Rotes Wien: Die Utopie vom besseren Menschen

Rote Falken vor dem Wiener Rathaus am 1.Mai 1931

Rote Falken vor dem Wiener Rathaus am 1.Mai 1931

Hundert Jahre Rotes Wien markieren das Scheitern einer Welt frei von Lüge, Faulheit, Hass und Trunksucht.

Angesichts der Schwanengesänge, die derzeit allenthalben angestimmt werden, droht eine unbestreitbare historische Tatsache in Vergessenheit zu geraten: Die Sozialdemokratie hat auch schon bessere, geradezu glorreiche Zeiten erlebt. Vor 100 Jahren trat sie an, Wien zu einer aufgeschlossenen, fortschrittlichen, für alle Gesellschaftsschichten lebenswerten Stadt zu machen – mit beachtlichem Erfolg, wie CHRISTA ZÖCHLING in der aktuellen Titelgeschichte schreibt: „Die damalige Sozialdemokratie war am Puls der Zeit. Ihre Anführer wussten, wie Fabrikarbeiter und Hausgehilfinnen, kleine Geschäftsleute und Gewerbetreibende lebten, wie sie dachten, was sie drückte. Sie fühlten sich als Avantgarde, von Herkunft und Schicksal begünstigt, deren Aufgabe darin bestand, durch Schaffung besserer Lebensbedingungen und Bildung für die ärmeren Schichten alle auf diese Höhen zu heben.“

Vor allem das Wohnbauprogramm des „roten Wien“ war revolutionär und prägt Struktur und Stimmung der Stadt de facto bis heute. Zöchling rekapituliert die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte einer großen Utopie – nicht ohne kritisch zu hinterfragen, was davon geblieben ist, 100 Jahre später.