länger eine farbige Person, sondern ein Verräter seiner Farbigkeit.“

Ließe man diesen Einwand gelten, gäbe es für Johnson kein Entkommen. Nominiert er BAME-Minister, gelten diese umgehend nicht mehr als wertvolle Repräsentanten ihrer jeweiligen Minderheit, da sie ja die Regierung unterstützen. Nominiert er hingegen keinen, ist er ein weißer Rassist.


Wenn man es darauf anlegt, kann man Diversität auch so definieren, dass der politische Gegner immer daran scheitern muss.

Außerdem kann man Angehörigen von Minderheiten nicht vorschreiben, für welche Partei sie arbeiten, um ihrer Funktion als Diversitätsfaktor gerecht zu werden. Wer Vielfalt verlangt, muss auch akzeptieren, dass Angehörige von Minderheiten (oder auch Frauen) politische Überzeugungen vertreten, die aus der Sicht von Diversitätsbefürwortern unliebsam sein mögen. Die neue Innenministerin Priti Patel etwa, Tochter indischstämmiger Eltern, gehört dem rechten Flügel der Tory-Partei an. Das ändert nichts daran, dass mit ihr eines der wichtigsten Ministerien von einer nichtweißen Frau geführt wird. Und das ist ein Fortschritt.

2. Hephzi Pemberton, Gründerin des Beratungsunternehmens „Equality Group“, hat noch einen weiteren Einwand, weshalb Johnsons Kabinett lediglich scheinbar divers sei: Diversität hänge nämlich „nicht bloß von Ethnie und Gender“ ab. (Die Frauenquote von Johnsons Regierungsteam ist mit 24 Prozent für britische Verhältnisse relativ gut, der bisherige Höchstwert beträgt 30 Prozent.) Vielmehr sei die Tatsache, dass zwei Drittel der Minister Privatschulen besuchten und fast die Hälfte an den Elite-Universitäten Oxford und Cambridge studierte, der Beweis dafür, dass von echter Diversität keine Rede sein könne, so Pemberton.

Rishi Sunak, Staatssekretär im Finanzministerium, ist indischer Abstammung, studierte in Oxford und ist mit der Tochter eines indischen Milliardärs verheiratet. Gilt er nicht mehr als BAME, weil er zur Elite zählt?

Wäre Hillary Clinton als erste Frau ins Weiße Haus gewählt worden, hätte man mit Hinweis auf die Tatsache, dass sie an der Elite-Uni Yale studierte, die Nase gerümpft? Michelle Obama, eine Zeit lang als Traumkandidatin der Demokraten gehandelt, schaffte es nach Harvard; Ursula von der Leyen, erste weibliche EU-Kommissionspräsidentin, studierte an der London School of Economics. Dass Frauen und Angehörige von ethnischen Minderheiten an den besten (und manchmal teuersten) Universitäten Abschlüsse machen und danach in die politische Elite vordringen, ist eine Erfolgsgeschichte.

Wenn man es darauf anlegt, kann man Diversität auch so definieren, dass der politische Gegner immer daran scheitern muss. Ethnie und Gender sind okay? Dann mangelt es vielleicht an der Vielfalt der sozialen Herkunft, der Religionszugehörigkeit, der sexuellen Orientierung oder der Vielfalt der körperlichen Attraktivität? (Letztere weicht bei Johnsons Kabinett übrigens nicht wesentlich von der der Gesamtbevölkerung ab. Dafür gibt’s ein Plus!)

Jeder Fortschritt bei Ethnie und Geschlecht ist zu begrüßen. Aber eine Ministersuche sollte nicht per Rasterfahndung entschieden werden.

Und, ja, Frauen und Angehörige von Minderheiten können politisch weit rechts stehen, und rechtsextrem, homophob, frauenfeindlich oder doof sein – genau wie Männer und Angehörige der Mehrheitsethnie. Auch das zu akzeptieren, ist Teil der Idee von Diversität. Priti Patel, Marine Le Pen, Alice Weidel, Beate Hartinger-Klein? Because it’s 2019.

robert.treichler@profil.at
Twitter: @robtreichler