So sieht das Straßenbild in Belgrad derzeit fast täglich aus. Menschenmassen mit gezückten Smartphones fordern im "call for resignation" Alexandar Vučićs Rücktritt.
Morgenpost

Alles ganz normal!

Während Österreich darüber streitet, was normal ist und was "präfaschistoid", haben tausende Serbinnen und Serben eine klare Vorstellung davon, wie ihre politische Normalität aussehen soll - und gehen dafür täglich auf die Straße.

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Wachen Sie in der Früh manchmal auf und denken: "Kann ich nicht einfach in einem ganz normalen Land leben?" Wobei: Was ist schon normal? Darüber debattiert ja gerade das gesamte politische Spektrum - durchaus medienwirksam. Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner hatte in einem Gastkommentar im "Standard" in Bezug auf die Gender-Dabatte, oder eigentlich auf das Fehlen einer solchen in Niederösterreich, von "normal denkenden Menschen" gesprochen. Vizekanzler und Grünen-Chef Werner Kogler warf ihr wiederum im profil-Interview mit Eva Linsinger eine "präfaschistoide Ausdrucksweise" vor. Sie sehen, was normal ist und wer den Begriff Normalität wie deuten soll, darüber ist man sich in Österreich nicht ganz einig. Und vielleicht ist das auch gut so.

In Belgrad haben hingegen zig tausende junge Serbinnen und Serben eine relativ genaue, kollektive Vorstellung davon, was normal ist und was nicht: ein funktionierender, nicht korrumpierbarer Rechtsstaat, freie Medien und keine Kultur der Gewalt und Gewaltverherrlichung, die im Amoklauf eines erst 13-jährigen Kindes in einer Schule im Mai gipfelte. Dafür gehen sie seit Wochen zu Tausenden täglich gegen das politische System unter Präsident Aleksandar Vučić auf die Straße. Franziska Tschinderle traf in Belgrad einige dieser Menschen und erzählt hier, warum sie so wütend sind und was sie Tag für Tag auf die Straße treibt.

Der Frust auf das System treibt aber nicht nur viele Belgrader zum Protestmarsch, sondern vertreibt auch viele junge, gebildete Serbinnen und Serben aus ihrem Land. Einer von ihnen ist Jasmin K., der seit dem Vorjahr als Software-Entwickler in Oberösterreich arbeitet. Ich habe ihn im Zuge einer Recherche zum Thema Fachkräftemangel und Arbeitsmarkt kennengelernt. „Das Gehalt war keine Motivation, nach Österreich zu kommen“, erzählt er. „Als Programmierer kann man auch in Belgrad sehr gut leben. Meine Studienkollegen verdienen dort nicht weniger als ich. Ich wollte aber in einem Staat leben, im dem das System und die Institutionen einfach funktionieren.“ Mit dieser Einstellung ist er in der Community nicht allein. Auch Jelena M., die kurz vor der Pandemie mit ihrer damals dreijährigen Tochter nach Wien kam und hier als Fremdenführerin arbeitet, tat das, weil sie sich nach ein bisschen "Normalität" sehnte. "Ich lebe hier, zumindest finanziell, nicht so viel besser als in Belgrad. Aber Serbien unter Vučić ist einfach kein normales europäisches Land! Das Mediensystem ist völlig kaputt und die Gewalt ist allgegenwärtig - in der Sprache der Politiker, in den Schulen, auf der Straße", erzählt sie. 

Alles ganz normal soll hingegen in der "Österreich"-Mediengruppe der Gebrüder Wolfgang und Helmuth Fellner laufen. Das erklärt zumindest der Kronprinz des Medienimperiums, Nikolaus "Niki" Fellner im Interview mit Max Miller und Lucas Ammann. Ermittlungen der WKStA rund um mutmaßliche Inseratenkorruption? Anschuldigungen ehemaliger Mitarbeiterinnen gegen Wolfgang Fellner wegen sexueller Belästigung? Alles kein Thema und unwahr. Ein ganz normales Medium eben.

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Marina  Delcheva

Marina Delcheva

leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der "Wiener Zeitung".