Morgenpost

Warum die Stadt Wien nichts vom Rekordergebnis der Wien Energie bekommt

Die Wien Energie hat 2023 einen Jahresüberschuss von fast 600 Millionen Euro eingefahren. Die Alleingesellschafterin Stadt Wien bekommt davon aber nichts. Zumindest vorerst nicht.

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Die Wien Energie hat einen Lauf: Nach einem Überschuss von 385 Millionen Euro im Jahr 2022, folgt für das Vorjahr mit 598 Millionen Euro abermals ein Rekordüberschuss. Davon bekommt die Stadt Wien, die Alleingesellschafterin der Konzernmutter Wiener Stadtwerke ist, dennoch keinen Cent. Zumindest bis 2025 nicht. Der Grund dafür liegt rund zwei Jahre zurück.

Teenager kennen das Problem, wenn sie am Wochenende ihre Eltern nach Geld fragen. Und auch die Wien Energie hat im August 2022 erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man am Wochenende kurzfristig Geld braucht.

Die Wien Energie musste also ihre Mutter anschnorren: die Stadt Wien. Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) machte im Juli 2022 – also einen Monat bevor der finanzielle Engpass publik wurde – im Alleingang per Notkompetenz insgesamt 1,4 Milliarden Euro als Kredit locker.

Diese Gelder aber drohten nicht auszureichen, um an der internationalen Gasbörse Gas einzukaufen. Schließlich trafen sich am Wochenende des 27. und 28. August 2022 Vertreter der E-Wirtschaft, der Stadt Wien und der Regierung im Bundeskanzleramt.

Zwischen 1,7 und 1,8 Milliarden Euro musste die Wien Energie nur wenige Stunden nach Ende der Krisensitzung als Sicherheit hinterlegen, um die Geschäfte an der Energiebörse abzusichern. So viel Geld konnte das Unternehmen damals aber allein nicht stemmen.

Deshalb musste auch noch die Großfamilie – also der Bund – einspringen und über die Österreichische Bundesfinanzierungsagentur (ÖBFA) eine Kreditlinie in der Höhe von zwei Milliarden Euro gewähren. Mit einer Laufzeit bis 30. April 2023.

In Anspruch nehmen musste man dieses Darlehen zwar nicht, aber um auch danach finanzielle Engpässe zu vermeiden, hat die Stadt Wien im Vorjahr einen eigenen Schutzschirm für seine hundertprozentige Energie-Tochter aufgesetzt, der noch mindestens ein Jahr lang läuft.

Und jetzt zurück zu den üppigen Gewinnen der Wien Energie. 

Im Wiener Gemeinderat wurde nämlich nicht nur der Schutzschirm vereinbart, sondern damit einhergehend auch ein Verbot für die Ausschüttung von Gewinnen. Und zwar von der Wien Energie GmbH an die übergeordnete Wiener Stadtwerke GmbH, die wiederum der Stadt Wien gehört. Obwohl die Wien Energie in den vergangenen beiden Jahren Rekordergebnisse eingefahren hat, bekommt die Alleingesellschafterin Stadt Wien nun nichts. Oder genauer gesagt: vorerst nicht.

„Temporäre Ausschüttungsverbote haben mitunter bloß einen zeitverzögernden Effekt, nämlich, dann, wenn bis zu diesem Termin gewartet wird“, sagt der Ökonom Michael Böheim vom Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Soll heißen: Die Stadt könnte sich die Gewinne aus dem Geschäftsjahr 2025 in voller Höhe auszahlen lassen, sofern der Gemeinderat den Schutzschirm nicht verlängert.

Am Frust der Endkundinnen und Kunden ändert das freilich nichts. Denn vor allem in Wien sind viele enttäuscht, dass ein öffentlicher Energieversorger sich beim Spagat zwischen Daseinsvorsorge und Gewinnmaximierung eher für Zweiteres entscheidet. Es ginge nämlich auch andersrum.

„Wenn sich der regionale Mehrheitseigentümer (meistens das jeweilige Bundesland; Anm.) festlegt, auf jede Dividende zu verzichten, vielleicht sogar einen temporären Verlust in Kauf nimmt, dann wird sich die Geschäftsführung diesem Eigentümerwunsch praktisch nicht entziehen können. Dadurch hätte man trotz der Teuerung die Endkundentarife – natürlich zu Lasten der Dividenden und des Landesbudgets – niedriger halten können, auch wenn die Preise am Großhandelsmarkt steigen“, meint der Ökonom.

Die damit einhergehenden temporären Verluste könne man laut dem Wirtschaftsforscher damit rechtfertigen, dass Unternehmen in öffentlicher Hand unter anderen Rahmenbedingungen, mit einer stärkeren Orientierung am Gemeinwohl, agieren können als rein privat geführte Unternehmen.

Land der Rabatte

Kundinnen und Kunden haben die Preisgestaltung bis zu einem gewissen Grad selbst in der Hand, sagt Böheim: „Wenn nur relativ wenige Leute trotz großer Preissprünge ihren Anbieter wechseln, dann hat ein profitorientiertes Unternehmen wenig Anreize, niedrige Preise anzubieten.“ Auch, weil die Preispolitik der meisten Energieunternehmen auf einer Gewährung von Einmalrabatten auf einen hohen Basispreis beruht: Laufen diese aus, war es das oft mit dem günstigsten Tarif, „und dann wird natürlich gehofft, dass die Kundinnen und Kunden das Wechseln vergessen“, sagt der Wifo-Experte. 

Sein Tipp: „Ich wechsle jedes Jahr zu meinem Geburtstag den Energielieferanten, dann vergesse ich das nicht. Wahlweise geht auch der Hochzeitstag oder Weihnachten. Das muss man den Konsumentinnen und Konsumenten schon anlasten, der freie Wettbewerb kommt eben nicht von selbst“, sagt Böheim.

Obwohl die Stadt Wien bis mindestens 2025 keine Dividende aus der Wien Energie bekommt, sollen Konsumentinnen und Konsumenten künftig dennoch etwas vom guten Ergebnis abbekommen. 502 Millionen investiert die Wien Energie im Jahr 2024 in die erneuerbare Wärmeerzeugung, die Diversifizierung von russischem Gas und in den Ausbau der Fernwärme. Insgesamt werden im laufenden Jahr rund 350 Millionen Euro – 149 Millionen aus dem Vorjahr – für Entlastungsmaßnahmen der Kundinnen und Kunden in die Hand genommen. Auch Gutscheine dürfen dabei selbstverständlich nicht fehlen: 140 Millionen Euro sind für Rabatte bei der Fernwärme vorgesehen.

Julian Kern

Julian Kern

ist seit März 2024 im Online-Ressort bei profil und Teil des faktiv-Teams. War zuvor im Wirtschaftsressort der „Wiener Zeitung“.