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08/23/2021

Afghanistan: „Ist da jemand?”

Am Einzelschicksal lässt sich die brutale Wucht der Ereignisse am eindringlichsten erleben.

von Angelika Hager

Guten Morgen!

„Immer doch schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten, dem Erschlagenen entstellt der Sieger die Züge”, schrieb Bertolt Brecht.

An dieses Zitat muss man denken, wenn man das Foto zu Christa Zöchlings erschütterndem Bericht „Ist da jemand?” sieht: Verdeckt von einem Stück Papier sind da nur die angsttrunkenen Augen der 42jährigen Richterin Shalima zu sehen, die versteckt mit ihren drei Schwestern, einem halbblinden Bruder und ihrer gebrechlichen Mutter im Keller eines aufgelassenen Lagers in Kabul ihres Schicksals harrt, eine Giftkapsel hat sie in Griffweite. Mit dieser Geschichte gelang es Zöchling wieder einmal, den Schreckensmeldungen, die uns dieser Tage im Minutentakt erreichen, ein Gesicht zu geben. Am Einzelschicksal lässt sich die brutale Wucht der Ereignisse am eindringlichsten erleben.

Über Shalimas in Salzburg lebenden Bruder gelang es Zöchling, mit der Schwester über WhatsApp Kontakt aufzunehmen und ein Interview zu führen. Vor zwei Wochen war Shalimas beste Freundin, eine Kanzleikraft, tot aufgefunden worden, zwei ihrer Amtskolleginnen waren im Jänner auf offener Straße erschossen worden, das prachtvolle Haus ihrer Familie wenige Tage nach der Machtübernahme der Taliban mit Benzin übergossen und einer Ruine gleich gemacht worden. Zöchling schickt auf Bitten der Frau die Kontaktdaten an das österreichische Außen- und Justizministerium und schloß mit dem Satz „Ist da jemand?”. Die Hoffnung stirbt angeblich zuletzt.

Ihre Geschichte ist Teil einer 14-seitigen Strecke über Afghanistan, in denen Robert Treichler, Clemens Neuhold, Michael Hesse  und Christian Rainer (in seinem Leitartikel) die Auswirkungen des Terror-Regimes auf Österreichs Asylpolitik, die EU und die Weltpolitik, die afghanische Community in Wien und die Hintergründe der raschen Eroberung durch die Taliban analysieren und kommentieren.

Der französische Islam-Experte Olivier Roy, eine internationale Kapazität, der die Machenschaften der Taliban aus erster Hand kennt, erklärt in seinem Interview in der aktuellen Ausgabe: „Die Taliban waren perfekt vorbereitet. Da war schlicht niemand da, der gegen sie kämpfen wollte. Das Regime ist wahnsinnig schnell zusammen gebrochen, es war extrem fragil. Die Armee existierte nur auf dem Papier.”

In jedem Fall bietet dieses Heft viele Perspektiven auf eine Katastrophe, die am 11. September vor 20 Jahren begonnen hat.

Erhellende Lektüre wünscht

Angelika Hager

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