Morgenpost

Darf man die Erkrankungen von Politikern zum Thema machen?

Burgenlands Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil hat sehr offen und ausführlich mit profil über seine Gesundheit gesprochen.

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Wird Hans-Peter Doskozil bei den nächsten Nationalratswahlen als Kanzlerkandidat für die SPÖ antreten? Diese Frage will Burgenlands Landeshauptmann im profil-Interview nicht beantworten. Immerhin hat die SPÖ bei den Landtagswahlen in Kärnten einmal mehr an Stimmen verloren – und die Wahl in Salzburg Ende April wird für die Partei erst recht zur Zitterpartie.

Sicher ist: Die Fan-Basis von SPÖ-Chefin Pamela Rendi Wagner wird kleiner, das schreibt auch Eva Linsinger im Leitartikel des aktuellen profil

Auch deshalb will ein Teil der Partei Doskozil an der Spitze. Und dass er sich selbst für den besseren Parteichef hält, ist ein offenes Geheimnis. Aber könnte er es auch?

Der 52-Jährige leidet an einer Erkrankung des Kehlkopfes. Sie ist an sich ungefährlich, zieht die Stimme Doskozils aber arg in Mitleidenschaft.

profil-Innenpolitik-Journalistin Iris Bonavida hat mit dem burgenländischen Landeshauptmann gesprochen. Nicht über Pamela Rendi-Wagner – sie hat Doskozil während des knapp einstündigen Gesprächs nur ein einziges Mal erwähnt –, sondern über seinen Gesundheitszustand.

Darf man die Krankheit zum Thema machen – und gar aufs Cover bringen? Das wurde auch in der profil-Redaktion diskutiert. Es ist eine Gratwanderung, denn Gesundheit ist im höchsten Maße privat. Nur: Bei Politikern ist es eine Frage der Abwägung. Spitzenjobs in der Politik sind sehr anstrengend, und die Wähler haben ein berechtigtes Interesse daran zu erfahren, ob sich das gesundheitlich ausgeht.

Doskozil sieht das genauso: „Wenn man als Politiker in der Öffentlichkeit steht, Operationen hat und immer wieder einmal nicht da ist, hat die Bevölkerung zumindest ein Recht darauf, zu erfahren, was los ist“, sagt der Landeshauptmann.

Als er 2017 bemerkte, dass etwas nicht in Ordnung sei, habe ihm sein Umfeld geraten, zu schweigen, um keine Schwäche zu zeigen. Doch Doskozil hat erkannt, dass Schweigen kein Ausdruck von Stärke ist. Er geht offen mit seiner Erkrankung um.

Offener Umgang als Tabubruch

Dass Politikerinnen und Politiker ihre Erkrankungen in die Öffentlichkeit tragen, ist ein relativ neues Phänomen. Es war ein offenes Geheimnis, dass Bruno Kreisky, Bundeskanzler von 1970 bis 1983, Dialyse-Patient war, offen darüber gesprochen hat er nicht. Jahrzehnte später machte der damalige Klubobmann der Grünen in Vorarlberg, der heutige Gesundheitsminister Johannes Rauch, seine Krebserkrankung öffentlich. „Darüber zu sprechen, hat nicht nur mein Leben erleichtert, sondern vor allem auch zu Enttabuisierung geführt“, sagt er im Gespräch mit profil.

Auch die damaligen Spitzenpolitikerinnen, Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser, beide im Amt verstorben, machten ihre gesundheitlichen Probleme öffentlich. Das sorgte in der Bevölkerung für Bewusstseinsbildung. Selbstverständlich können auch Politiker krank werden. „Es ist einfach menschlich“, sagt Doskozil. „Jeder ist in seinem Umfeld mit so etwas konfrontiert.“

An dem Willen Doskozils, Pamela Rendi-Wagner an der Spitze der Partei zu beerben, gibt es kaum mehr Zweifel. Auch Doskozil betont immer wieder, dass er könnte. „Wenn ich kein politisches Amt ausführen könnte, würde ich nicht hier sitzen“, sagt er etwa. Schwierigkeiten bereiten ihm Unterhaltungen in einer lauten Umgebung, der Landeshauptmann kann nicht mehr so laut sprechen wie früher, mitunter versagt seine Stimme.

Das sehen offenbar auch in der SPÖ einige als Ausschlusskriterium für eine Spitzenkandidatur. Seine Kritiker halten Doskozil auch wegen seiner Politik im Burgenland für ungeeignet:

Ende 2021 haben die Schulden des Bundeslandes rund 1,8 Milliarden Euro betragen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort.