Robert Treichler

Robert Treichler

© Alexandra Unger

Meinung
12/11/2021

Robert Treichler: Vögel sind nicht echt!

Hier sind zwei Tipps, wie Sie mit demonstrierenden Impfgegnern klarkommen. Einer davon ist lustig.

von Robert Treichler

Es ist nicht einfach, Standpunkte zu ertragen, für die so gar nichts spricht. Samstags marschieren Zehntausende durch die Straßen und behaupten lautstark Lavendel. Die FPÖ-Abgeordnete Dagmar Belakowitsch, die vergangene Woche von „ganz, ganz vielen Geimpften, die wegen eines Impfschadens behandelt werden müssen“ ins Mikrofon fantasierte, mag als Illustration dieser Herausforderung genügen. Was tun mit solchen Leuten, mit solchen Demonstrationen, mit solchen Provokationen?

Hier kommt Rat Nummer eins. Er ist lustig, aber nicht nur.

Die Idee stammt von einem 23 Jahre alten, verkrachten Studenten der Universität Arkansas im Süden der USA. Er heißt Peter McIndoe. Vor vier Jahren geriet er in eine Demonstration von Anhängern des damaligen US-Präsidenten Donald Trump, dessen Neigung zu „alternative facts“ ebenso legendär wie enervierend war. McIndoe schnappte sich ein Plakat und malte spontan einen Drei-Worte-Slogan drauf: „Birds aren’t real“ – Vögel sind nicht echt.

Die blödsinnige Behauptung war als Parodie auf abstruse, faktenwidrige Statements zu verstehen, wie Trump sie oft äußerte. Zufällig wurde McIndoe dabei gefilmt, und der Clip landete in den sozialen Medien. Von da an ging es los. Teenager übernahmen den Claim in ihren Sprachschatz, er tauchte in Form von Graffitis auf, und als McIndoe das begriff, erfand er um die drei Worte herum eine Geschichte. Die geht so: Vögel wurden ab den 1970er-Jahren von der Regierung komplett durch Überwachungsdrohnen ersetzt. Als Beweis dafür diente McIndoe ein Schauspieler, der sich in einem Video als ehemaliger CIA-Agent ausgab und gestand, an diesem Programm mitgearbeitet zu haben. Das Video wurde auf der Filmschnipsel-Plattform TikTok 20 Millionen Mal gesehen.

Die „Vögel sind nicht echt“-Story ist ebenso unwiderlegbar wie Impfschaden-Märchen. Der Test: Sie haben unlängst eine tote Taube auf der Straße gesehen, die aus Fleisch und Blut war? Ja, klar, ein paar solcher Exemplare lässt die Regierung platzieren, damit ihr Drohnen-Coup nicht auffliegt! Vögel zwitschern, picken Körner und paaren sich? Pff, was glauben Sie, wozu die Drohnen-Technologie heutzutage bereits in der Lage ist?! McIndoes Gruppe verkauft mittlerweile jede Menge Merchandising mit ihrem Spruch und demonstrierte auch schon vor dem Hauptquartier von Twitter in San Francisco, um dagegen zu protestieren, dass der Konzern ein – vermeintliches! – Vögelchen als Logo verwendet.

Also falls Sie diesen Samstag Frau Belakowitsch oder ihresgleichen begegnen, schlagen Sie sie mit ihren eigenen Waffen. Sagen Sie: Ich schwöre, und ich kann es beweisen, Vögel sind nicht echt! Und wie war das noch mal mit den Impfschäden, die die Spitäler füllen?

Hier kommt Rat Nummer zwei.

Ein kurzer Ausflug entführt uns nach Washington D.C., wo US-Präsident Joe Biden vergangene Woche einen „Demokratiegipfel“ abgehalten hat. Dafür erntete er besonders harsche Kritik aus China – nicht ganz zufällig, schließlich war China als autoritärer Staat (neben anderen wie Russland) zu dem Event nicht eingeladen. Das Chongyang Institut der Renmin University of China erstellte daraufhin einen Zehn-Punkte-Katalog, der alle Defekte der amerikanischen Demokratie auflistet.

Darunter sind einige Vorwürfe, die in der Tat zutreffen: der anhaltende Rassismus, die aufgeheizte Stimmung, angefacht durch Auswüchse in den sozialen Medien, die tiefe Spaltung zwischen den beiden großen Parteien … Das Paradoxe daran ist, dass die chinesischen Autorinnen und Autoren sich in ihrem Pamphlet auf Aussagen und Dokumente von Leuten und Institutionen berufen, die in China zensuriert werden. Um ein Beispiel zu nennen: der US-Intellektuelle Francis Fukuyama, dessen Buch „Political Order and Political Decay“ in China erst nach einer Säuberung durch die Zensurbehörde von mehr als 20 Passagen erscheinen durfte.
Unter Punkt 4 des chinesischen Dokuments fällt mehrmals ein interessanter Begriff: die „überbeanspruchte Freiheit“.

Diese zeige sich darin, dass Leute in den USA einen „Kulturkampf“ gegen Anti-Covid-Masken und andere Maßnahmen führten – und zwar legal. Dies sei ebenso ein Makel der „korrupten amerikanischen Demokratie“ wie die „falsche Meinungsfreiheit“, die Desinformation ermögliche.

Darunter sind einige Vorwürfe, die in der Tat zutreffen: der anhaltende Rassismus, die aufgeheizte Stimmung, angefacht durch Auswüchse in den sozialen Medien, die tiefe Spaltung zwischen den beiden großen Parteien.

Die chinesische Kritik spricht viel von dem an, was unserer Gesellschaft unter den Nägeln brennt und wofür wir Lösungen suchen. Aber die Antwort Chinas auf alle Fragen ist Repression. In den USA finden Demonstrationen der „Black Lives Matter“-Bewegung statt, weil es Rassismus gibt – in China darf es keine Demonstrationen der unterdrückten muslimischen Minderheit der Uiguren geben; in den USA dürfen Intellektuelle alles, was sie am politischen System des Westens auszusetzen haben, öffentlich formulieren, in China ist dies umgekehrt undenkbar.

Und schließlich dürfen in den USA – und im gesamten Westen, also auch bei uns – sogar Bewegungen, die den Regierungen während einer Pandemie das Leben schwermachen, Demonstrationen abhalten und gegen Masken und Impfungen auftreten.

Das ist Meinungsfreiheit, und nein, das ist in der westlichen Demokratie eben keine „Überbeanspruchung“. Dass wir das (mit zusammengebissenen Zähnen) aushalten, zeichnet unser Gesellschaftssystem aus. Daran sollten wir denken, wenn Frau Belakowitsch sagt … Sie wissen schon.

Und immer daran denken: Vögel sind nicht echt.

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