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Österreich
07/21/2020

AK-Präsidentin Anderl: "Wir brauchen auch weiter Flugzeuge"

Für Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl führt der Weg aus der Krise über faire Einkommen, Konsum und eine befristete Corona-Vermögensabgabe. Beschäftige im Stich zu lassen komme nicht in Frage.

von Edith Meinhart

profil: Ist eine Wirtschaft ohne Wachstum für Sie vorstellbar?

Anderl: Wir haben als Arbeiterkammer immer die Beschäftigung im Blick, aber unter guten Bedingungen und mit einem fairen Einkommen. Das ermöglicht den Konsum. Nur so kann es überhaupt funktionieren. Wachstum um des Wachstums willen hat keinen Sinn.

profil: 1972 warnte der Club of Rome, ewiges Wachstum gehe sich auf einem endlichen Planeten nicht aus.

Anderl: Wenn es nur darum geht, dass Unternehmen immer höhere Gewinne einfahren, wird irgendwann eine Grenze erreicht sein.

profil: Der Übergang in eine Weniger ist mehr-Gesellschaft wäre ruppig, weil zunächst Arbeitsplätze verloren gingen, etwa in der Autoindustrie, und woanders neue entstehen.

Anderl: Das passiert ohnedies. Ich komme aus der Metallergewerkschaft. Wo vor 40 Jahren in der Produktion tausende Mitarbeiter arbeiteten, sind jetzt Roboter am Werk. Und die Digitalisierung geht weiter. Wir brauchen Qualifizierung im IT-Bereich, Menschen, die Roboter bauen und programmieren. Auch die Bewältigung der Klimakrise, gegen die es ja keinen Impfstoff gibt, eröffnet Chancen für neue Beschäftigung. Oder der Bereich Gesundheit und Pflege, wo Maschinen nicht alles ersetzen können. Hier haben wir heute schon Personalnot. Die Leute arbeiten am Limit.

profil: Sind Sie für eine Vier Tage-Woche, wie die SPÖ vorschlägt?

Anderl: Ich bin dafür, kürzer zu treten, aber man sollte nach Branchen unterscheiden. Die Gewerkschaften wissen ziemlich genau, wo die Arbeit körperlich und psychisch an die Substanz geht. Wichtig wäre ein leichterer Zugang zur sechsten Urlaubswoche, die es in der Regel erst gibt, wenn man zwanzig Jahr im Betrieb ist. Menschen wechseln den Job, qualifzieren sich weiter, manchmal unfreiwillig, weil sie gekündigt werden, manchmal freiwillig. Für Erholung bleibt zu wenig Zeit.

profil: In der Pandemie waren viele in Kurzarbeit oder verloren den Job. Wie soll es weitergehen?

Anderl: Der Sozialstaat ist weiter gefordert, koste es, was es wolle. Das meine ich so. Ohne Kurzarbeit wäre die Arbeitslosigkeit noch höher. Ein Großteil der Betriebe wird es damit hoffentlich schaffen. Daher, Ja zur Verlängerung der Kurzarbeit, aber mit klaren Spielregeln und Kontrollen. In der Corona-Krise musste alles schnell gehen. Die Sozialpartnerschaft hat sich in dieser Situation bewiesen und innerhalb weniger Stunden ein Modell auf die Beine gestellt. Nun brauchen wir eines, das in künftigen Krisen für alle Branchen und Unternehmen, die Hilfe nötig haben, passt.

profil: Auch der Sozialstaat stößt irgendwann an Grenzen. Soll er neue Einnahmequellen erschließen?

Anderl: Wichtig wäre jetzt eine bis 2025 oder 2030 befristete Corona-Vermögensabgabe, die dafür sorgt, dass jene, die mehr haben, auch mehr beitragen. In Deutschland bekannten sich 83 Millionäre in einem offenen Brief zu höheren Steuern. Vielleicht sind unsere Millionäre auch nicht so? Wenn wir es schaffen, das Arbeitslosengeld zu erhöhen, damit Menschen nicht auf die Hälfte ihres Einkommens zurückfallen, dadurch der Konsum angeregt wird, sorgt das auch für Beschäftigung und Steuereinnahmen.

profil: Sollen die vielbeklatschten Systemerhalter, von denen viele zu den Geringverdienern zählen, finanziell belohnt werden?

Anderl: Der überwiegende Teil sind Frauen im Gesundheitswesen, in der Pflege, im Lebensmittelhandel. Viele arbeiten Teilzeit und waren in der Pandemie besonders belastet, weil sie sich zuhause um die Kinder kümmern mussten. Das sollte uns als Gesellschaft etwas wert sein. Der ÖGB-Tausender ist ein Anfang. Aber wir brauchen auch etwas Nachhaltiges, sonst wachsen die Vermögen der Reichen immer weiter und unten kommt man nicht weiter.

profil: Soll der Staat Unternehmen retten, um Jobs zu erhalten, obwohl es aus klimapolitischer Sicht vielleicht gescheiter wäre, es nicht zu tun?

Anders: Beschäftigte im Stich zu lassen, kommt für die Arbeiterkammer nicht in Frage. Wenn etwa das Opelwerk ein Problem hat, kann man nicht sagen, die stellen Motoren her, deshalb kümmern uns die Jobs nicht. Die Frage ist, wie man in Zukunft ökologisch bessere Fahrzeuge herstellt. Wir brauchen auch weiter Flugzeuge, um Touristen aus dem Ausland nach Wien zu bekommen. Der Stadttourismus wird noch lange leiden. Und gerade bei Fluglinien und in der Autoindustrie geht es um viele Beschäftigte. Wir müssen parallel etwas aufbauen. Sonst ist der Übergang nicht zu schaffen.  

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